Der Besuch war nur kurz, die Botschaft aber eindeutig: Das Bundesverkehrsministerium sieht sich mit Blick auf die 170-Millionen-Euro-Klage der Deutschen Bahn (DB) gegen die Stadt Starnberg nicht als betroffenen Akteur. Allerdings will sich Ulrich Lange (CSU), parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium, dafür einsetzen, alle Beteiligten für eine konstruktive Lösung „an einen Tisch zu bekommen“. Die weitere Perspektive für den Bahnhof am Seeufer, um den es in dem Streit geht, jedoch ist eher ernüchternd: Rund um die Bahnstation wird sich die nächsten Jahre kaum etwas tun.
Lange, seit 2009 Bundestagsabgeordneter und seit Mai 2025 als Parlamentarischer Staatssekretär die „rechte Hand“ von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), machte am Dienstag in Starnberg Station, um ein persönliches Bild von der Situation am Bahnhof See zu bekommen. Bürgermeister Patrick Janik (CSU, UWG) betonte beim Ortstermin auf dem Bahnsteig mit Blick auf den See ein „gutes und konstruktives Gespräch“. Lange konnte den „casus belli“ – also den Kriegsgrund – zwischen Stadt und Bahn zwar nachvollziehen, erklärte sich in der Sache aber als nicht zuständig. „Wir sind nicht mittelbar betroffen“, sagte Lange.
Konkret geht es im Zuge der bislang nur teilerfüllten „Seeanbindung“ um eine Schadenersatzklage gegen die Stadt über 170 Millionen Euro, die von der DB im Dezember 2019 eingereicht wurde. Janik trat im Mai 2020 sein Amt als Bürgermeister an und übernahm von seiner Vorgängerin eine schwere Bürde. Es gelang ihm, mit der Bahn im Dezember 2022 eine Art Stillhalteabkommen zu vereinbaren. Zwar ruht die Klage seither, und auch eine technisch machbare Lösung wurde in zähen Verhandlungen erzielt. Doch bislang fehlt das Geld für den auf 177 Millionen Euro taxierten Umbau rund um die Bahnstation am See.

Gleichwohl ist der zwischen Bahn und Stadt ausgehandelte Vorschlag, der auch von einer Mehrheit im Stadtrat getragen wird, in der Bevölkerung höchst umstritten. Die Variante 7e sieht unter anderem den Entfall eines Gleises am Bahnhof See, ein Wende- und Abstellgleis im Süden der Stadt zwischen Oberfeld und Oskar-von-Miller-Straße sowie eine Verlegung des Regionalzughalts an den Bahnhof Nord vor. Es ist die einzige Variante, die ohne zusätzliche Lärmschutz-Elemente in der Innenstadt auskäme.
„Das Thema Bahnhof Starnberg stöhnt derzeit nicht gerade nach einer Lösung“
Die „Seeanbindung“ ist eines der komplexesten und zugleich umstrittensten Themen in Starnberg. Seit nahezu 40 Jahren geht es im Kern um die Frage, wie man die trennende Wirkung der Bahngleise zwischen Innenstadt und See abmildern könnte. Ein 1987 ausgehandelter Vertrag betrifft im Wesentlichen eine Übereignung nicht benötigter Bahngrundstücke an die Stadt. Im Gegenzug bezahlte Starnberg den Bau des Bahnhofs Nord und hätte auch die Erneuerung bahntechnischer Anlagen und den Bau einer barrierefreien Bahnstation übernehmen sollen. Doch dazu ist es nicht gekommen.
Aus Sicht des Verkehrsministeriums „stöhnt das Thema Bahnhof Starnberg derzeit nicht gerade nach einer Lösung“, wie der Staatssekretär sagte. Mit Blick auf das offene Verfahren befand Lange jedoch, dass jeder Vergleich besser sei als ein ungerechtes Urteil. Im Verkehrsministerium sei man sich des Gesamtgefüges der verfahrenen Situation durchaus bewusst. Lange will in Berlin Vorgespräche führen, um alle Beteiligten von Stadt, Bahn, Bund und Freistaat an einen Tisch zu holen. Dass die Deutsche Bahn ihre Klage zurücknimmt, gilt weiterhin als unwahrscheinlich.

Bürgermeister Janik erwartet nach eigener Aussage, dass es vorerst „keine schnellen Lösungen und keinen schnellen Baubeginn“ geben wird. Er rechnet im Idealfall mit jeweils dreijähriger Vorlaufzeit für Planung, Genehmigung und Bauzeit. Abgesehen von kleineren Verbesserungen werde an der Bahnstation daher voraussichtlich „die nächsten sechs Jahre nichts passieren“. Entscheidend sei die Finanzierbarkeit des Vorhabens, hieß es. „Ohne den Freistaat geht es nicht“, sagte Lange. Allerdings werde sich das Verkehrsministerium nicht in den Dialog zwischen Bahn und Stadt einmischen, zumal bei der DB derzeit gravierende strukturelle Änderungen anstehen. Der einstige Staatskonzern verzeichnet rote Zahlen, die Bahn kämpft mit massiven Problemen wie maroder Infrastruktur und mangelnder Pünktlichkeit, weil jahrelang unzureichend investiert wurde.
Mit dem Thema „Seeanbindung“ hatte sich auch Langes Vorgänger schon befasst: Staatssekretär Michael Theurer (FDP), Beauftragter der Bundesregierung für Schienenverkehr, besuchte Starnberg im September 2023, hielt sich im Hinblick auf Zusagen aber ebenfalls zurück: Das Großprojekt könne nur gelingen, „wenn alle beteiligten Stellen zusammenwirken“, befand er seinerzeit. Der Starnberger Seebahnhof ist aufgrund der seit Jahren ungeklärten Situation ohne Dach, nicht barrierefrei und größtenteils unansehnlich. Die FDP fordert schon lange eine pragmatische und kostengünstige Lösung, doch alle bisher vorliegenden Alternativen erscheinen unausgereift. Befürchtet wird auch, dass bei Änderung der Gleisanlagen am Bahnhof ein bislang nicht vorhandener Lärmschutz installiert werden müsste, was den Blick auf den See verstellen würde. Kritiker des Vorhabens fordern daher, den Status quo zu erhalten.
Im Starnberger Rathaus herrscht derweil verhaltener Optimismus, Bürgermeister Janik interpretiert das Treffen mit dem Staatssekretär als Erfolg. Er schließt nicht aus, dass die Kreisstadt bei ihrem ambitionierten Projekt womöglich Unterstützung durch das millionenschwere Konjunkturpaket der Bundesregierung erhalten oder von anderen Fördertöpfen profitieren könnte.

