Starnberg Das Seminar-Schiff

Jeder Segeltörn auf dem Ammersee ist anders, aber immer wunderbar entspannend. Besonders auf der "Sir Shackleton". Christian Seelos und Klaus Gattinger haben den Zweimaster vor sechs Jahren gekauft. Ohne genau zu wissen, worauf sie sich da einlassen

Von Otto Fritscher

Auf der Seeoberfläche kräuseln sich kleine Wellen, der Wind streicht sanft über das Deck, im Kielwasser scharwenzelt der "vierte Mann" hinterher. "Die Sir", wie Klaus Gattinger sagt, macht seine sachte und sanfte Fahrt über den Ammersee. 1,5 Knoten, wie ein Blick auf die Logge zeigt, so nennt ein Seemann den Tachometer. Mit nur mäßig geblähten Segeln schippert die "Sir Shackleton", wie der mehr als zehn Meter lange Zweimaster mit vollem Namen heißt, gemütlich über den Ammersee. "Jeder Tag auf dem See ist anders. Von der Stimmung her, vom Wind, vom Gefühl", sagt Gattinger, der die Sir zusammen mit Christian Seelos an diesem sonnigen Tag von Riederau aus in Richtung Herrschinger Buch steuert.

Junggesellinnen-Abschiede und Geburtstagsfeiern werden auf der "Sir Shackleton" gefeiert.

(Foto: Nila Thiel)

Christian Seelos liebt die morgendlichen Törns im Sommer. Um fünf Uhr morgens, wenn es gerade hell wird, geht es los. Der Ammersee gehört zu dieser Stunde der "Sir Shackleton", wenn man von dem einen oder anderen Boot der Berufsfischer absieht. "Vielleicht steigt sogar noch ein bisschen Nebel auf, bevor die Sonne dann hinter dem Kloster Andechs über die Hügel kommt", schwärmt Seelos. Ein paar Stunden zieht dann die Sir ihre Bahnen, während die Menschen an Land langsam aufwachen, und Seelos an Bord seinen zweiten Espresso trinkt. Klaus Gattinger indes sind die abendlichen Törns am liebsten. Es muss wohl die blaue Stunde sein, die ihren Reiz besonders entfaltet, wenn man sie auf dem Wasser erlebt. "Der Himmel wird erst rot, dann violett, dann grau und schließlich schwarz", beschreibt er das Farbenspiel. Wenn es dann dunkel ist, müssen die Positionslichter gesetzt werden, und manchmal, wenn ein früher Törn am nächsten Morgen ansteht, übernachtet einer der Skipper direkt an Bord. Ein kleiner Schlafplatz ist in der Kajüte eingerichtet, es gibt eine Pantry, wie die Küche heißt, ein WC und natürlich auch immer genügend Vorräte an Essen und Getränken.

Das Segelschiff ist mit einem 100 Jahre alten Kompass ausgestattet.

(Foto: Nila Thiel)

Gab es schon einmal gefährliche Momente bei einem Törn? "Beim Segeln nicht", sagt Christian Seelos. "Die Sir ist ja fürs Meer konstruiert, und selbst wenn die Wellen auf dem Ammersee mal einen Meter hoch sein sollten, was sehr selten vorkommt, dann fällt die Sir nicht ins Wellental, sondern fährt einfach drüber." Länge läuft eben, wie die Skippper sagen, und die Sir ist immerhin stattliche 11,3 Meter lang. Auch eine Böenwalze, die eine Gewitterfront vor sich hertreibt, kann dem Zweimaster wenig anhaben. "Die Sir legt sich auf die Seite, und steht dann von selbst wieder auf", beschreibt Seelos das gutmütige Verhalten des Schiffs.

Das Segelschiff ist etwa neun Tonnen schwer.

