Religion:"Erst, wenn wir hier beerdigt sind, haben wir hier auch gelebt"

Lesezeit: 4 min

Religion: Auf dem Waldfriedhof wurde 1955 die erste islamische Grabanlage Münchens eröffnet.

Auf dem Waldfriedhof wurde 1955 die erste islamische Grabanlage Münchens eröffnet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf keinem Friedhof im Landkreis Starnberg gibt es einen separaten Bereich für islamische Bestattungen. Muslime aus Starnberg weichen deshalb ins Umland aus oder lassen ihre verstorbenen Angehörigen in deren Herkunftsländer überführen. Muss Integration immer erst erkämpft werden?

Von Carolin Fries

Mesut Coskuner hat seine Entscheidung getroffen. "Meine Heimat ist hier", sagt der Starnberger. "Hier lebe ich, hier möchte ich beerdigt werden." Der 40 Jahre alte Taxiunternehmer hat drei Kinder und weiß, sie würden ihn regelmäßig am Grab besuchen, dort an Festtagen aus dem Koran lesen, wie es die islamische Tradition verlangt. Das einzige Problem: Weder in Starnberg noch auf sonst einem Friedhof im Landkreis Starnberg gibt es ein muslimisches Grabfeld. "Das ist schade", sagt der streng gläubige Coskuner und meint das nicht nur auf sich bezogen. Wenn es ein Miteinander der Religionen im Leben gibt, warum dann nicht auch im Tod?, fragt sich Coskuner. "Gäbe es hier muslimische Gräber, wäre das auch ein Zeichen der Anerkennung des Islam."

Religion: Abdülhamit Bal (links) und Mesut Coskuner wünschen sich eine islamische Bestattung in Starnberg.

Abdülhamit Bal (links) und Mesut Coskuner wünschen sich eine islamische Bestattung in Starnberg.

(Foto: Nila Thiel)

Der fröhliche Mann in Pulli und Lederjacke zeigt ein strahlendes Grinsen, bevor er seinen rechten Fuß unter den linken Oberschenkel steckt, als wolle er ihn wärmen. Das Freitagsgebet ist gerade vorbei, ein paar Männer sind noch in den neuen Räumen des Starnberger Integrationsvereins geblieben und haben es sich in Socken oder dünnen Schlappen auf den Sesseln im Vorraum gemütlich gemacht. Seit geraumer Zeit bauen die knapp 40 Mitglieder aus verschiedensten Ländern der Welt zusammen mit konvertierten Deutschen hier am Stadtrand in Eigenleistung die Gebets- und Schulungsräume aus, bald soll das Haus festlich eröffnet werden. Drei Generationen versammeln sich inzwischen im Verein, die ältesten kamen wie die Brüder Cemil und Yunus Coban mit ihren Eltern nach Deutschland, als Kinder von Gastarbeitern. Inzwischen sind die Männer, 62 und 64 Jahre alt, selbst Großeltern und beobachten, wie vor allem bei den jüngeren Glaubensbrüdern und -schwestern der Wunsch nach einer islamischen Bestattung in Deutschland wächst. Doch die Möglichkeiten sind rar.

In München gibt es Friedhöfe mit eigenen Grabanlagen, etwa den Waldfriedhof, den Süd- und den Westfriedhof. Dort sind die Gräber nach Mekka ausgerichtet und die Satzung erlaubt eine Beisetzung im Leinentuch. Auch im Landkreis Weilheim-Schongau gibt es mehrere Friedhöfe mit eigenen Bereichen für islamische Bestattungen, in Weilheim wurde vor drei Jahren ein separates Abteil eingerichtet. "Wir haben das angesprochen, die Stadt hatte damit kein Problem - und das Thema war erledigt", fasst Cemil Sisman, Vorsitzender des dortigen Ditib-Vereins, die Entstehungsgeschichte zusammen. Acht oder neun Plätze seien inzwischen belegt. "Die allermeisten Verstorbenen wollen zurück in ihre Herkunftsländer", sagt Sisman. Doch die Nachfrage nach Grabstätten in Deutschland steige, umso stärker sich der Lebensmittelpunkt der zugewanderten Familien verlagere. "Wenn irgendwann nur noch zwei Tanten in der Türkei leben und alle anderen Verwandten in Deutschland, stellt sich die Frage neu."

