Manchmal kommen einem die besten Ideen, wenn man sich gewaltig über etwas aufregt. Claudia Wagner, 50, schaute damals mit ihren Kindern eine Sisi-Serie auf dem Fernsehsender RTL, einer der unzähligen, die es gibt, und war direkt von der Anfangsszene der ersten Folge irritiert. "Da geht also Kaiser Franz Joseph ins Bordell in Starnberg, und ich fragte mich: Wo soll bitte in Starnberg ein Bordell gewesen sein?", wunderte sich die Starnbergerin. Und die Spurensuche begann.

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Wagner machte sich schlau, sie schaute im Stadtarchiv nach und klickte sich durch die Internetseiten diverser Behörden. "Wenn ich heute einen Prostitutionsbetrieb eröffnen wollen würde, wüsste ich jetzt genau, welche Unterlagen ich dafür beantragen muss", witzelt sie. In Starnberg wäre das allerdings nicht möglich, da die Stadt für die Genehmigung eine Mindestbevölkerung von 30 000 Einwohnern bräuchte, sie hat also 5000 zu wenig. Auch in den Archiven deutet nichts darauf hin, dass im 19. Jahrhundert hier ein Bordell betrieben wurde. Starnberg hatte demnach nie ein Freudenhaus und wird auch in Zukunft keines haben, solange nicht Tausende in die Stadt ziehen.

Die Suche nach dem Bordell hat die Kunsthistorikerin aber auf eine noch größere Frage gebracht: Wie wurde in Starnberg früher geliebt? Und wie erzählt man die Geschichte, ohne voyeuristisch und schlüpfrig zu klingen, sondern historisch akkurat und vollständig? Aus dem Gedanken entsprang Wagners Kultursommer-Führung, die die Kulturhistorikerin heuer anbietet.
Wie König Ludwig seine Homosexualität verbarg
König Ludwig II. von Bayern stand auf Männer, bevor das Wort Homosexualität Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch fand. Als er sich 1867 mit Prinzessin Sophie in Bayern verlobte, hat er sie vorgewarnt, dass sie nur eine "Engelsehe" zu ihm führen könnte, also eine rein platonische Beziehung. Er schrieb ihr, "dass nach wie vor meine treue innige Bruderliebe zu dir tief in meiner Seele wurzelt, nicht aber die Liebe, die zur Vereinigung in der Ehe erforderlich ist." Ein halbes Jahr später löste er die Verlobung auf.
Seine männlichen Geliebten konnte Ludwig nur im Geheimen treffen. Sie hießen Hesselschwerdt oder Hornig, waren Reitknechte und trugen einen gepflegten Bart. Mit denen ruderte er zum Urlaub auf die Roseninsel, fern der neugierigen Blicke des bayerischen Hofs. Die Gerüchte schafften es dennoch über den See hinaus. Man tratschte darüber, wie der König erst um elf Uhr früh aufgestanden sei, weil er und seine Freunde "die ganze Nacht geritten" seien; die Doppeldeutigkeit der Formel war damals schon bewusst gewählt.
Bäckerfamilie Meier: die erste Patchworkfamilie Starnbergs

Die ehemalige "Bäckerei Meier" an der Hauptstraße hatte Kultstatus in der Kreisstadt. Was viele nicht wissen: Die Gründer Josef und Franziska Meier brachten ein uneheliches Kind mit in die Familie, als sie 1906 die Backstube eröffneten. Der Anfang war schwer, weil die Einwohner mit Handzetteln die Familie diffamiert und gegen sie gehetzt haben.
Was eigentlich eine glückliche Patchwork-Familie war, also eine Familie mit Kindern aus vorheriger Beziehung, empörte damals die ganze Nachbarschaft. Und dennoch wurde der Backladen ein großer Erfolg. Bald durften die Meiers mit ihren Prinzenhörnchen die noblen Herrschaften des Leutstettener Schlosses beliefern und bekamen 1917 den begehrten Titel des "Königlich Bayerischen Hoflieferanten" verliehen, zwei Jahre vor Abschaffung des deutschen Adels.
Uneheliche Schwangerschaften wurden bis ins 19. Jahrhundert strafrechtlich verfolgt
Doch auch die uneheliche Tochter Henriette Meier hat eine eigene tragische Lebensgeschichte. Auch sie wurde ungewollt schwanger und musste für ihre Geburt nach Bad Aibling reisen. Sonst hätte sich das in der Stadt herumgesprochen und das wäre geschäftsschädigend für den Familienbetrieb gewesen. Außereheliche Kinder wurden damals Bankerte genannt, weil sie nicht im Ehebett gezeugt wurden, sondern möglicherweise auf einer Bank.
Die Kunsthistorikerin Claudia Wagner ist im Stadtarchiv auf etliche solcher Tragödien gestoßen - Frauen, die sich und ihre unehelichen Kinder im See ertränkten, weil der Vater sie aus finanzieller Not nicht heiraten konnte. Nicht nur mussten sie damals gesellschaftliche Ächtung fürchten, wenn sie ungewollt schwanger wurden, sondern es wurde auch von der Staatsanwaltschaft als "leichtfertiges Delikt" strafrechtlich verfolgt.
"Die Liebe war damals ein tragisches Thema, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zog", sagt die Stadtführerin, "Bauernmädchen ertränkten sich im See, bürgerliche Frauen wurden von der Gemeinschaft ausgeschlossen und dem Adel wurden Zwangsehen aufgezwungen." Auch wenn die Frage um das Starnberger Bordell der Ausgangspunkt für ihre Führung war, geht es Wagner im Wesentlichen um die gesellschaftlichen Zwänge, die damals herrschten und die heute "glücklicherweise" langsam abbröckeln.
Die Tour dauert etwa zwei Stunden, beginnt am Dampfersteg an der Seepromenade und endet im Starnberger Schlossgarten. Insgesamt gibt es drei Termine: Freitag, 23. Juni, um 15 Uhr, Sonntag, 9. Juli, um 10 Uhr und Samstag, 22. Juli, um 10 Uhr. Eine Karte kostet zehn Euro und ist unter kulturbuero@starnberg.de sowie in der Tourist Information Starnberg erhältlich.

