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Coronakrise im Landkreis Starnberg:Liebe Grüße von daheim!

Nachrichten aus der Isolation: Katharina Wirtz aus Schondorf, Elof Frank aus Gauting mit Großfamilie, Martina Holländer, Jannik Liersch aus Krailling (im Uhrzeigersinn)

Computer und bastelnde Kinder – so sieht das Home-Office von Katharina Wirtz aus Schondorf aus (unten). Voltigierer Jannik Liersch aus Krailling trainiert seine Übungen im Garten ohne Pferd, bei Familie Frank in Gauting (rechts) sind die Freundinnen der Söhne für die Shutdown-Zeit gestrandet. Martina Holländer aus Stockdorf freut sich, dass bei den Videoanrufen (ganz rechts) jetzt immer jemand ran geht. Fotos: privat, Collage: SZ

Kurznachrichten im Minutentakt und Videoanrufe bei den Lieben: Viele leben derzeit isoliert, aber nicht einsam. Vier Menschen aus dem Fünfseenland berichten, wie sie Home-Office und Kinderbetreuung, Hausaufgaben und Hausarbeit meistern.

Home-Office und Kinderbespaßung, Hausaufgaben und Hausarbeit, Freuden und Sorgen: Jeder erlebt diese Tage zu Hause anders. Viele leben isoliert, aber nicht einsam. Smartphones und Tablets stellen die Verbindung nach draußen her - Kurznachrichten im Minutentakt, Videoanrufe oder ganze Konferenzen mit zugeschalteten Teilnehmern. Die Starnberger SZ hat vier Personen um eine Foto-Nachricht aus der Isolation gebeten.

So ein Tag kann lang sein!

Jannik Liersch, 18 Jahre, Schüler aus Krailling, Junioren-Weltmeister im Voltigieren: "Mein Tag beginnt meistens so zwischen halb zehn und zehn, wenn ich aufwache. Nachdem ich mich fertig für den Tag gemacht habe, mache ich meistens ein Frühstück, wozu ich während der Schulzeit eigentlich nie Zeit habe. Aufgrund der Lage habe wir zur Zeit leider kein Training. Damit wir jedoch in Form bleiben, haben wir von unseren Trainern einen täglichen Trainingsplan bekommen, den ich meistens direkt nach dem Frühstück mache. Unsere Schule hat den Unterrichtsstoff, den wir in der Zeit, in der die Schulen geschlossen bleiben, online auf verschiedenen Seiten hochgeladen, damit wir diesen bearbeiten und lernen können. Danach bin ich oft im Netz auf verschiedenen Apps unterwegs, wo ich meine Kumpels online treffe, um mit denen einfach ein bisschen zu reden. In der Heimquarantäne habe ich aus Langeweile mein Zimmer umgestellt, geputzt und andere Sachen gemacht, die ich schon länger mal machen wollte. In der Quarantäne merkt man erst, wie lang so ein Tag sein kann! Normalerweise bin ich meist nur kurz mittags daheim, treffe mich anschließend mit Kumpels und habe dann gegen späten Nachmittag meist Training. Mein Tag ist gut durchstrukturiert, so dass ich meist keine Langeweile habe. In der jetzigen Zeit weiß ich nicht, was ich mit der ganzen Zeit, die ich habe, anfangen soll und langweile mich oft. Ich hoffe einfach nur, dass Covid-19 bald zu Ende ist."

