Der angekündigte „Sommer-Apéro“ zum Auftakt des Fünf-Seen- Filmfestivals war zwar eher einer der ersten Herbstabende des Jahres. Die am Mittwoch auf der MS Starnberg versammelten Filmschaffenden, Förderer und Fans aber ließen sich trotz Nieselregen die Laune nicht verderben: Die Dampferfahrt ist ein wiederkehrendes Event wie Weihnachten, es findet bei jedem Wetter statt und folgt mit dem Sektempfang, dem Filmquiz, der Vorschau auf das Festivalprogramm und der Vorführung eines Stummfilmklassikers mit Live-Vertonung Jahr für Jahr demselben Ablauf.
Entsprechend groß war im vergangenen Jahr das Entsetzen in der Festival-Community gewesen, als die Dampferfahrt dem Sparzwang zum Opfer fallen sollte. Die Fortsetzung des von Matthias Helwig 2007 gegründeten Fünf-Seen-Filmfestivals stand wegen der massiven Kürzungen von Fördergeldern sogar ganz auf der Kippe. Nicht nur die Dampferfahrt konnte damals dank zusätzlicher Sponsorengelder in letzter Minute gerettet werden, auch die Finanzierung des Festivals ist nun für dieses und nächstes Jahr gesichert.
Ein Förderverein und ein sehr engagiertes junges Team stehen mittlerweile an der Seite des Festivalgründers. Und so war von Krisenstimmung bei der Filmparty mit Seeumrundung diesmal nichts zu spüren: Bestens gelaunt führte Helwig zusammen mit der BR-Journalistin Paula Lochte durch den Abend.
Das diesjährige Festival solle unter dem Motto „Realations“ stehen, verkündete er. Für diese Wortschöpfung habe man sich angesichts der aktuellen Gefährdung unserer Demokratie entschieden: Es gehe darum, wie zwischenmenschliche oder gesellschaftliche Beziehungen die Realität formen, und umgekehrt darum, wie die Gesellschaft den Einzelnen bestimmt, seine Identität formt oder fördert. Weitere Assoziationsmöglichkeiten seien „real“ und „nations“ oder „real“ und „creations“.
Beziehungsgeflechte stehen also im Mittelpunkt des Festivals, in dem sechs Filme aus Mitteleuropa um den „Fünf-Seen-Filmpreis“ konkurrieren und insgesamt weit über hundert Filme in fast 250 Vorstellungen zu sehen sein werden, die meisten mehrere Wochen oder sogar Monate, bevor sie deutschlandweit ins Kino kommen.

„Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und die Filme dieses Festivals versuchen, zu diesen Themen die richtigen Bilder und Geschichten zu finden“, schreibt Helwig im Programmheft. Außerdem werden zahlreiche Filmschaffende nach Gauting, Starnberg, Seefeld und Weßling kommen, um ihre Filme vorzustellen. Die diesjährigen Ehrengäste sind die Schauspielerin Leonie Benesch, die mit dem Hannelore-Elsner-Preis ausgezeichnet wird, sowie Petra Volpe, Rainer Bock und Hansjörg Weißbrich.
Überraschungsgäste an Bord der MS Starnberg aber waren Julius Grimm und Johanna Bittenbinder. Grimm ist Drehbuchautor und Regisseur der Komödie „Zweigstelle“, die sein Kinofilmdebüt ist und bereits auf dem Münchner Filmfest mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Johanna Bittenbinder ist zusammen mit Luise Kinseher eine der Hauptdarstellerinnen, auch Rick Kavanian und Maxi Schafroth spielen mit.
Die „After-Life-Comedy“, in der sich eine Gruppe junger Menschen nach einem tödlichen Autounfall in einer bayerischen Jenseits-Behörde wiederfindet, wird vor dem Kinostart Mitte Oktober auf dem Fünf-Seen-Filmfestival laufen und dürfte allein aufgrund des launigen Kurzinterviews mit Grimm und Bittenbinder schon jetzt auch dort zu den Favoriten für den Publikumspreis zählen.

Absoluter Höhepunkt der Dampferfahrt war jedoch ein Film, der bereits hundert Jahre auf dem Buckel hat: Die Stummfilmkomödie „Seven Chances“ von und mit Buster Keaton stammt aus dem Jahr 1925. Live vertont von Hans Wolf am Klavier, Stephan Lanius am Kontrabass und Roland Biswurm mit ganz erstaunlichen Percussion-Instrumenten erschien dieser alte Filmklassiker noch einmal ungemein jung, temporeich und unterhaltsam.
Ein Stück Filmgeschichte ist der Streifen wegen des seinerzeit innovativen „Technicolor-3-Verfahrens“, das Buster Keaton verwendete, allerdings wegen der enorm hohen Kosten nur für die ersten fünf Minuten. Von dem „Mann, der niemals lachte“ könnten Filmschaffende von heute außerdem lernen, wie man Menschen zum Lachen bringt, sagte Helwig eingangs – und das während der Vorführung immer wieder laut lachende Publikum gab ihm recht.

