Noch ein paar Tage, dann haben Marissa Gruber und Daniel Wanek es geschafft: Ihre erste Sommersaison ist vorbei, es geht wieder runter ins Tal. Die vergangenen vier Monate haben die beiden als Pächter auf dem Hohenzollernhaus verbracht, einer Alpenvereinshütte der Starnberger Sektion auf 2123 Metern im österreichischen Radurscheltal. Der frühe Wintereinbruch in der vergangenen Woche hat dafür gesorgt, dass sie wohl ein paar Tage früher als ursprünglich geplant zum Monatsende zusperren werden. Es war eine besondere Zeit für das junge Paar – auch, weil mit der 100-Jahr-Feier im August ein großes Fest auf der Hütte in den westlichen Ötztaler Alpen anstand.
Etwa sechs Zentimeter hoch liegt der Schnee draußen, als die 29 Jahre alte Hüttenpächterin erzählt, wie sie und ihr 31 Jahre alter Partner „mal was anderes machen wollten“ als ihre gewohnten Jobs in der Bank beziehungsweise Schlosserei. Und wie sie sich gefreut haben, ein Haus mit 50 Schlafplätzen übernehmen zu können – nicht zu groß und nicht zu klein für sie beide, die keinerlei gastronomische Erfahrungen haben. Nun sind sie stolz, es geschafft zu haben. „Es war viel Arbeit und viel Spaß“, sagt Gruber. Und gut besucht sei die Hütte in den Sommermonaten auch gewesen, „wir können uns nicht beschweren“. Höhepunkt der Saison war zweifelsohne das Jubiläum: Ein ganzes Wochenende lang wurde gefeiert, mit Hüttenabend, Festakt und Bergmesse. Trotz plötzlich einsetzenden Starkregens.
Die Wetterkapriolen passten ganz gut. Als die Hütte vor 100 Jahren am 3. August eingeweiht wurde, schneite es, wie es in der von Helga Friedl verfassten Chronik des Hohenzollernhauses heißt. Die 83 Jahre alte Starnbergerin ist dem DAV-Quartier seit Jahrzehnten eng verbunden, ihr Mann war einst Sektionsvorsitzender, sie Schriftführerin. So fuhren sie regelmäßig nach Pfunds und stiegen hinauf zu dieser eindrucksvoll auf einem Felsvorsprung gelegenen Hütte, auf der sie sich immer wohlfühlten. „Wir waren da zu Hause“, sagt sie. Alle Gipfel ringsherum hätten sie bestiegen, manchmal aber seien sie auch nur irgendwo im Gras gelegen und hätten die Ruhe genossen. Zur 100-Jahr-Feier war Friedl noch einmal oben, obwohl ihre Hüftoperation erst wenige Monate zurückliegt. Die Berge sagt sie, hätten immer zu ihrem Leben gehört.
Dass das Hohenzollernhaus, ursprünglich Domizil einer Berliner Sektion, bei den Starnbergern landete, war ein glücklicher Zufall. Willi Huttig, 1966 zum Vorsitzenden der Starnberger Sektion gewählt, hatte eine Vision: Ein hochalpiner Stützpunkt sollte her. Als leidenschaftlicher Bergsteiger und Skitourengeher genügte die Hörnle-Hütte auf knapp 1400 Metern in den bayerischen Vorbergen keinesfalls seinen Ansprüchen. Weil die Berliner Sektion damals das Friesenberghaus in den Zillertaler Alpen übernahm, verfügte der DAV, dass dafür eine andere Hütte abgegeben werden musste. So kam es 1977 zum Kauf der Hütte für 108 500 Mark. Später sollten die Berliner ihre Entscheidung bereuen. „Wenn ich 1977 etwas zu sagen gehabt hätte, wäre das Hohenzollernhaus niemals abgegeben worden. So eine Hütte verkauft man nicht“, soll ein späterer Vorstand der Berliner Sektion einmal gesagt haben.



Schon kurz nach dem erfolgten Ankauf wurden in der Starnberger Sektion Stimmen laut, das Hohenzollernhaus doch in Wittelsbacher oder Starnberger Haus umzubenennen. „Aber die Vereins-Oberen blieben hart“, heißt es in Friedls Chronik. „Der traditionsreiche Name Hohenzollernhaus sollte nicht verschwinden.“ In den folgenden Jahrzehnten wurde das Hohenzollernhaus immer wieder renoviert, erweitert und modernisiert. 1991 ist von 1000 Übernachtungen und vielen Tagesgästen die Rede – ein großer Erfolg. Mit Photovoltaikanlage und Kläranlage wird die Alpenvereinshütte schließlich umweltfreundlich. Und im vergangenen Jahr verpassten fleißige Helfer dem Haus ein neues Kleid, indem sie die Schindelfassade erneuerten und die Fensterläden rot lackierten.



Das Hohenzollernhaus hat sich in seinen 100 Jahren immer wieder verändert, alle paar Jahre wechselten die Pächter. Anders als auf der Hörnle-Hütte, wo an Spitzentagen 1000 Essen die Küche verlassen, geht es hier ruhig und beschaulich zu. „Das Radurscheltal ist noch ein Geheimtipp“, sagt Gruber. Nur wer die wasserreiche Gegend mit seinem türkisfarbenen Smaragdsee kenne, komme für eine Tiroler Brotzeit oder eine Übernachtung hinauf zur Hütte. Helga Friedl spricht von einem „Biergarten unter Zirben, und das auf 2123 Metern“. Ob sie in der kommenden Saison noch einmal hinaufsteigen wird? „Ich weiß es noch nicht“, sagt sie. Marissa Gruber und Daniel Wanek werden sicherlich wieder oben sein. Zusammen mit ihrem nepalesischen Koch Pasang und Mitarbeiter Max. Doch zunächst wird Gruber wieder in der Bank arbeiten und Wanek in der Schlosserei. Und das ohne Bedauern, wie Gruber betont. „Es sind zwei Welten, beide sind schön. Wie am Meer und im Schnee.“

