Süddeutsche Zeitung

Ende der "Nah-fern"-Ausstellungen:Die drei Königinnen danken ab

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Acht Jahre lang haben Ursula Steglich-Schaupp, Ulrike Prusseit und Katharina Kreye in Starnberg die karge Schalterhalle des Bahnhofs am See in einen Tempel der Kunst verwandelt. Nun hat die letzte Schau begonnen.

Von Armin Greune, Starnberg

Muss man den Raum in "Schalterhalle der drei Königinnen" umtaufen, wie Christian Lammer meint? Oder hat Rosemarie Zacher recht, die "drei Heiligenmädel" hinter der Ausstellungsreihe "Nah-fern" ausgemacht hat? Acht Jahre lang haben Ursula Steglich-Schaupp, Ulrike Prusseit und Katharina Kreye die karge Schalterhalle des Bahnhofs See in einen schillernden Musentempel verwandelt. Nach 55 Veranstaltungen mit 143 Künstlern ist nun Schluss. Aus diesem Anlass findet bis 3. Oktober eine Art finale Retrospektive statt: Im Mittelpunkt stehen die Dankschreiben, humorvollen Huldigungen, Verse, Zeichnungen und Vignetten, die Kunstschaffende den drei Kuratorinnen zugeschickt haben.

Ihr Aufruf zum Mitwirken war ja schon zur 50. Ausstellung ergangen, die jedoch just zu Beginn des Lockdowns im März 2020 terminiert war. Die Jubiläumsfeiern musste man verschieben, sie werden jetzt als Abschiedsfeste nachgeholt. Und statt "50!...Oh, là, là" heißt die Ausstellung nun eben 55!...Oh, là, là!". Sie ist samstags und sonntags jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Auf einem zentralen Gabentisch sind die kleinen Geschenke der Künstlerinnen und Künstler zu einer Installation drapiert. Dazu werden sämtliche Plakate und Leporellos für die bisherigen Ausstellungen an den Wänden noch einmal gezeigt.

Drüber und drunter werden die Wunden des vormaligen Verkehrsbetriebsraums sichtbar, dessen abgerissener Zustand schon wieder hip wirkt: Die Schalterhalle strahlt einen urban-lässigen, ganz und gar unstarnbergerischen Charme aus. Im fast komplett gentrifizierten Fünfseenland wirkt sie wie eine Brache, auf der sich bislang eine bunte Vielfalt künstlerischen Schaffens entfalten konnte.

"Nah-fern": Der Name war, inhaltlich wie geografisch, Programm. Man suchte eine Mischung aus regionalen Kreativschaffenden und Zugereisten; der Fotograf Reinis Hofmanis reiste sogar aus Lettland an. Entscheidend aber war für die Kuratorinnen, bei der Zusammenstellung der Partner für die einzelnen Ausstellungen "ein Bühnenbild und ein Spannungsfeld zwischen den Künstlern aufzubauen", sagt Kreye.

So trafen etwa Peter Schallers graue Gemälde leer stehender Industriebauten auf leichtfüßig-bunte figurative Konstruktionen von Carolina Camilla Kreusch. Oder Judith Siedersbergers organisch wirkenden Textil-Installationen auf dreidimensionalen Fotocollagen und Zeichnungen von Kim Siyoung. Da gab es deftige Erotik von Karl Vondal zu sehen, Videokunst der Apnoe-Taucherin Barbara Ehrmann oder die entlarvenden Fotoporträts bayerischer Ministerpräsidenten von Wolf Heider-Sawall. Diese Beispiele sollten als Nachweis genügen, dass nicht nur Starnberg, sondern die gesamte Region die mit Abstand vielseitigste und aufregendste Veranstaltungsreihe über Gegenwartskunst verliert.

Dennoch sehen die Kuratorinnen das Ende von "Nah-fern" nicht nur mit einem weinenden, sondern auch mit einem lachenden Auge. "Es war nicht immer einfach", fasst Kreye zusammen, "wir haben uns aneinander gerieben." "Weil wir vom Charakter, Typ und Kunstgeschmack grundsätzlich verschieden sind", erklärt Steglich. Das eiserne Prinzip, alle Künstler und jedes Kunstwerk persönlich auszuwählen und dabei einstimmige Beschlüsse zu fassen, ließ die Kuratorinnen zusammen eine eigene Handschrift entwickeln - bedeutete aber auch viele intensive Diskussionen und Auseinandersetzungen.