(Foto: Nila Thiel)

Brenzlig sei es mal in anderer Hinsicht gewesen, ergänzt Klaus Gattinger. Es war bei eine Seminar mit Managern, die an Bord Teambuilding lernen sollten. Mitten auf dem See herrschte plötzlich Flaute, erinnert sich Gattinger. Und was taten die Manager? "Nichts", sagt Gattinger, der als Trainer bundesweit im Einsatz ist, und schüttelt immer noch den Kopf. Eigentlich hatte jeder Manager auf dem Schiff eine zugeteilte Aufgabe. "Doch die haben dann einfach gar nichts mehr gemacht. Man muss wissen, dass auf der Sir aber immer etwas geht, selbst bei scheinbarer Flaute. Man kann am Ruder und mit den Segeln den Kurs bestimmen, auch wenn es nicht immer der direkte Weg zum angepeilten Ziel ist", sagt Gattinger, 52.

Eingespieltes Team: Christian Seelos und Klaus Gattinger bieten auf ihrer "Sir Shackleton" Seminare für Manager an.

(Foto: Nila Thiel)

"Ich habe dann die Manager gefragt, was sie machen, wenn es in ihrer Firma nicht rund läuft, so wie geplant. Ob sie dann auch die Hände in den Schoß legen?" Eine Frage, die nur missmutig beantwortet wurde und keine gute Laune verbreitete. Aber nach einigem Nachdenken machte es auch bei diesen Freizeitseglern Klick. Besonders beliebt sind zurzeit Junggesellinnen-Abschiede auf der Sir. "Heuer hatten wir schon drei", sagt Christian Seelos, 61, der sich um die Event-Fahrten kümmert. "Ausgelassene Stimmung" und "manchmal auch eine Menge Prosecco" gehören zu diesen Abschiedsfahrten, die letzte Mädelstruppe war hart im Nehmen und feierte nach dem Törn gleich mal in Andechs weiter. Der ungewöhnlichste Törn war eine Geburtstagsfeier, die ein Mann zu seinem 60. bestellt hatte. Nichts Besonderes soweit, bis auf die Zahl der Gäste, die an Bord sollten: "105 waren es", erinnert sich Seelos. An Bord der Sir dürfen immer nur gut ein Dutzend Passagiere, und so waren es sage und schreibe sieben mehrstündige Fahrten, die Seelos von Freitagabend bis Sonntag unternahm. "War alles super organisiert", sagt er und lacht.

Sir Shackleton

Schiffstyp: 2-Mast-Ketsch aus Holz (Mahagoni auf Eiche)

Baujahr: 1952 gesichert, vermutlich 30 Jahre früher

Länge: 11,3 Meter, Breite: 3,5 Meter

Tiefgang: 1,60 Meter

Gewicht: etwa 9 Tonnen

Segelfläche gesamt: 70 qm

Schiffsausstattung: Diesel-Maschine, kleine Pantry, Salon, Vorschiffskabine, Bordtoilette, Teak-Deck

Einsatzgebiete: Seminare für Team- und Führungskräfte-Entwicklung; vier- und siebenstündige Tagestörns zum Mitsegeln auf dem Ammersee von April bis Oktober.

Infos: www.segelevent-ammersee.de

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Klaus Gattinger organisiert die Seminar-Fahrten, bei denen Manager auf einmal in drei verschiedene Hierarchiestufen eingeteilt werden. "Hier kann nicht jeder Kapitän sein", sagt Gattinger und lacht. Eigentlich war es die erste Idee, die Gattinger und Seelos hatten: ein Seminarschiff zur Führungskräfte-Entwicklung und für Teambuilding auf dem Ammersee zu Wasser zu lassen. "So etwas gibt es in Bayern bisher nur auf dem Bodensee, aber an der Nord- und Ostsee sind solche Schiffe oft anzutreffen", sagt Gattinger. Auf der Suche nach einem geeigneten Schiff stieß er zunächst auf ein Exemplar am Ammersee, beinahe hätte er es gekauft, doch bei Probefahrten stellte sich heraus, dass das Schiff sehr schnell und sportlich war, keine Reling hatte und zu tief im Wasser lag - keine allzu guten Voraussetzungen für ein Seminarschiff.