Jeder hat eine genaue Aufgabe

Elof Frank, 55 Jahre, Informatiker aus Gauting: "Vor einer Woche hat es angefangen, dass wir hier zu Hause als Großfamilie leben. Für mich persönlich hat sich nicht so viel geändert, war ich doch vorher schon immer ein bis zwei Tage die Woche im Home-Office. Aber wir leben hier jetzt faktisch zu siebt: Ilona, unsere drei erwachsenen Jungs und zwei derer Freundinnen, alle sind im Shutdown-Modus. Alex muss auch Home-Office machen, Yannick ist von der Bundeswehr erstmal freigestellt, Nicolas lernt für das Abitur, nicht wissend, ob und wann geschrieben wird. Drei Mahlzeiten am Tag für sieben Personen, da sieht jeder reguläre Einkauf schon wie ein Hamstereinkauf aus. Die Stimmung ist aber gut, was sicherlich auch daran liegt, dass alle einer konkreten Aufgabe selbst und ständig nachgehen müssen und dürfen. Und so schwingt jeder auch mal freiwillig den Kochlöffel oder räumt den Tisch ab, Streit kommt bisher nicht auf. Und auch wenn Ilona ihre freiberufliche Tätigkeit als Fitnesstrainerin erstmal nicht ausüben kann: Sorgen müssen wir uns eigentlich keine machen. Die Softwarebranche braucht nur Mobiltelefone und Wlan, um (noch) zu funktionieren. Dies ist ein absoluter Luxus, dessen sind wir uns bewusst. In dem Sinne frage ich mich schon, wie lange unsere Gesellschaft sich diesen Shutdown noch leisten kann. Ich persönlich kann es nicht erwarten, bis das normale Leben wieder da ist. Meine Mutter, 88, wünscht sich nichts sehnlicher, als dass wir sie Ostern besuchen kommen. Wie lautete das Motto auf ihrem 80. Geburtstag: Das Leben ist herrlich, aber auch gefährlich."

Prioritäten über Haufen geworfen

Katharina Wirtz, 40 Jahre, Integrationsberaterin, zwei Kinder, drei und sechs Jahre alt, aus Schondorf: "Im Februar habe ich nach meiner Elternzeit wieder angefangen zu arbeiten und bin im gleichen Monat mit den Kindern umgezogen. Es fühlt sich so an, als wären wir gerade mitten in einen überwältigenden Strudel aus Umzugskistenchaos, nie vorher da gewesenem Home-Office und nonstop Kinderbeschäftigung (und -verpflegung) geraten. Ich dachte erst, eine Tagesstruktur könnte uns allen - besonders mir? - helfen, den vielen Ansprüchen irgendwie gerecht zu werden. Doch den Plan habe ich freiwillig gecancelt. Ich merke, dass meine Prioritäten gerade alle komplett über den Haufen geworfen werden und sich der Fokus total verschiebt. Ich bin dankbar, dass meine ganze Familie bisher gesund ist und mache mir Sorgen, ob das so bleibt. Ich bin erleichtert, dass bei meinem Arbeitgeber endlich (!) Home-Office möglich gemacht wurde und verfluche es gleichzeitig, weil es sich mit Kindergartenkindern quasi ausschließt. Wir vermissen die täglichen Treffen mit unseren Freunden und werden gleichzeitig immer kreativer beim Gestalten der unverplanten Nachmittage. Irgendwie ist alles gerade ein Spagat und so blöd es klingt, ich versuche im Moment einfach nur, Ruhe zu bewahren.

Technik bringt uns zusammen

Martina Holländer, 52 Jahre, Wanderführerin aus Stockdorf: "Ich bin in der glücklichen Lage, ein Haus zu haben, das ich mir mit meiner Tochter und zwei Mitbewohnerinnen teile. Wir haben einen Garten, dort verbringe ich viel Zeit mit Frühjahrsbeeten anlegen, Gartenhäuschen einrichten oder meinen riesigen Bücherstapel runterlesen. Dinge erledigen, die ich immer vor mir herschob. Ich miste endlich mein Haus und die Garage aus, in 23 Jahren hat sich da ziemlich viel angesammelt. Und gerade jetzt sind Bauhof, das Gebrauchtwaren-Kaufhaus Klawotte und das Starnberger Sozialkaufhaus zu! Was ich richtig super finde ist die Technik, die uns momentan zusammenbringt. Wir veranstalten regelmäßige Chats mit der Familie, mein Neffe ist in Australien, meine Schwester in Hamburg, auch Oma und Opa sind dabei und finden es toll, die Enkel jetzt regelmäßiger zu sehen und zu sprechen. Alle haben Zeit und wenn man anruft, geht jetzt immer jemand ran. Auch die vielen Initiativen von Gautinger Einrichtungen, die Essen und Bücher liefern, finde ich super! Ich bin ganz optimistisch gestimmt. Hab aber auch kein Fernsehen und werde so nicht ständig von Statistiken und Negativnachrichten überschüttet. Muss jetzt den Rotwein aufmachen, um 19.30 Uhr haben wir ein Online-Clermont-Gauting-Apero mit fünf Freunden. Liebe Grüße und bleib' gesund (der neue Gruß)."

© SZ vom 28.03.2020

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