"Und Corona hat uns dann das Genick gebrochen", sagt Steglich. "Damit ist der Charme verloren gegangen." Statt in der Halle ließen sich zeitweise nur wenige Exponate in beleuchteten Fenstern präsentieren. Vernissagen mussten im letzten Moment abgesagt werden. Die legendären, selbst bestückten Buffets fielen aus. Sie wolle die Pandemie bestimmt nicht verharmlosen, "aber ich kann das Wort Hygienekonzept nicht mehr hören", sagt Kreye.

Das dritte Argument für die Aufgabe der von der Stadt Starnberg mit Honorarverträgen angestellten Kuratorinnentätigkeit ist, dass allen nun mehr Zeit für andere Aktivitäten bleibt. Jährlich sechs Ausstellungen, umfangreiche Vorbereitungen beginnend etwa mit gemeinsamen Rundgängen in der Akademie der Bildenden Künste und immer mehr Verwaltungsarbeit: "Da ist die eigene freie künstlerische Arbeit zu kurz gekommen", sagt Prusseit. Sie freut sich darauf, "meine große Familie zu genießen und im Atelier die eigene Arbeit voranzubringen". Kreye will sich einem neuen Projekt widmen: Mit Daniela Saur-Arnu, Simon Jokel und Johannes Kreye geht sie auf Suche nach "Schubladenwerken", die es weder in eine Ausstellung noch in den Papierkorb geschafft haben. Und Steglich plant, "Kunst und Essen machen" in einem Buch mit Rezepten, Bildern und vielleicht einem Siebdruck zu verbinden.

Natürlich ist allen Dreien auch Wehmut anzumerken: In "Nah-fern" sei "viel Herzblut reingeflossen", sagt Prusseit. Steglich schaut über den großen Tisch mit den Botschaften der Künstler und ist sichtlich gerührt von der "total goldigen Resonanz". Alle betonen die bereichernden Kontakte, die sie mit dem Kuratorium knüpfen konnten und den kreativen Input: "Wir haben wahnsinnig viel gelernt", findet Prusseit.

Auf die zuvor 30 Jahre lang ungenutzte Schalterhalle waren die drei Künstlerinnen im Herbst 2012 gestoßen, als sie zur 100-Jahr-Feier der Stadt nach einem Standort für die Ausstellung "Warum Starnberg?" fahndeten. "Das isses, haben wir alle gesagt", erinnert sich Kreye. Der große Erfolg führte dazu, dass sich "Nah-fern" als Übergangslösung in der schon damals ramponierten Halle etablierte. "Insgesamt war es eine tolle Zusammenarbeit mit der Stadt", findet Kreye, mit der ehemaligen Kulturamtsleiterin Annette Kienzle habe sich "großes, gegenseitiges Vertrauen ausgebildet". Das Budget sei ausreichend gewesen, doch inzwischen musste man im Rathaus die Finanzen für Kultur herunterfahren - auch eine Folge von Covid-19. "Ich hoffe, dass hier noch etwas passiert - im ganzen Bahnhof", sagt Kreye. In der Halle bröckelt der Putz von den Wänden, in der ramponierten Decke klafft ein faustgroßes Loch, ein Baustromprovisorium ersetzt defekte Leitungen. "Viele Künstler fanden es etwas schäbig im Rohzustand", erinnert sich Steglich. Doch nur einer wollte seine Werke nicht in diesem Rahmen präsentieren - alle übrigen waren spätestens bei der Vernissage überzeugt: "Der Raum wirkte bei jeder Ausstellung anders", sagt Steglich. Was die Zukunft der Schalterhalle betrifft, ist zumindest Rudi Hurzlmeier optimistisch: "Heiß war's und heiß wird's wieder sein, im Starnberger Kulturverein", dichtet er in seiner Grußbotschaft an die drei Kuratorinnen.

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SZ vom 06.09.2021
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