Also ging die Suche weiter, natürlich via Internet, wo es spezielle Börsen für historische Segelschiffe gibt. "Wir wollten schon etwas Besonderes, ein Kunststoffboot kam für uns nicht in Frage", sagt Gattinger. Und dann entdeckten sie die Shackleton, in Rendsburg an der Ostsee. "Ich bin sofort raufgefahren. Und ich habe gedacht: um Gottes willen, als ich die Sir zum ersten Mal gesehen habe", erinnert sich Gattinger. Der Rumpf war aufgebockt in einer Halle, und von unten betrachtet, wirkte die Helga, wie sie damals hieß, riesig. Das Schiff gehörte einem älteren Unternehmer-Ehepaar, das nicht mehr Segeln wollte. Aber dennoch: Es war sozusagen Liebe auf den zweiten Blick - das Schiff wurde für 1600 Euro an den Ammersee transportiert.

Dann kam die böse Überraschung: "Erst im Wasser stellte sich heraus, dass es im Heckbereich ein Loch gab, durch das das Wasser in einer kleinen Fontäne hochgeschossen ist. Es hat sich in der Bilge, dem Hohlraum ganz unten im Bootsrumpf, schnell gesammelt. Was tun? Wir sind Tag und Nacht an Bord gewesen und haben jede halbe Stunde das Wasser mit einer Lenzpumpe abgepumpt. Sonst wäre unser schönes neues Schiff gesunken", erinnert sich Gattinger. Eine Woche fast ohne Schlaf also - und dann wurde das Boot in der Steinlechner Werft instandgesetzt. So wie es sich für ein Seminar- und Eventschiff, das man zu vielerlei Fahrten mieten oder als Passagier buchen kann, gehört.

Seelos und Gattinger kennen sich schon lange, aus der Zeit, als sie bei einer Segelschule in Utting den ersten Segelschein gemacht haben. Seelos hat lange Jahre bei einem Chip-Hersteller in Landsberg gearbeitet, der vor ein paar Jahren geschlossen wurde, dann war er ein paar Jahre in Hannover. Doch den Ammersee verlässt man nicht für immer. Seitdem hat Seelos mehr Zeit für Segeln. Und man spürt, dass er Skipper mit Leib und Seele ist.

Fast zärtlich streichelt er über das Teak-Deck, der Rumpf besteht aus drei Zentimeter dicken Eichenbohlen. "Man muss schon viel unternehmen, um so ein historisches Schiff zu unterhalten", sagt Gattinger. Diesmal etwa musste eine faulige Stelle am Mast ausgewechselt werden. So etwas wird in der Bootswerft Steinlechner in Utting erledigt, wo das Schiff auch sein Winterlager hat. Heuer kam die Sir bereits im März zurück ins Wasser. "Wir haben 1,5 Tonnen Ausrüstung auf das Schiff gebracht", erklärt Gattinger. Allein die Ankerkette wiegt 400 Kilogramm, der Anker noch mal 30. Dazu jede Menge Leinen, Tampen und Taue, vor allem viel Geschirr für mehr als ein Dutzend Passagiere. "Natürlich verwenden wir Blechteller und Tassen aus Aluminium", sagt Brigitte Gattinger, die sich manchmal um die Organisation kümmert. "Und viele Essens- und Getränkevorräte haben wir auch gebraucht, da die Sir ja jedes Wochenende und oft auch unter der Woche unterwegs ist", sagt Christian Seelos.

Bleibt noch zu klären, warum das Beiboot "Der vierte Mann" heißt. Gattinger hat die Zweimast-Ketsch nach dem britischen Polarforscher Ernest Shackleton (1874 bis 1922) benannt. Er gehört zu den berühmtesten Antarktis-Forschern. Sein Schiff, die Endurance, war neun Monate vom Packeis eingeschlossen, bevor es zerquetscht wurde.

In offenen Booten schaffte es Shackletons Mannschaft zu einer unbewohnten Insel im Südpolarmeer. Von dort aus segelte der Entdecker mit fünf Mann 800 Seemeilen nach Südgeorgien. Dort überquerten drei Mann das Gebirge, um die Rettungsaktion zu organisieren. "Diese ausgemergelten Männer haben hinterher steif und fest behauptet, es wäre immer ein vierter Man dabei gewesen, der ihnen geholfen hat", sagt Gattinger. So weit wird es auf der Sir nicht kommen, denn bisher hat niemand berichtet, dass der Klabautermann auch im Ammersee haust.