Süddeutsche Zeitung

Starnberg:Eine Brücke in die Straffreiheit

Häufigste Delikte sind Drogenkonsum und Diebstähle

Jugendliche benötigen mehr Beratung und Betreuung als früher. Das geht aus dem Jahresbericht der Brücke Starnberg hervor. "Der Bedarf an Unterstützung steigt", sagt Gerd Weger, Vorsitzender des Vereins, der mittlerweile seit 39 Jahren jugendliche Straftäter bei der Erfüllung gerichtlicher Weisungen betreut. 270 Jugendliche wurden der Einrichtung im vergangenen Jahr zugewiesen. Der Großteil davon war zwischen 15 und 18 Jahre alt, zwei Drittel waren männlich. Etwa die Hälfte der jungen Straftäter besucht noch die Schule; 2018 lag die Anzahl der Mittelschüler zum ersten Mal seit langem wieder über der der Gymnasiasten. Etwa drei Viertel sind deutsche Staatsbürger, teilweise mit Migrationshintergrund. Diese Zahl ist rückläufig.

Insgesamt haben die von den drei Mitarbeitern der Brücke betreuten Jugendlichen 302 Straftaten begangen. Das häufigste Delikt waren Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, das unter anderem den Umgang mit Cannabis regelt, gefolgt von Diebstahl, Leistungserschleichung wie Schwarzfahren und Körperverletzung. 199 Mädchen und Buben haben eine Strafe in Form von sozialen Arbeitsstunden erhalten, die in gemeinnützigen oder kommunalen Einrichtungen wie Kindergärten, Jugendhäusern oder Altenpflegeheimen im gesamten Landkreis abgeleistet wurden. In den von der Brücke vermittelten Arbeitsstellen arbeitet ein Jugendlicher im Schnitt etwa 30 Sozialstunden ab. "Dort machen viele zum ersten Mal echte Arbeitserfahrungen und müssen Leistungen erbringen, die dann auch honoriert werden", erzählt Sozialpädagogin Corinna Büge. Da im Jugendrichtgesetz der Erziehungsgedanke im Vordergrund steht, werden statt Sozialstunden immer häufiger pädagogische Maßnahmen veranlasst. Dazu zählen unter anderem psychosoziale Gespräche sowie Betreuungs- und Leseweisungen. Besonders mit Leseweisungen gäbe es gute Erfolge, sagt Büge. Hierbei muss ein Buch gelesen werden, in dem die Figuren in einer ähnlichen Situation sind wie der Jugendliche selbst, um sich mit den Charakteren identifizieren zu können. Durch diese "Buchbesprechung" soll es ihm leichter gemacht werden, seine eigenen Probleme zu erkennen und darüber zu sprechen.

"Wir versuchen immer, in der Lebenswelt der Jugendlichen anzusetzen", sagt Weger. Es sei wichtig, zu hinterfragen, was hinter einer Straftat steckt. Denn der Großteil hätte viel Potenzial, könne es aber nicht abrufen. "Wir wollen sie wieder auf den richtigen Weg leiten", so der Vorsitzende.

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Quelle:
SZ vom 04.06.2019
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