Ruhig anstehen in der Kälte und warten, bis man dran ist: Beim Sonderimpftag im Landratsamt Starnberg bilden sich lange Warteschlangen, wie man sie allenfalls von Fotos kennt, die englische Busstationen und wiedereröffnete deutsche Clubs zeigen. An diesem Vormittag jedenfalls erlebt die Behörde einen regelrechten Ansturm von Menschen, die zur Erstimpfung kommen. Ihre Queue ist wesentlich länger als diejenige für die sogenannten Booster-Patienten. "Ich sehe nur junge Leute, das ist gut", freut sich Behördensprecher Stefan Diebl. Jan Lang, Kreischef des BRK (Bayerisches Rotes Kreuz), lässt die Frage, warum die Leute sich erst jetzt impfen lassen, gar nicht erst gelten. "Man muss über jeden erfreut sein", sagt er.
Die meisten Impfwilligen sind jünger als 30, sogar Kinder sind darunter. Sie nehmen die Warterei am Samstag gelassen und beschäftigen sich mit ihrem Handy, bis sie zur nächsten Station kommen. Offenbar haben sich die Menschen während der Pandemie ans Schlangestehen gewöhnt. Drängeln geht ohnehin nicht. Schon am Parkplatz werden die Impfwilligen weitergeleitet zur ersten Station vor dem Haupteingang. Dort registrieren Helfer die Patienten und teilen sie ein, je nachdem ob sie eine Auffrischungsimpfung benötigen oder eine Erstimpfung. Jeder Patient bekommt eine Platzkarte mit Nummer, die er erst beim Verlassen des Landratsamtes wieder abgeben kann.

Ansturm aufs Landratsamt: 659 Menschen lassen sich am Samstag erstmals impfen oder boostern wie diese junge Frau, die ihre beiden Söhne dabei hat.
Bei der Anmeldung registrieren Helfer die Daten der Impfwilligen und teilen sie ein.
Die Kinder müssen nicht anstehen, sie werden bevorzugt behandelt, wie der zwölfjährige Felix. Er habe sich genau überlegt, ob er sich impfen lässt, sagt er. Als der Impfstoff für seine Altersgruppe freigegeben worden sei, habe er sich für das Vakzin entschieden, aus Rücksichtnahme, aber auch, weil viele seiner Freunde schon geimpft seien. An jeder Ecke stehen freundliche Helfer, die älteren Patienten Sitzplätze anbieten und die Impfwilligen einweisen. Anschließend wird jeder Platz wieder desinfiziert.
Die Aktion ist gut organisiert, und die Zeit von der Registrierung bis zur Nachbeobachtungszeit mit etwa 45 Minuten noch durchaus akzeptabel. Am Ende des Tages sind 659 Menschen geimpft. Unter den 190 Patienten, die zum ersten Mal immunisiert werden, sind 55 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren.
Das BRK betreibt die Impfstationen, Kreischef Jan Lang steht schon seit vier Stunden in der Kälte, um an der ersten Station mitzuhelfen. Er findet es "extrem wichtig", seine Mitarbeitern zu unterstützen. Sie seien zermürbt, weil sich die Vorgaben ständig änderten. "Wir haben fast täglich neue Herausforderungen. Was gestern noch galt, ist heute wieder anders", meint er und fügt hinzu: "So etwas kann man nur mit Humor nehmen." Weil die Zahl der Impfwilligen in den Sommermonaten nach unten gegangen sei, habe das BRK als Konsequenz Personal abgebaut. Nun sieht es wieder ganz anders aus: So viele Menschen wie möglich sollen immunisiert und die Impfzentren in Herrsching und Gauting wieder hochgefahren werden.

Neben den Mitarbeitern in den Impfzentren gibt es auch ein mobiles Team, für das "Impfen to go" und für die Pflegeeinrichtungen. Das BRK muss nun die Mitarbeiterzahl von derzeit 90 auf mindestens 120 aufstocken. Doch was medizinisches Personal betreffe, sei der Markt leergefegt, klagt Lang. Dazu komme der Frust über Beschwerden der Bürger, die wegen der ständigen Änderung der Vorgaben verunsichert seien. "Die Leute werden aggressiv, sie haben Angst."
Lang hofft, dass seine Einrichtung zwischen 2500 und 3000 Patienten pro Woche impfen kann. Das müsse aber noch mit dem Landratsamt abgestimmt werden. Bedenken, dass der Impfstoff knapp werden könnte, habe er nicht.
Genau dieses Thema treibt Landrat Stefan Frey um: Laut Bundesgesundheitsministerium soll Biontech rationiert und verstärkt Moderna geimpft werden, damit die Vorräte an diesem weniger gefragten Vakzin nicht verfallen. Frey ist aber davon überzeugt: Die meisten Menschen wollten Biontech, "die werden wir doch nicht einbremsen". In einer geharnischten Antwort auf einen Brief aus dem Ministerium schreibt er: Das Impfungen nähmen gerade wieder Fahrt auf, "da wird uns schon wieder der Knüppel zwischen die Beine geworfen. Mit dieser Impfstoff-Politik zerstöre man "jegliche Motivation unserer Ärzteschaft". Eine Auffrischungsimpfung gibt es an diesem Samstag nur für Menschen, die älter als 70 sind. Gegen Ende der Aktion aber wird jeder geimpft, solange der Vorrat reicht. Von jetzt an will Landrat Frey bestellen, "was wir kriegen können".