StarnbergDas Leben der anderen

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Wer Angehörige rund um die Uhr pflegt, muss sich selbst aufgeben - Hilfe können sich die wenigsten leisten

Sylvia Böhm-Haimerl

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- Der Arbeitstag von Irmgard S. (Name von der Redaktion geändert) beginnt um 6.30 Uhr morgens und endet um 21.30 Uhr. Doch dann kann sie noch lange nicht ruhig schlafen. Es kann passieren, dass nachts mehrmals das Telefon klingelt und sie aus dem Bett geholt wird. Für diese anstrengende Arbeit wird Irmgard S. nicht bezahlt - sie pflegt ihre demente Mutter.

Die Mutter lebt in ihrer eigenen Wohnung und will auf jeden Fall dort bleiben, darauf besteht die 89-Jährige. Und so lange die Mutter rüstig ist, kommt für Irmgard S. eine stationäre Pflege im Heim nicht in Frage. Also steht sie täglich um 6 Uhr auf, sieben Tage pro Woche, um ihrer Mutter die Medikamente zu geben. Anschließend fährt sie wieder nach Hause, um gegen 8 Uhr zurückzukommen. Sie hilft der Mutter beim Anziehen und macht das Frühstück.

Später muss das Mittagessen gemacht werden, es folgen Kaffeetrinken und Spazieren gehen. Ein letztes Mal kehrt Irmgard S. zurück, um die Mutter ins Bett zu bringen. Das größte Problem ist, dass die Mutter keine fremde Hilfe annimmt. Wenn der Pflegedienst kommt, kann es passieren, dass die Mutter vollkommen aufgelöst und voller Panik bei der Tochter anruft, weil sie Angst hat vor "den fremden Leuten" die in ihrer Wohnung sind. "Dann laufen ihr die Tränen herunter", sagt Irmgard S. und hat selbst Tränen in den Augen.

Jeder Tag mit ihrer Mutter sei anders. "Manchmal redet sie und kann sich an alle Namen erinnern, am nächsten Tag kennt sie mich nicht mehr." Doch diese Rund-um-die-Uhr-Betreuung, dieses stetige Pendeln zwischen ihrer eigenen Wohnung und der Wohnung ihrer Mutter macht das Leben von Irmgard S. zum täglichen Drahtseilakt. "Du hast kein eigenes Leben mehr, hast dich selbst ganz aufgegeben", sagt sie. Und daher wäre es schön, wenn sie Unterstützung hätte. Ihre Mutter lässt zwar keine Fremden in ihre Wohnung, aber sie gehe gerne zur Tagespflege. Das ist eine Auszeit von ein paar Stunden für die Tochter, aber ein großer Kostenfaktor. Irmgard S. kann sich diese Unterstützung nur ein Mal pro Woche leisten. Denn sie arbeitet nicht. Sie hätte gar keine Zeit dazu.

So wie Irmgard S. geht es vielen Menschen, die sich um Angehörige kümmern. 2011 gab es im Landkreis insgesamt 3250 Pflegebedürftige, sagt die Leiterin der Ilse Kubaschewski- Stiftung Starnberg, die Altersmedizinerin Barbara Kieslich. Nur 953 davon wurden stationär betreut, 865 von ambulanten Diensten. Der große Rest wird von Angehörigen versorgt. Deutschlandweit werden 60 Prozent aller Pflegebedürftigen von Angehörigen versorgt.

Laut Kieslich liegt der Anteil im Landkreis sogar bei rund 72 Prozent. In der Ilse Kubaschewski Stiftung gibt es eine Fachstelle für pflegende Angehörige. Es ist die einzige Einrichtung in der gesamten Region, in der sich Betroffene Rat und Hilfe holen können.

"Die pflegenden Angehörigen brauchen Zeit und Luft", so die Erfahrung der Fachstellenleiterin Barbara Schachtschneider. Sie seien ständig unter Druck. Die Einrichtung bietet als eine von fünf Stellen im Landkreis Tagespflegeplätze an. Darüber hinaus gibt es in zahlreiche Nachbarschaftshilfen Erzählcafés, in denen die Pflegebedürftigen stundenweise und kostengünstig betreut werden. Doch die Angehörigen brauchen laut Schachtschneider oft mehr Zeit als nur die paar Stunden. Ihnen etwas Luft zu verschaffen, könnten ausgebildete ehrenamtliche Helfer leisten. Mit den Spenden aus dem SZ-Adventskalender könnte für sie eine Aufwandsentschädigung bezahlt werden.

Mit Blick auf die Änderung der Pflegerichtlinien von 1. Januar 2013 an sieht Schachtschneider zudem einen großen Beratungsbedarf. Die Fachstelle will deshalb ab sofort einen Beratungsdienst einrichten, um "handfeste Hilfe" anbieten zu können. "Das kostet Zeit und Geld und ist ein Zuschussgeschäft", sagt Kieslich. Daher wage sich kaum jemand an diese Dienstleistung heran. Mit SZ-Spenden könnten Hausärzte informiert und die Beratungsstelle eingerichtet werden, um die Hilfe für die Angehörigen besser organisieren zu können.

© SZ vom 22.12.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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