Starnberg:Blitzaktion per Traktor

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Starnberg Milchbauer Demo

Michael Friedinger, Kreisvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (2.v.re.), und seine Mitstreiter forderten faire Preise.

(Foto: Georgine Treybal)

Bauern protestieren auf dem Starnberger Lidl-Parkplatz gegen den chronischen Verfall des Milchpreises

Von Christian Deussing, Starnberg

In einer unangemeldeten Blitzaktion unter dem Motto "Fünf nach Zwölf" sind am Montagvormittag einige Milchbauern mit Traktoren auf den Starnberger Lidl-Parkplatz vorgefahren. Sie forderten einen "fairen Milchpreis" von mindestens 40 statt 26 Cent pro Liter, um finanziell existieren zu können. Dazu könnten auch die Discounter und Supermärkte "kreativ beitragen", betonte Michael Friedinger, Kreisvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) in Starnberg. Denn der Lebensmittelhandel sollte, nachdem sich der Milchmarkt deutlich erholt habe, höhere Preise an die Molkereien zahlen. Das müsse das Ziel in den laufenden Kontraktverhandlungen mit dem Handel sein. Der müsse zudem darauf bestehen, dass von "erhöhten Einstandspreisen" für alle Milchprodukte auch die Milchbauern profitieren, erklärte der BDM-Kreisvorsitzende. Dabei übergab er einer Kundin ein Flugblatt mit der Überschrift: "Bauern und Verbraucher - Hand in Hand".

Die Aktion der Landwirte mit Kuh-Attrappen, Plakaten und Traktoren ist nicht verborgen geblieben. So tauchte Lidl-Filialleiterin Maren Diemann mit einem Kollegen auf, um die Milchbauen auf das Hausrecht des Discounters hinzuweisen. Demnach könne die Aktion auf dem privaten Grund nur noch zehn Minuten geduldet werden, sonst müsse man die Polizei verständigen, sagte die Filialchefin. Sie blieb aber - wie auch die Landwirte - freundlich und versprach ihnen, den Forderungskatalog durchzulesen und an die Lidl-Geschäftsführung weiterzuleiten.

In dem Discounter kostet die billigste Milch derzeit 42 Cent der Liter und 1,05 Euro die Bio-Milch. "Ich kaufe zwar meistens die günstigste Milch, manchmal aber auch eine regionale, die teurer ist", erzählt eine 40-jährige Starnbergerin und schiebt ihren Einkaufwagen zum Lidl-Eingang. Sie versteht die Existenznöte der Milchbauern, ebenso wie Danielle Preiß und ihr Schwager Nikolaus. Sie finden es unlogisch, unabhängig von Lidl, dass die "Flasche Wasser teilweise schon teurer ist als die Milch". Beide gehen zu den Bauern und holen sich den Flyer.

Nach Angaben von Friedinger mussten zuletzt jährlich bis zu zehn Milchviehhalter wegen des chronischen Preisverfalls und der Einkommensverluste im Landkreis Starnberg ihren Hof aufgeben. Am Ende dieses Jahres würden es noch etwa hundert Betriebe sein, die existieren könnten. In vielen Dörfern im Fünfseenland gibt es keine Milchbauern mehr - wie mittlerweile auch in Drößling. Die Angst, es angesichts der "Spottpreise" nicht mehr zu schaffen, verbreitet sich auf den Höfen. Auch Resignation sei leider schon zu spüren, berichtete Marcus Ruhdorfer, Bio-Landwirt aus Buchendorf. Wer in den vergangenen drei Jahren zum Beispiel noch in seinen Milchviehbetrieb investiert und dafür Kredite aufgenommen habe, sei besonders gefährdet, sagte BDM-Sprecher Friedinger.

Wegen dieser düsteren Aussichten ist es auch fraglich ob die nachfolgenden Generationen es wagen, den Betrieb weiter zu führen. Daran denkt etwa Karin Ansorge vom Bauernhof Käß aus Aschering, den es seit 150 Jahren gibt. "Wir sind blank und haben die Schnauze voll", schimpfte ein Bauer, der sich von den Landwirtschaftsministern im Stich gelassen fühlt. Als Hohn wird von manchen der Ratschlag empfunden, sich "doch weitere Standbeine zu suchen" . Das laufe darauf hinaus, dass die Landwirtschaft nur noch als "Hobby übrig bleibt und das kann's ja wohl nicht sein", ärgert sich Josef Kaspar, der in Maising noch 60 Milchkühe hält.

Neben ihm steht Nikolaus Friesenegger aus Unterzeismering. Der 50-Jährige fragt sich, wie er den Umbau seines Kuhstalls finanzieren soll. Der Mann steht nicht allein vor diesem Problem, zumal die gesetzlichen Standards in der Tierhaltung strenger geworden sind. Das bedeutet jedenfalls laut BDM "Mehraufwand und Kosten", die zusätzlich voll vergütet werden müssten. Nun hoffen die Milcherzeuger, dass auch die Verbraucher reagieren und bereit sind, nicht nur auf den günstigsten Preis zu achten.

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