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Expedition in den Himalaya:Auf dem Weg in den Himmel

Erstbesteigung Annapurna-Mittelgipfel durch Heinz Oberrauch und Ludwig Greissl am 3. Oktober 1980

Die Annapurna mit Ost-, Mittel- und Hauptgipfel (v. l.).

(Foto: privat)

Dem Starnberger Heinz Oberrauch gelingt vor 40 Jahren die Erstbesteigung des 8051 Meter hohen Annapurna-Mittelgipfels. Beim Abstieg stürzt einer der Kameraden in den Tod.

Von Carolin Fries

Als er es endlich geschafft hat, ist für einen Moment alles vergessen. Die Anstrengung, die Schmerzen und auch der Stein, den er seinen Kindern vom Gipfel versprochen hat. "Das Licht war so einmalig schön", erinnert sich Heinz Oberrauch. In Rot- und Violetttöne habe die Abendsonne die Gipfel der Gletscherlandschaft getaucht. Es ist der 3. Oktober 1980 und Heinz Oberrauch erreicht gegen 18 Uhr den Mittelgipfel des Annapurna im Himalaya-Gebirge. Der Starnberger ist der erste Mensch hier oben auf 8051 Metern, der Hauptgipfel liegt nur 40 Meter höher. Heinz Oberrauch, damals 32 Jahre alt, genießt diesen Moment, speichert ihn für immer ab. Der erste Gedanke, an den er sich wieder erinnern kann: "Hoffentlich komme ich hier heil wieder runter." Er hat diese Erstbesteigung knapp überlebt. Ein Kamerad ist beim Abstieg tödlich verunglückt.

40 Jahre später sitzt Heinz Oberrauch zusammen mit Ludwig Greissl, der die Expedition damals geleitet hat, in der holzverkleideten Stube seines Hauses in Starnberg und blättert im Tagebuch, das er damals akribisch geführt hat. Der Glasermeister hat alles aufgehoben, die ledernen Schuhe von damals, die Lawinenschaufel und den blechernen Kochtopf. Die beiden fügen ihre Erinnerungen an diese knapp acht Wochen in Nepal zusammen wie Geschwister ihre gemeinsame Kindheit. Wenn sie mit einem breiten Lächeln von Tütensuppen und Fertigkartoffelbrei schwärmen, möchte man meinen, sie erzählen von einem Campingurlaub in den Alpen. Im nächsten Moment sind sie dann aber ganz ernst. "Wir sind viel zu spät zum Gipfel aufgebrochen", sagt Oberrauch. Ludwig Greissl zieht die Augenbrauen hoch. "Das war ein Fehler", so der 86-Jährige, der heute in Icking lebt. "Auch, dass wir zu wenig getrunken haben."

Die Annapurna gilt als einer der gefährlichsten Achttausender. Bis 2012 etwa haben nur 190 Bergsteiger den Gipfel erreicht, 61 Bergsteiger fanden den Tod. Warum gerade dieser Berg? Die Idee sei eben plötzlich da gewesen nach der ersten gemeinsamen Himalaya-Expedition drei Jahre zuvor auf den 7077 Meter hohen Kun. "Warum kein Achttausender?", fragten sie sich. "In unseren Köpfen ist etwas Verrücktes entstanden", schrieb Greissl damals an Oberrauch. Sie waren Wochenend-Bergsteiger mit einem großen Traum, der ihnen plötzlich zum Greifen nahe erschien, als ein Freund die Genehmigung für eine deutsche Expedition auf den zehnthöchsten Berg der Erde erhält.

Greissl leitet damals als Diplomingenieur eine Firma, Oberrauch hat eine Glaserei in Starnberg, außerdem eine Frau und zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt. Er kratzt 10 000 Mark für die Expedition zusammen, packt seine Ausrüstung ein, winkt der Familie am Flughafen. "Das war damals die Pionierzeit."

In zwei Kolonnen mit jeweils 65 Trägern verlässt die zehnköpfige Expedition Ende August beziehungsweise Anfang September Pokhara etwa 200 Kilometer westlich von Kathmandu. Sie haben erst vor Ort beschlossen, nicht den Hauptgipfel, sondern den noch unbestiegenen Mittelgipfel anzusteuern. Natürlich ohne Sauerstoff, "das ist ein riesiger Aufwand mit den Flaschen", sagt Oberrauch. Das Basislager errichten die Männer auf 4300 Metern, wenige Tage später steht Lager zwei auf 5700 Metern. Zwei Männer erkranken, "wir waren als Gruppe früh geschwächt", erinnert sich Greissl. Als am 23. September das dritte Lager auf 6500 Metern gebaut ist, gehen die Funkgeräte kaputt, jetzt sind die Gruppen auf sich gestellt.

