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Corona-Krise:Vier Pfoten gegen die Einsamkeit

Katharina Schulze im Tierheim

Fünf Hunde und 25 Katzen - fast den gesamten Bestand - konnten die Tierpfleger in den vergangenen drei Wochen vermitteln.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Starnberger Tierheim hat fast alle Katzen vermittelt und auch Hunde, für die sich sonst niemand interessiert. Manche Menschen würden die Tiere aber nach der Corona-Krise am liebsten wieder zurückgeben.

Der kleine Chihuahua "Mochito" hat einen Zahn verloren. Jetzt ist nur noch ein Backenzahn übrig. Das Fressen fällt dem Hund schwer, zumal er Schmerzen hat. Der 13-jährige Mochito ist von seinem Herrchen ins Starnberger Tierheim gebracht worden, weil dieser ins Ausland ging und den Hund nicht mitnehmen konnte. Alte und kranke Tiere jedoch gelten im Tierheim als Sorgenkinder, weil sie nur schwer vermittelbar sind und hohe Tierarztkosten verursachen. Anfragen gibt es vorwiegend für junge Tiere, denn die Interessenten wollen viele Jahre Freude mit ihrem neuen Tier haben.

In Corona-Zeiten hat sich das geändert. Nach den Erfahrungen des Tierheims fühlen sich viele Menschen einsam bei Home-Office und Ausgangsbeschränkungen. Sie wünschen sich jetzt ein Tier als Gesellschaft. Die Anfragen im Tierheim haben stark zugenommen, das Telefon klingelt fast ständig. "Das ist ein positiver Effekt von Corona", freut sich Tierheimleiterin Christine Hermann.

Tierheim vermittelt Hunde

Marianne Glas (re.) schenkt Chihuahua "Mochito" ein neues Zuhause bei sich in Breitbrunn. Laura Balta vom Starnberger Tierheim freut sich.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Viele Anrufer geben an, dass sie sich jetzt intensiver mit einem neuen tierischen Bewohner beschäftigen und damit die Eingewöhnung erleichtern könnten. Fünf Hunde und 25 Katzen - fast den gesamten Bestand - konnten die Tierpfleger in den vergangenen drei Wochen vermitteln. Alle Tiere waren schwierige Fälle, für die sich normalerweise wochen-, manchmal sogar monatelang niemand interessieren würde, wie etwa für Kater Hannibal. Laut Tierpflegerin Jasmin Balser musste Hannibal lange in der Krankenstation isoliert werden, weil er an einer unheilbaren, ansteckenden Katzenkrankheit leidet. Jetzt hat das Tier ein neues Zuhause gefunden, in dem sogar ein Spielkamerad mit der gleichen Krankheit lebt.

Bei den meisten Anrufern handelt es sich laut Tierpflegerin Laura Balta um ernsthafte Interessenten. Es gebe aber auch Menschen, denen einfach langweilig sei, die einsam sind und nur reden wollen. Manchmal werde sogar der Wunsch geäußert nach einem Tier-Leasing. Diese Menschen wollen sich lediglich während der Ausgangssperre um Hund oder Katze kümmern und die Tiere später zurückgeben.

Selbstverständlich gibt das Tierheim seine Bewohner nur nach eingehender Prüfung ab. Schließlich will man wissen, ob Herr und Hund oder Frauchen und Katze zusammenpassen. Die Interessenten müssen sich schriftlich bewerben und anschließend werden noch zahlreiche Telefonate geführt. Dann bekommen sie entweder nach vorheriger Terminvereinbarung ein Tier oder sie werden auf eine Warteliste gesetzt, bis nach Corona wieder ein persönlicher Kontakt möglich ist.

Tiere merken durchaus, ob sie erwünscht sind oder nicht. Das sieht man bei Mochito, der in den vergangenen Wochen Probewohnen durfte bei dem Ehepaar Glas. Mochito ist sehr sensibel und braucht viel Zuwendung. Obwohl er in seinem neuen Zuhause liebevoll aufgenommen wurde, habe er zwei Tage lang geweint, erzählt Marianne Glas. Das Ehepaar Glas aus Breitbrunn hat bereits eine Labrador-Hündin. Diese habe den Chihuahua sofort adoptiert, aber dennoch habe Mochito erst allmählich Zutrauen gefasst, sagt Glas. Doch es sei von Tag zu Tag besser geworden. Nun darf Glas sogar das schmerzende Gebiss des Hundes massieren, das vorher nicht angefasst werden durfte. Mochito sei zwar beim Fressen noch immer sehr wählerisch, aber er nehme jetzt Futter an und habe schon etwas an Gewicht zugelegt. "Es ist ein Happy End für Mochito, er läuft mir schon überall hin nach", schwärmt Glas.

Mochito und sein Frauchen sind ins Tierheim gekommen, um den Vertrag zu unterschreiben und den Hund für immer nach Hause zu holen. Treuherzig sieht das Tier zu seinem Frauchen hoch, die ihn geduldig mit kleinen Fleischstückchen füttert. Der Nachschub kommt offensichtlich nicht schnell genug, denn er stellt seine fledermausähnlichen Ohren auf und bellt. "Er ist wirklich ein putziges Kerlchen", meint Marianne Glas. Zwar müsse sie noch vieles herausfinden, aber bei ihr gebe es immer einen Platz für ein Tier. Und wenn die Tierarztkosten hoch werden, "dann esse ich eben weniger", erklärt die 73-Jährige.

© SZ vom 25.05.2020

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