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Bayerischer Hof in Starnberg:Neues Gutachten sieht keine Einsturzgefahr

Hotel Bayerischer Hof

Relikt aus alten Zeiten: Die Rezeption des 1865 erbauten Hotels "Bayerischer Hof" vermittelt schon im Eingangsbereich ein ganz besonderes Flair. Ob das Haus gerettet werden kann oder abgerissen wird, ist unklar.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im Gegensatz zum Statiker Ernst Schilcher kommt der Experte Franz Sailer zu dem Schluss, dass das Hotel sogar in gutem Zustand sei.

Von Peter Haacke

Wie marode ist das Starnberger Hotel "Bayerischer Hof" wirklich? Kurz vor Weihnachten 2020 war das 1865 erbaute Haus am Bahnhofsplatz komplett gesperrt worden, unter Zwangsgeldandrohung bis zu 10 000 Euro untersagte das Landratsamt angesichts möglicher Gefahren für Leib und Leben die weitere Nutzung. Betroffen davon war nicht nur das Hotel, sondern auch das Café Prinzregent und die "Griechische Taverna". Erhebliche Mängel in der Bausubstanz und am Dachstuhl könnten bei erheblichem Schneefall die Konstruktion zum Einsturz bringen, hieß es. Doch daran gibt es nun Zweifel.

Franz Sailer, Zimmerermeister aus Berg und seit 24 Jahren spezialisiert auf historische Bauuntersuchungen, kommt zu einem anderen Ergebnis: Im Gebäude sei kein statischer Schadensfall erkennbar, der Dachstuhl befinde sich in einem guten Zustand, der Keller sei trocken. Und somit befinde sich der gesamte "Bayerische Hof" "in einem altersbedingten sehr guten konstruktiven Bauzustand".

Die Expertise des 67-jährigen Fachmanns, der seine Stellungnahme nach mehreren Begehungen des Hauses kostenfrei anfertigte, steht damit im krassen Gegensatz zur Auffassung des Landratsamtes. Sailer ist sogar der Meinung, dass das Hotel umgehend wieder geöffnet werden könnte, weil keine Einsturzgefahr besteht. Allerdings räumt er auch ein: "Vernünftig wäre eine Zug-um-Zug-Sanierung." In seinem Schreiben an Nicolas Schrogl, den Pächter des Bayerischen Hofes, unterscheidet Sailer grundsätzlich zwischen "Schäden" und "Mängeln" an historischen Gebäuden. "Bei einem Schadensfall ist tatsächlich etwas passiert", schreibt Sailer. "Zu den Mängeln zählt alles, was bis zum Schadensfall führen kann."

Tatsächlich hat auch der Zimmerer aus Berg eine Reihe von Mängeln erkannt, die seiner Meinung nach aber allesamt zu beheben wären und keinesfalls die derzeitige Komplettsperrung des Hauses rechtfertigen. Das vermutlich historische Blechdach sei dicht, Feuchtigkeit durch Kondenswasser werde von einer Torfisolierung kompensiert. In den - seit nunmehr zehn Jahren gesperrten - Dachgeschosszimmern seien weder Nässeschäden noch Putzabrisse erkennbar, zumal auf den Deckenbalken im Dachgeschoss nur Minimallasten ruhen. Zwar habe sich die Zwischendecke im Prinzregent-Café um bis zu 15 Zentimeter gesenkt, es bestehe aber keine Einsturzgefahr: "Am sanierten Deckenputz mit den Stuck-Ornamenten sind keine Risse erkennbar", stellt Sailer fest.

"Das Ganze ist im Zusammenhang zu sehen."

Gleichwohl beschränkt sich Sailer in seiner Betrachtung auf den Zustand des Dachstuhls und der verbauten Holztragewerke, "das Herzstück in einem historischen Bauwerk". Doch es gibt noch weitere gravierende Mängel im 155 Jahre alten Haus: Die Heizungsanlage ist laut Fachleuten hoffnungslos veraltet. Der Zustand sämtlicher Leitungen sei kritisch, dasselbe gelte für die elektrische Verkabelung, der Zustand der Gasleitungen sei ungewiss. Überdies gebe es hygienische Mängel: In den Wasserleitungen hätten sich Legionellen eingenistet, im Winter 2014/15 sei daran sogar ein Gast erkrankt, teilte das städtische Bauamt seinerzeit der ehemaligen Bürgermeisterin Eva Pfister mit. Zweites Obergeschoss und Dachgeschoss mit 21 Zimmern dürfen wegen unzureichenden Brandschutzes seit 2011 nicht genutzt werden.

Statik, Brandschutz, Elektrik, Heizung, Haustechnik, Sanitäranlagen - "das Ganze ist im Zusammenhang zu sehen", sagte Statiker Ernst Schilcher, auf dessen Gutachten hin das Landratsamt die Sperrung veranlasste. "Es ist alles uralt, es muss alles gemacht werden." Balken und Decken seien unterdimensioniert, so Schilcher, der zu seiner Meinung steht: Bei Schneelasten mit bis zu 500 Kilogramm Gewicht pro Quadratmeter bestehe Einsturzgefahr. Auch er würde die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses bevorzugen. Letztlich aber seien "Abriss oder Sanierung" abhängig von wirtschaftlichen Faktoren.

Sailer meint: "Sobald der Eigentümer seiner jahrzehntelang vernachlässigten Unterhalts- und Bauentwicklungsmaßnahmen nachkommt, wäre der Fortbestand des 'Bayerischen Hofes' gesichert." Ob dies tatsächlich so ist, will der Stadtrat bis zum Sommer herausfinden. Laut Bürgermeister Patrick Janik ist die Standsicherheit des Hauses nicht eindeutig geklärt. Und ob der Bayerische Hof sanierungsfähig sei, werde noch mit Hilfe ausgewiesener Fachleute herauszufinden sein.

© SZ vom 20.02.2021
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