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Einheimischenmodell:Baubeginn am Wiesengrund im Frühjahr

Derzeit bedeckt sie der Schnee, doch darunter warten die Straßen am Wiesengrund ganz im Süden Starnbergs bereits auf die Baumaschinen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Nach Monaten voller Pannen sind die Verträge für 45 der 51 Reihenhäuser unterschrieben. Der Bürgermeister will nun die Planung der 75 Wohnungen vorantreiben.

Von Peter Haacke

Das Starnberger Einheimischenmodell "Am Wiesengrund" könnte manch bayerischer Kommune als Musterbeispiel dafür dienen, wie man ein derartiges Projekt möglichst nicht umsetzt. Das von zahllosen Fehlern, Pannen und Unwägbarkeiten geprägte Vorhaben führte in der Summe zu erheblichen Zeitverzögerungen und großer Verstimmung bei den Betroffenen. Doch mittlerweile zeichnet sich ab, dass die ersten Bauherren mit ihrem Häuslebau 2021 beginnen können. Die meisten Kaufverträge sind abgeschlossen, bis Jahresende wurden 45 der insgesamt 51 vergebenen Bauplätze für Reihenhäuser notariell beurkundet, teilt die Stadtverwaltung mit. Allerdings sprang rechnerisch jeder vierte Bewerber - inklusive Nachrücker -, der einen Zuschlag hatte, wieder ab.

Groß war das Interesse an einem preisgünstigen Baugrundstück im teuren Starnberg, als die Stadt das Vorhaben 2015 öffentlichkeitswirksam ankündigte. Als Vorzeigeprojekt gegen die Wohnungsnot im Landkreis bewarb die ehemalige Bürgermeisterin Eva Pfister (vormals John) das Starnberger Einheimischenmodell, das erschwinglichen Wohnraum für niedrige und mittlere Einkommensgruppen verhieß. Doch für die Bewerber um eines der 51 Grundstücke wurde der Traum vom kostengünstigen Eigenheim zur nervenaufreibenden Geduldsprobe.

Von Beginn an hakte es bei dem ehrgeizigen Projekt: Mehrfach mussten die Vergabekriterien eines komplizierten Punktesystems nachjustiert werden, aus unerfindlichen Gründen hatte die Stadt Starnberg auf eine fundierte juristische Begleitung von Experten verzichtet. Stattdessen entwarf die Verwaltung einen handgestrickten Kriterienkatalog, bei dem aber etwa entscheidende Kriterien bei Abfrage der persönlichen Vermögensverhältnisse vergessen worden waren. Das relativ komplizierte Punktesystem stieß zunehmend auf Kritik, heimische Feuerwehrler, die nicht zum Zuge gekommen waren, beklagten sich öffentlich.

Die Verlosung der 51 Grundstücke im Juli 2019 geriet zur Farce: Die zunächst nicht-öffentliche Aktion wurde öffentlich wiederholt, dann aber stellte sich heraus, dass einer der Bewerber schlicht übersehen worden war. Das fehlerbehaftete Verfahren zog einen einjährigen Stillstand nach sich. Im Juni 2020 wollten 31 Bewerber des Einheimischenmodells nicht mehr länger warten und kündigten eine Dienstaufsichtsbeschwerde, Schadenersatz- und Untätigkeitsklage an. Nach Monaten quälender Ungewissheit wurde das Beschwerdeverfahren im August aber beigelegt: Der benachteiligte Bewerber, der 2019 im Losverfahren bei Vergabe der 51 Reihenhaus-Grundstücke nicht berücksichtigt worden war, zog seine Bewerbung für den Wiesengrund mit Aussicht auf ein anderes Grundstück formal zurück.

Als problematisch erwies sich auch der lehmige Baugrund am Wiesengrund. Bis März 2020 war unklar, wie hoch die Erschließungskosten tatsächlich sein würden. Erschließung, Geländenivellierung und Austausch kontaminierten Bodens des nur 3,5 Hektar Quadratmeter großen Areals - das entspricht etwa einer Fläche von fünf Fußballfeldern - wurden 1,2 Millionen Euro teurer als geplant. Der Quadratmeterpreis für die zwischen 150 und 250 Quadratmeter großen Grundstücke betrug unerschlossen 486 Euro; durch die Erschließung verdoppelte sich dieser Wert nahezu. Unter einer halben Million Euro dürfte das Eigenheim also nicht zu haben sein. Und eine befriedigende Verkehrsanbindung an die B2 existiert bis heute nicht.

Wie viele der insgesamt 323 Interessenten seither ihre Bewerbung zurückgezogen haben, ist nicht bekannt. Doch von jenen Bewerbern, die ein Anrecht auf eines der 51 Grundstücke hatten, zogen bislang wenigstens 18 vorzeitig zurück: "Wir befinden uns derzeit auf Platz Nr. 69 mit der Grundstückszuteilung", teilte Sarah Buckel, Sprecherin der Stadtverwaltung, auf Anfrage mit. Zuletzt sorgten im September gefälschte Absageschreiben kurzzeitig für Aufregung: Unbekannte hatten der Stadt mitgeteilt, dass drei Familien - alle mit Migrationshintergrund - angeblich auf ihr Baurecht verzichten würden. Die Angelegenheit konnte schnell geklärt werden. Stadt und Betroffene erstatteten Anzeige - die Täter aber blieben unerkannt.

Doch nun soll es zügig vorangehen: Im August wurden Straßen und Wege so hergestellt, dass sie benutzbar sind. Die Fertigstellung der Straßenfeinschicht folgt, sobald der Großteil der privaten Baumaßnahmen fertiggestellt ist. Frei- und Spielanlagen sollen 2021 entstehen. Das Wichtigste aber: Trotz der Pandemiesituation fanden bis Jahresende unter Hochdruck viele Notartermine statt, 45 Verträge sind unter Berücksichtigung von Hygieneregeln und Datenschutz unterzeichnet. Die übrigen sechs Beurkundungen - Nachrücker sowie Käufer, die dieses Jahr noch nicht zum Notar wollten - sollen 2021 stattfinden.

Der Baubeginn ist abhängig von der Planung der jeweiligen Eigentümer, vom Verlauf der winterlichen Frostperiode und der Eintragung im Grundbuch. Bisher wurden bereits 15 Vorlagen im Genehmigungsfreistellungsverfahren ("Freisteller") eingereicht. Und auch der zweite Teil des Einheimischenmodells ist endlich auf dem Weg: Bürgermeister Patrick Janik hat die Planungen für den Geschosswohnungsbau mit 75 Wohneinheiten auf die Top fünf der städtischen Prioritätenliste gesetzt. Wann gebaut werden kann, ist allerdings noch unklar.

© SZ vom 09.01.2021
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