Oberrauch und Greissl brechen zusammen mit Udo Böning aus Starnberg, einem vierten Kameraden und drei Sherpas auf, kämpfen sich trotz starker Stürme immer höher und errichten am 30. September ein viertes Lager. Zwei Tage später kommen die Männer in die Todeszone oberhalb von 7000 Metern, wo sie Lager fünf aufschlagen. Ein sechstes Lager erscheint ihnen unter diesen Bedingungen zu mühsam, am 3. Oktober soll es früh losgehen zum Gipfel. Doch der Aufbruch verzögert sich.

Heinz Oberrauch kippt beim Schmelzen von Schnee der Kocher um, sein Schlafsack fängt Feuer. Seinen Seilpartner schickt er deshalb voraus, auch Greissl und Böning starten kurz darauf mit einem Sherpa. Oberrauch und ein weiterer Träger holen die Männer bald ein, lediglich sein Seilpartner hat, anders als ausgemacht, die Route zum Hauptgipfel eingeschlagen - sollte diesen aber nicht erreichen und frühzeitig ins Lager zurückkehren. Auch die Sherpas kehren bald um.

Starnberger Bergsteiger auf dem Annapurna; Zwei Starnberger auf dem Annapurna

Heinz Oberrauch trug bei der Expedition Filzschuhe in doppelten Lederschuhen, die er noch aufbewahrt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Männer aus Deutschland aber wollen nicht aufgeben, nicht so kurz vor dem Ziel. Die Anstrengung ist enorm, Oberrauch geht voraus und krabbelt teilweise auf allen Vieren über den Bruchharsch, einen pulvrigen Schnee mit Eiskruste. Immer wieder bricht er ein. Abends erreichen sie den Grat zum Gipfel, "ein Weg in den Himmel", wie Greissl erzählt. Er erinnert sich, den letzten Schritt zum Gipfel ganz bewusst gesetzt zu haben. Überwältigt von den Eindrücken kramt er seine Kamera raus und macht Fotos. Greissl hat zwei Expeditionen auf Achttausender wegen Schneestürmen abbrechen müssen, jetzt ist er im Glück.

Die Nacht zieht schneller und dunkler herauf als erwartet, der Abstieg wird zur Tortur. Greissl weht eine starke Böe winzige, scharfkantige Eiskristalle in die Augen, seine Bindehaut ist verletzt, die Augen tränen nur noch. "Ich bin da blind runter", erzählt er. Sie kommen nur langsam voran, auch Udo Böning ist erschöpft. Die beiden beschließen, bei Minustemperaturen zwischen 35 und 45 Grad auf 7500 Metern zu biwakieren. Oberrauch macht sich allein auf den Weg zurück ins Lager. Er kann kaum noch sprechen, so trocken ist sein Mund. Sie wünschen sich gegenseitig Glück. Wenn er jetzt, 40 Jahre später, an diesen Moment zurückdenkt, fehlen ihm die Worte. Er streicht sich über den grauen Bart und zitiert eine Bergsteiger-Weisheit: "Der Berg gehört Dir erst, wenn Du wieder unten bist. Vorher gehörst Du ihm."

Heinz Oberrauch erreicht das Lager gegen ein Uhr nachts, am nächsten Morgen steigen zwei Kameraden den Nachzüglern entgegen. Sowohl Greissl als auch Böning haben Erfrierungen, beim Abstieg rutscht einer ihrer Freunde aus und stürzt mehrere hundert Meter in die Tiefe. Die Leiche kann nicht geborgen werden. Am 7. Oktober ist die Mannschaft wieder im Basislager, Greissls Kamera bleibt in Lager drei in einen Schlafsack gewickelt zurück. Sie sollten später Mühen haben, ihre erfolgreiche Erstbesteigung zu belegen.

Greissl und Böning werden vier Tage nach ihrem Gipfelglück in ein Krankenhaus nach München geflogen. Greissl verliert alle Zehen, auch seinem Freund werden abgestorbene Gliedmaßen amputiert. Er ist Nepal noch immer tief verbunden und vertritt das Land als Honorarkonsul in Bayern.

Oberrauch nimmt damals den ursprünglich für alle gebuchten Flug am 24. Oktober. Er bringt seinen Kindern doch noch einen Stein mit von diesem Berg, es ist ihm am Tag nach dem Gipfel wieder eingefallen.

© SZ vom 02.10.2020

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