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Starnberg:Flucht nach vorne

Oper in Starnberg geht heuer in die Vollen. Regisseurin Ada Ramzews, Dirigent Andreas Sczygiol und ihr Team zeigen die "Zauberflöte" in einer aufs Wesentliche reduzierten Fassung

Von Gerhard Summer, Starnberg

Die Königin der Nacht hat schon viel mitgemacht. 2007 in der Züricher Inszenierung von Martin Kušej, die in einem gekachelten Labyrinth spielte, entstieg sie einem Kühlschrank und sang ihre Arie "Der Hölle Rache". 2008 in Berlin, als Christoph Hagel den Untergrund als Spielort entdeckte, machte sie sich mit einer Lore zum Bahnhof der noch nicht fertigen U-Bahn-Linie 55 auf. Und 2011 in Erfurt kam Regisseur Guy Montavon auf die Idee, sie mit einem Schaufelradbagger über die Bühne ruckeln zu lassen.

Mozarts "Zauberflöte auf modern getrimmt, als Bunker-Albtraum, als Spektakel mit Bauarbeitern oder als Prüfung in der Röhre: So blitzartig erhellend oder abgrundtief unsinnig diese Interpretationen auch sein mögen, für die Oper in Starnberg kommt aufwendige Extravaganz ohnehin nicht in Frage. In der Schlossberghalle ist nun mal kein Platz für Mätzchen: Es gibt weder Ober- noch Seiten- oder Unterbühnen, man kann keine Kulissen hin- und herfahren lassen, ganz zu schweigen von einer Hydraulik, mit deren Hilfe "die Königin der Nacht im Boden verschwinden" könnte, wie Intendant und Dirigent Andreas Sczygiol sagt. Er und die Regisseurin und Tänzerin Ada Ramzews wollen deshalb die "Flucht nach vorne antreten" und ein aufs Wesentliche reduziertes Märchen zeigen. Die beiden setzen auf Videoprojektionen von Landschaften und Gesichtern und auf das tänzerische Element. Spiegelwände auf der Bühne sollen die Lichteffekte verstärken, schließlich lehre die "Zauberflöte": "Schau zweimal hin", so Sczygiol". Den Priesterchor ließe der Dirigent am liebsten als "Trupp betagter Männer" antreten. Die Solisten sind allesamt handverlesen - junge Profis, die laut Sczygiol "ihren Weg machen werden", darunter Sooyeon Lee, die beim ARD-Musikwettbewerb 2015 auf den zweiten Platz kam, als Königin der Nacht. Als Orchester tritt die aus Musikstudenten rekrutierte "Neue Philharmonie München" an, die weitgehend auf moderne Instrumenten, aber zugleich auf das Klangverständnis der historischen Musikpraxis setzt. Und auf der Bühne werden wieder Kinder und Jugendliche mitmischen.

Dass sich Oper in Starnberg an Mozarts und Schikaneder Meisterwerk wagt, eines der meistgespielten Stücke des Musiktheaters, ist erstaunlich genug. Bislang hatte Sczygiol Abstand zu den Gassenhauern gehalten und auf zwar bekannte, aber nicht allzu populäre Opern gesetzt. Henry Purcells "Dido und Aeneas" machte 2014 den Anfang. 2015 folgte Ruggero Leoncavallos "Bajazzo". Nun also die "Zauberflöte", die Sczygiol vor einem Jahr sicherlich noch abgelehnt hätte. "Eigentlich strafe ich mich da selber ein bisschen Lügen", sagt er. Aber so sei das nun mal: Er denke inzwischen, dass er der Interpretationsgeschichte diese Oper eine eigene Version entgegensetzen könne, er habe gleichsam einen Faden zu fassen bekommen, an dem er sich entlang hangeln könne.

Eine Rolle spielt dabei vielleicht auch, dass dieses Märchen ein paar zeitlose Aspekte hat. Sczygiol spricht von wichtigen "Menschheitsthemen". Eines davon ist für ihn die Aufklärung, die Frage also, "wo bin ich unmündig und wie kann ich da herauskommen". Oder die Botschaft, "dass die Musik und die Liebe es sind, die den Menschen erlösen". Die "Zauberflöte" sei auch "nicht so belehrend, wie man denken würde". Zeige Mozart doch mit Papageno, dass es mehr als einen Weg gibt, zum Glück zu finden.

Sczygil hat recherchiert und sich etwa 20 Inszenierungen der "Zauberflöte" angeschaut, einige auch live. Letztlich brachte ihn wohl auch das zu der Einsicht, dass weniger in diesem Fall deutlich mehr sein kann. Denn "viele Aufführungen verlieren sich im Rausch der Ausstattungsmöglichkeiten und laufen damit Gefahr, die starke Geschichte und die geniale Musik hintanzustellen", so sein Resümee. "Oder es fehlt an Demut vor dem Stück". Der weise Priester Sarastro etwa werde oft doppelbödig dargestellt, "was Mozart so nicht komponiert hat". Und Tamino verkomme zur Lachnummer, wenn er, von Pappschlangen bedroht, in Ohnmacht fällt. Dabei zeichne Mozart an dieser Stelle existenzielle Bedrohung nach. Wer die "Zauberflöte" zum Klingen bringen will, muss also der Musik vertrauen, findet Sczygiol. Zumal die Arien "so gut geschrieben sind, dass die Sänger fast regungslos auf der Bühne stehen können und das trotzdem trägt".

Ursprünglich hatte der Dirigent aus Seefeld daran gedacht, ein Orchester mit historischen Instrumenten zu engagieren. Doch das wäre "wahnsinnig teuer geworden", weil nur Top-Leute in Frage gekommen wären. Nun gibt es einen Kompromiss: Die Neue Philharmonie München setzt zumindest Barockposaunen und Naturtrompeten ein. Ein Kniff, den auch Nikolaus Harnoncourt, der Dirigent der Aufführung 2007 in Zürich, angewendet habe und der die ganze Klang-Balance verändere, weil diese Instrumente leiser sind als moderne.

Die Starnberger Produktion kostet etwa 70 000 Euro, obwohl sich die Künstler mit kleinen Honoraren begnügen und Sczygiol gar nichts bekommt. Das ist gemessen an anderen Inszenierungen ein Klacks, aber für Oper in Starnberg immer noch viel Geld. Dem Verein fehlen bis jetzt noch etwa 10 000 Euro, er sucht deshalb Spender. Wer an der Aufführung mitwirken oder bei der Vorbereitung helfen will, ist ebenfalls willkommen, sagt Sczygiol. Gefragt sind beispielsweise Leute, die gern nähen, beim Bühnenaufbau mitmachen oder gut im Organisieren sind. Dem Dirigenten ist es ohnehin ein Anliegen, das Starnberger Opernabenteuer mehr zu verwurzlen in der Stadt. Er will künftig mit Schulen und Musikschulen kooperieren, er kann sich auch vorstellen, dass die Zuhörer darüber abstimmen, welche Werke künftig aufgeführt werden sollen. Dieses Projekt sei gleichsam ein "Einladungsschreiben an die Starnberger - macht das zu Eurem".

Premiere der " Zauberflöte" ist am 23. Juni, 19.30 Uhr. Am 30. Juni, 18 Uhr, folgt eine Familienvorstellung , Karten für Kinder kosten acht Euro. Am 1. Juli, 19.30 Uhr, gibt es eine dritte Aufführung. Der Kartenvorverkauf für die Schlossberghalle beginnt am 1. März.

© SZ vom 06.02.2016

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