Coronavirus:Starnberger Landrat: "Ich gehe mit gemischten Gefühlen in den Herbst"

Coronavirus - Berlin

Bei den jungen Erwachsenen "gibt es noch Lücken", weiß der Landrat. Sie sollen deshalb Impfangebote im Vorbeigehen bekommen wie in Berlin, wo in einer Bar gegen das Coronavirus immunisiert wird.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Stefan Frey will die Impfung "to go" an Badeseen und auf Plätzen anbieten - vor allem, um die unter 30-Jährigen zu erreichen. Denn die Impfquote müsse noch deutlich steigen.

Interview von Carolin Fries

Im Sommer sollten alle durchgeimpft sein. Dieses Ziel hatte sich Landrat Stefan Frey (CSU) Anfang Mai gesetzt. Sechs Wochen später gerät die Impfkampagne im Landkreis bei einer Impfquote von knapp über 60 Prozent ins Stocken. Reicht das, um einer vierten Infektionswelle standhalten zu können? Der 46 Jahre alte Jurist aus Starnberg, der selbst vor knapp zwei Wochen die zweite Biontech-Spritze erhielt, ist da skeptisch. Im Interview erzählt Frey, wie er es schaffen will, dass sich noch mehr Menschen im Fünfseenland immunisieren lassen.

SZ: Über das Wochenende hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz mehr als verdoppelt, mitten im Sommer. Bereitet Ihnen das Sorge?

Stefan Frey: Das zeigt, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Die Menschen gehen wieder sorgloser miteinander um, treffen sich unverkrampfter. Das ist einerseits schön, doch wir dürfen nicht vergessen, dass der Herbst vor der Tür steht. Ich möchte kein Wasser in den Wein kippen, doch eindringlich weiter zur Vorsicht mahnen.

Aktuell liegt die Impfquote bei 62 Prozent. Was ist Ihr Ziel bis zum Herbst?

70 bis 80 Prozent. Dann wären wir gut gerüstet. Gerade Kinder und Jugendliche haben vielfach noch keinen Impfschutz, für die Zwölf- bis 17-Jährigen gibt es ja noch keine Empfehlung von der Ständigen Impfkommission.

Aber der Biontech-Impfstoff ist für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Im Nachbarlandkreis Landsberg wird er auch schon im Impfzentrum in dieser Altersgruppe verabreicht. Warum auf eine Empfehlung warten?

Das würde vielen Eltern mehr Sicherheit geben. Sollte es eine Empfehlung der Stiko geben, würde ich an die Schulleiter herantreten, um direkt mit den Eltern und Schülern in Kontakt zu kommen, und eventuell sogar an den Schulen impfen lassen.

Starnberg: LRA neuer Landrat - Stefan Frey

Stefan Frey ist seit Mai 2020 Landrat in Starnberg. Vor seiner Wahl leitete er im Bayerischen Innenministerium das Referat für innenpolitische Grundsatzfragen. Der 46-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder.

(Foto: Nila Thiel)

Weil die Leute nicht mehr ins Impfzentrum kommen wollen?

Ja. Wir müssen den Impfstoff zu den Menschen bringen. Nicht jeder Jugendliche mag am Wochenende nach Gauting ins Impfzentrum fahren. Doch auch dort soll es das Angebot natürlich geben. Solange es aber keine Stiko-Empfehlung gibt, nur dann, wenn ein Kinder- und Jugendarzt zur Beratung vor Ort ist. Das Beratungsangebot ist mir wichtig. Das BRK beschäftigt vor Ort auch einen Kinderarzt im Impfteam.

Außer den Kindern: Wer fehlt noch?

Die jungen Erwachsenen unter 30, da gibt es noch Lücken. Die haben viele Kontakte, viele sind allerdings noch ungeimpft. Für sie wollen wir Impfaktionen an zentralen Plätzen in der Stadt anbieten oder an den Badeseen. Quasi impfen "to go".

An den Seen sind jetzt aber auch viele Touristen, die Starnberger wiederum starten in zwei Wochen in die Ferien und sind dann weg.

Ich glaube schon, dass wir die Menschen noch rechtzeitig erreichen. Es reicht ja auch eine erste Impfung in der Ferienzeit, um dann im Herbst den vollen Schutz zu haben. Ende September ist es noch so warm, dass man die Räume noch gut lüften kann. Bis Oktober/November sollte die Impfquote um die entscheidenden Prozente erhöht sein.

Stattdessen landete zuletzt Impfstoff sogar im Müll.

Das ärgert mich nicht nur, es macht mich betroffen. Ich habe lange um jede einzelne Dosis gekämpft. Jetzt ist der Impfstoff da und jeder könnte sich impfen lassen - doch wir haben Mühe, diesen loszubekommen. Einen Teil der Astra-Zeneca-Lieferung geben wir an die Regierung zurück, damit in anderen Ländern ein Mangel behoben werden kann.

Sollten Impfschwänzer bestraft werden?

Nein. Es ist zwar nicht in Ordnung, seinen Termin nicht abzusagen, aber wir wissen ja nicht, was im Einzelfall dahinter steckt. Außerdem handelt es sich um Einzelfälle und kein Massenphänomen.

Pandemie-Koordinator und HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing hat sich für mehr Freiheiten für Geimpfte ausgesprochen - auch, um eine Impfmotivation zu schaffen.

Diese Auffassung teile ich. Wer geimpft ist, sollte wieder alle Freiheiten haben. Sonst werden die Leute impfmüde. Das wäre kein Impfzwang, aber ein klares Signal. Damit auch jene über ihren Schatten springen, die noch Vorbehalte haben und in den Genuss der Herdenimmunität kommen wollen.

Viele Familien, Lehrer und Schulleiter befürchten nach den Sommerferien erneut Wechsel- und Distanzunterricht. Wird es so kommen?

Das wird stark davon abhängen, anhand welcher Parameter die Staatsregierung das Infektionsgeschehen einordnen wird. Ich bin dafür, nicht weiter nach Inzidenzen zu bewerten, sondern anhand der klinischen Versorgungslage. Schulschließungen müssen die Ultima Ratio sein. Darüber sollten wir eigentlich hinweg sein.

Auch, weil es in allen Klassenzimmern Luftfilter geben wird?

Bei den Luftfiltern bin ich zwiegespalten. Der Nutzen ist fraglich und auch in der Fachwelt umstritten. Vor allem aber werden die Geräte nur zur Hälfte vom Freistaat finanziert, den Rest müssen die Kommunen tragen. Gute Geräte kosten ab 2000 Euro pro Stück, wir reden also von Millionenbeträgen, die auf die Kommunen abgewälzt werden. Manche Gemeinden können sich die Investition leisten, andere nicht. Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft sollte es nicht geben, da sollte der Freistaat noch was drauflegen.

Wie hat Ihnen persönlich das vergangene Pandemie-Jahr zugesetzt?

Wir haben das als Familie ganz gut hingekriegt, sind aber auch privilegiert. Sowohl meine Frau als auch ich konnten immer wieder auch von zu Hause aus arbeiten, und die Kinder im Grundschul- und Kindergartenalter haben das prima gemacht. Mit Kindern in der Pubertät wäre das sicher anders gewesen. Am vergangenen Wochenende haben wir mit der Familie Erstkommunion gefeiert und das sehr genossen. Ich würde mir wünschen, dass das so bleibt und wir weiter ein normales Leben führen können...

Aber?

Ich gehe mit gemischten Gefühlen in den Herbst. Denn damit das so bleibt, müssen noch mehr Menschen sehen, wie jeder seinen Teil dazu beitragen kann.

© SZ vom 14.07.2021
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