Wie viele Menschen mit islamischem Glauben in Starnberg oder gar im Landkreis leben, wird statistisch nicht erfasst. Schätzungen zufolge aber liegt der Anteil deutschlandweit bei etwa zehn Prozent, im Landkreis sind das also etwa 13 000 Menschen. Wieso gibt es für sie keinen ausgewiesenen Platz auf den hiesigen Friedhöfen?

Die Stadt Starnberg verweist auf ein Platzproblem. "Es gibt gar keine freien Bereiche auf unseren Friedhöfen mehr", sagt Sprecherin Lena Choi. Allenfalls auf dem Waldfriedhof wäre ein separater Bereich vielleicht noch möglich, sollte sich der Stadtrat dafür aussprechen. Aktuell lässt die Friedhofssatzung der Stadt islamische Bestattungen gar nicht zu. Erst mit der Neuausschreibung des Dienstleistungsvertrags im kommenden Jahr wolle man diese Bestattungsform "explizit berücksichtigen", heißt es. Wer derzeit eine Beisetzung im Leinentuch auf einem der Friedhöfe für einen Angehörigen will, muss das über eine Ausnahmeregelung beantragen - passende Gräber liegen zufällig gen Mekka gerichtet. Bislang sei noch keine islamische Bestattungen in Starnberg angefragt beziehungsweise durchgeführt worden, so Choi. "Das funktioniert so natürlich nicht", sagt Cemil Coban nur.

Ist Integration noch immer ein Status, den Minderheiten sich erkämpfen müssen? Konkret: Müssen die Muslime in Starnberg erst einen ihnen zugewiesenen Bereich auf dem Friedhof einfordern, bevor man ihnen diesen gewährt? Cemil Coban als Vorsitzender des Integrationsvereins sagt, ein zentrales Gräberfeld für die muslimische Bevölkerung im Landkreis wäre wünschenswert. Forderungen wolle man aber nicht stellen - vielmehr einen Anstoß geben. "Es reicht, wenn jede Generation ein bisschen was bewegt." Für ihn und seinen Bruder ist klar: "Unser Grab ist in der Türkei." Sie haben längst Verträge mit einer Begräbnisversicherung abgeschlossen, die die Überführung und Beisetzung ihrer Leichen in die alte Heimat organisiert. "Aber es wäre ein schönes Gefühl, wenn es auch hier ginge", sagt Cemil Coban. Hier, wo sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht haben. Cemil Coban sagt: "Die Türkei ist mein Vaterland, Deutschland mein Mutterland."

Religion: Die Brüder Cemil (links) und Yunus Coban wollen in der Türkei bestattet werden.

Die Brüder Cemil (links) und Yunus Coban wollen in der Türkei bestattet werden.

(Foto: Nila Thiel)

"Jeder Landkreis sollte zumindest eine Möglichkeit schaffen", unterstützt Valentin Zirngibl den Wunsch des Integrationsvereins. Der 33-Jährige leitet ein Bestattungsunternehmen in Starnberg und wünscht sich mehr Diversität auf den Friedhöfen im Landkreis. Bislang sei die Nachfrage nach islamischen Beisetzungen zwar gering, etwa drei Anfragen erreichten ihn bisher durchschnittlich im Jahr. Dennoch fragte er im April vergangenen Jahres, als bayernweit die Sargpflicht aufgehoben wurde, die Friedhöfe im Landkreis ab, ob Bestattungen im Leichensack möglich seien. Ergebnis: "Da gibt es leider nur wenig." Zirngibl ist überzeugt, dass die Nachfrage steigen wird - abgesehen davon hält er das Angebot für eine gesellschaftlich schöne und wichtige Geste: Einen Platz anbieten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein solches Angebot, sagt Cemil Coban, würde auch den Blick der älteren Generation, zu der sich der 62-Jährige selbst zählt, ändern. "Es wäre wirklich eine Bereicherung und ein Zeichen, dass Christen und Muslime gut zusammenleben können." Mesut Coskuner sagt: "Erst, wenn wir hier beerdigt sind, haben wir hier auch gelebt".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema