Fünfseen-Filmfestival in Starnberg:"Wir haben etwas mondäner gedacht"

Eröffnung des Fünfseen-Filmfestivals fsff; In der Schloßberghalle

Eröffnet am Mittwoch wieder das Fünfseen-Filmfestival: Matthias Helwig, Erfinder und Leiter der Reihe.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Leiter Matthias Helwig spricht über das Programm, die Unterschiede zu den Vorjahren, zu den großen Festivals und die Schwierigkeit, junge Leute ins Kino zu bringen.

Interview von Gerhard Summer

Das Telefon bimmelt penetrant, zwischendrin kommt ein junger Mann ins Foyer des Starnberger Kinos und fragt, wo die Verlängerungskabel für die Schlossberghalle sein könnten. Matthias Helwig, 59, nimmt's gelassen. Er kommt gerade von den Filmfestspielen in Venedig, hat bis zum Auftakt seines eigenen Fünfseen-Festivals noch etliche Interviews vor sich und kann trotzdem noch ruhig schlafen. Ein Freund hat ihm geschrieben, dass er entweder megacool sein müsse oder das Doris-Day-Syndrom habe. Was das ist? Weiß keiner hier im Kino, sollte man mal googeln. Ein Gespräch über Filmstars, die Schwierigkeit, junge Zuschauer ins Kino zu holen und die Unterschiede zu den ganz großen Filmfestspielen.

SZ: Abgesehen von der Größe des Festivals in Venedig, vom ganzen Staraufgebot, von der Atmosphäre - gibt es, was das Publikum betrifft, große Unterschiede zum Fünfseen-Festival?

Matthias Helwig: Ja und nein. Die Eröffnung in Venedig ist direkt am Strand, du gehst dort entlang und siehst auf der einen Seite Badegäste und auf der anderen die Leute in Frack und Abendkleid. Das ist die Hautevolee, du merkst, jetzt kommen die Venezianer, die Stadtleute. Was mir gut gefallen hat: dass neben dem ganzen Fachpublikum viele junge Leute bei den Filmfestspielen sind. Ich habe zum Beispiel eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte über 18- und 19-Jährige in den USA gesehen, "Giants Being Lonely". Im Saal saßen eben auch junge Leute, die nehmen das Festival wahr und finden es toll, völlig unabhängig von den Debatten über Netflix.

Wie ist der Altersdurchschnitt beim Fünfseen-Festival? So wie üblich über 60?

Es ist leider so. Ich werde vielleicht auch bei der Eröffnungsfeier etwas dazu sagen. Junge Leute durchs Kino oder einzelne Filme zu faszinieren, ist sehr schwer, die Informationskanäle sind höchst unterschiedlich. Das ist sicherlich auch in Italien so, aber natürlich kann Venedig mit den Stars punkten. Als Brad Pitt da war, hat er einen Zuschauer gefragt: "Wie lange wartest du hier?" Es gibt dort eine Zone entlang des roten Teppichs, und in dem Fall hat der junge Mann von vier Uhr früh an mehr als zehn Stunden gewartet, um an der Stelle zu sein, wo er womöglich von Brad Pitt angesprochen wird. Die Fans übernachten dort im Camper und schauen sich von früh bis spät Filme an. Und natürlich, ich würde mir auch für Starnberg jüngere Zuschauer wünschen.

Immerhin ist vor drei Jahren einmal ein richtiger Fanclub angereist.

Richtig, das war wegen des Schauspielers Florian David Fitz.

Es gibt heuer eine einzige Veranstaltung mit Youtubern im Kino Gauting. Was ein bisschen wenig ist, um junge Leute anzulocken.

Ich habe das Gefühl, dass dieser Youtube-Event mehr von den Älteren als jugendlicher Event wahr- und wichtiggenommen wird als von den jungen Leuten selber, etwas überspitzt gesagt. Wir neigen dazu, uns als 60-Jährige vorzustellen, wie die Jugend so ist. Ich denke mir aber: Als ich 20 war, war mir völlig wurscht, was ein 60-Jähriger gedacht und gemacht hat. Es ist heute noch genauso: Ein 19-Jähriger will das hübsche Mädchen von gegenüber treffen oder umgekehrt. Als 19-Jähriger wollte ich Dinge entdecken, bei mir war es halt der Film oder ein Buch, das tun die jungen Leute heute immer noch genauso. Sie wollen ihre Welt einfach entdecken. Dazu brauchen die nicht unsere Youtube-Debatte. Aber wenn ich einen guten Film habe und es schaffe, ihnen zu sagen, geh' da mal rein, dann finden die zum Beispiel "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya" über eine junge mazedonische Frau einfach cool. Die springt ins Wasser und zeigt es den Männern, das ist eine Situation, wie du sie vielleicht auch am Starnberger See haben kannst. Ich muss dazu keinen Youtube-Clip machen oder sonstiges. Das wäre das Gleiche wie jetzt bei der CSU, die irgendwie einen Youtube-Clip machen will, und der muss bunt sein. Ich denke mir: Ja, du Fünfzigjähriger denkst dir das halt.

Der Youtube-Diskurs ist also nur was für Senioren?

(Lacht) Die werden kommen. Sie kennen das ja nicht, also interessiert es sie.

Wie schwer ist es, bei dem Festival die Balance zu halten, was die Größe betrifft. Es heißt ja jedes Mal, im nächsten Jahr werden es weniger Filme sein, aber dann sind es doch wieder mehr. Wobei schon klar ist: Das Ganze braucht ein bestimmtes Format.

Ich muss ein bisschen widersprechen. Wir haben wirklich reduziert und die letzten beiden Tage gekappt. Mir ging es ja auch in Venedig so: Die Filmfestspiele dauern noch bis nächsten Samstag, aber ich kann es mir nicht leisten, dort zehn Tage zu bleiben. Das heißt in meinem Fall: Ich muss mich auf drei, vier Tage fokussieren. Und ich denke mir, wenn wir Strahlkraft haben und Besucher von außerhalb anziehen wollen, dann müssen die genau wissen: Du reist am Wochenende an und bekommt eine volle Packung Festival. Natürlich kann man sogar an diesen drei Tagen nicht alles mitbekommen, das ist überall so, auch in Venedig und Berlin.

Andererseits haben wir sogar einen Vorteil gegenüber den sogenannten A-Festivals: Niemand hat den Film, der dort läuft, vorher gesehen, du gehst rein und denkst, na, was soll denn das? Im Gegensatz dazu bringen wir ausgewählte, für gut befundene Filme nach Gauting, Starnberg, Weßling und Seefeld. Was auch bei den anderen kleineren Festivals wie in Graz oder Solothurn so ist. Dort kannst du also sicher sein, dass du in der Menge die besseren Filme siehst, weil du keine Ausfälle hast. Ich muss ja nicht die Weltpremiere mit einem Film von Meryl Streep haben. Wenn der nicht gut ist, muss ich den nicht zeigen. Denn: Die Streep wird sicher nicht kommen.

Wobei das schon mal schön wäre, wenn sie nach Starnberg käme?

Ja, klar, aber ich brauche weder Meryl Streep noch Scarlett Johannson fragen. Vor allem: Du kommst gar nicht ran. In Venedig wohnt die Johannson in dem Hotel gegenüber, die Journalisten werden zu zehnt in das Zimmer verfrachtet, dann dürfen sie 30 Sekunden lang Fragen stelle, wenn sie überhaupt drankommen. Ehrengäste gewinnt man nicht im Vorbeigehen, das setzt eine lange Vorbereitung voraus.

Wie funktioniert das?

Zum einen dadurch, dass man jemanden sehr lange kennt, zum anderen durch Mundpropaganda: zum Beispiel durch einen Ehrengast, der auf dem Set erzählt, die in Starnberg meinen das ehrlich. Denn das ist für Schauspieler und Regisseure das Wichtigste. Natürlich könnte man auch versuchen, die ganz Großen zu holen. Aber wenn Scarlett Johannson auf dem roten Teppich sagt, "Ich bin die bestbezahlte Schauspielerin der Welt, was will ich mehr?", dann weißt du, dass du sie gar nicht fragen musst. Denn ich kann nur mit Ehrlichkeit kommen, nicht mit Geld.

Was hebt das Programm 2019 von den Vorjahren ab?

Ich denke, dieses Mal gibt es weniger bayerischen Film, es ist schon etwas mondäner gedacht und weniger auf lokale Größen ausgelegt, außer vielleicht bei den Dokus.

Vielleicht ist das ja Zufall, aber der neue Festival-Trailer ist fast schon ein Zeichen dafür: weg vom hausbackenen Clip, hin zur zeitgemäßen eleganten Bildsprache.

Venedig hat auch wieder einen neuen Trailer, und als der zum ersten Mal kam, dachte ich mir: Nö, unserer kann da mithalten. Die haben vielleicht ein bisschen mehr Geld und mehr Animationen, aber ich finde unseren Trailer sogar spannender. Ich hoffe halt jetzt, dass das Publikum sich auch Filme anschaut, von denen es bisher nichts gehört hat.

Wie ist es bisher mit der Entdeckerfreude bestellt? Die Mehrheit geht auf Nummer sicher, oder?

Ja. Wir leben in einem reichen Landkreis, wir können gar nicht mehr reicher werden. Was haben wir also? Angst, dass wir etwas verlieren könnten logischerweise. Was zur Folge hat, dass man viele Dinge nicht sehen will, denn je mehr du siehst, wie die Welt ist, desto mehr kommst du ins Zweifeln, und das willst du gar nicht, du willst deinen Aperol und so.

Sie hatten hatte 2018 das Motto Zeit, heuer geht es um Raum, 2020 um Bewegung. Wäre es nicht an der Zeit, dass das Filmfestival politisch wird und sich zum Beispiel mit dem erschütternden Rechtsruck auseinander setzt?

Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt und ob ich das noch weitermache, aber wenn wir das annehmen, muss nach der Themen-Trilogie etwas Neues kommen.

Sie denken daran, aufzuhören?

Nein, wirklich nicht! Das war eher scherzhaft. Bisher waren die Mottos Begriffe, die vom Film kommen. Natürlich müssen wir Stellung beziehen, zum Beispiel auch zur sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland, das dauernde Wegschauen bringt nichts, die Welt hat sich geändert, aber halt wirklich nicht zum Guten. Ich werde im nächsten Jahr also daran gehen, wieder drei Begriff zu finden, die mich interessieren, die aber nicht an der Tagespolitik kleben dürfen.

Wie stehen Sie eigentlich den Festival-Stress durch. Schlafen Sie überhaupt während des Filmfests?

Ich schlafe immer gut. Ein Freund hat mir per SMS geschrieben, entweder bist du megacool oder du hast das Doris-Day-Syndrom.

Was ist das?

Keine Ahnung. Vielleicht: Du tust glücklicher, als du bist.

© SZ vom 04.09.2019
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