Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft im Landkreis Starnberg:Auszubildende dringend gesucht

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Überall in Deutschland bleiben Lehrstellen unbesetzt, in Bayern ist das Problem überdurchschnittlich groß. Wieso das so ist - und welche Gründe in Starnberg eine besondere Rolle spielen.

Von Simon Sales Prado, Starnberg

Die bayerischen Abiturprüfungen sind vorbei, in den kommenden Wochen werden an den Realschulen im Freistaat ebenfalls die Abschlussprüfungen geschrieben. Und wie jedes Jahr um diese Zeit werden sich die Absolventinnen und Absolventen die Frage stellen müssen, wie es für sie nach dem Abschluss weitergehen soll. Neben einem Studium, einem freiwilligen sozialen Jahr oder einem Praktikum gehört auch eine Ausbildung zu den Optionen - doch dafür entscheiden sich immer weniger junge Erwachsene.

Überall in Deutschland fehlen den Betrieben die Auszubildenden. Es ist ein bekanntes Problem: Die Zahl der unbesetzten Stellen steigt seit Jahren, auch in diesem werden bundesweit wohl Zehntausende Stellen frei bleiben. Für das laufende Ausbildungsjahr 2021/22 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor. Im vergangenen aber konnten laut Bundesagentur für Arbeit deutschlandweit mehr als 60 000 Stellen nicht besetzt werden. Das ist ein Anteil von mehr als zwölf Prozent - so die offiziellen Zahlen. Einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge bleiben sogar fast 40 Prozent aller Ausbildungsplätze unbesetzt.

Auszubildende fehlen zwar bundesweit, regional betrachtet fällt der Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen in Bayern allerdings besonders hoch aus. Auch der Landkreis Starnberg liegt über dem bundesweiten Durchschnitt, rund jede fünfte Ausbildungsstelle in Starnberg ist derzeit unbesetzt. Woran liegt das?

München gilt bei vielen jungen Menschen offenbar als attraktiver als der Landkreis

Grundsätzlich, sagt Anne Boldt von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis, machen sich auch in Starnberg die bekannten gesamtdeutschen Entwicklungen bemerkbar. Dazu gehört etwa der demografische Wandel, also die sinkende Zahl der Menschen im jüngeren Alter, die dazu führt, dass Unternehmen sich in einem immer kleineren Kreis potenzieller Bewerberinnen und Bewerber durchsetzen müssen. Dazu kommt auch das in den vergangenen Jahren gewachsene Interesse an einer universitären Ausbildung. Für viele Absolventinnen und Absolventen ist eine Ausbildung im Vergleich zum Studium die zweitbeste Wahl.

Auch die Pandemie spielt eine Rolle. Weil Informationsveranstaltungen und Betriebspraktika ausfallen mussten, hatten viele Unternehmen Probleme, Kontakt zu potenziellen Auszubildenden herzustellen, das Interesse an einer Ausbildung ging weiter zurück. Zwar wurde zunächst auch die Zahl der Ausbildungsstellen kleiner, viele Unternehmen haben sich aber schnell erholt, was im Nachgang zu einem stärkeren Bedarf führte - und den Mangel verschärfte.

Obwohl die Folgen der Pandemie sich bundesweit auf den Ausbildungsmarkt niederschlagen, sind die lokalen Auswirkungen für Starnberg besonders. Immerhin bieten Hotellerie und Gastronomie derzeit die meisten Ausbildungsstellen im Landkreis an. Eine Branche also, die laut der Bundesagentur für Arbeit ohnehin überdurchschnittlich von den Besetzungsschwierigkeiten betroffen ist - und die besonders von den Folgen der Pandemie beeinträchtigt wurde.

Erschwerend kommt in Starnberg ein Trend hinzu, den Kathrin Grabmaier von der Agentur für Arbeit in Weilheim als "Starnberger Phänomen" bezeichnet: die überdurchschnittliche Dichte an vermögenden Familien mit akademischem Hintergrund, in denen Ausbildungen oft gar nicht erst in Betracht gezogen werden. Zum einen fehlt in diesen Familien häufig das Wissen über Ausbildungen und die Möglichkeiten in den entsprechenden Berufen. Doch selbst, wenn das Wissen über Lehrstellen vorhanden ist, ist es insbesondere bei Akademikerfamilien oft selbstverständlich, dass die Kinder das Gymnasium besuchen und danach studieren. Umgekehrt erschweren es die hohen Miet- und Lebenshaltungskosten in Starnberg, Interessierte von außerhalb für eine Ausbildung im Landkreis zu begeistern.

Anne Boldt von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis (GWT) nennt noch eine weitere Hürde, die sich in Starnberg bemerkbar macht: die Nähe zur Landeshauptstadt. "München wirkt für viele junge Menschen sowohl als Stadt und Wohnort, als auch als Arbeitsort mit vielen ansässigen Unternehmen im Vergleich zu den kleineren Städten im Landkreis wie eine sehr attraktive Alternative", sagt Boldt. Etwa weil in der Metropole große Unternehmen wie Siemens, BMW oder Microsoft ansässig sind, die unter jungen Menschen bekannt sind und den Eindruck vermitteln, bessere Ausbildungsmöglichkeiten bereit zu halten. Das ist Boldt zufolge so pauschal aber gar nicht der Fall. Sie ist überzeugt: Für jedes der Unternehmen in München gibt es mindestens eines, das im Landkreis ansässig ist und eine genauso innovative, interessante Ausbildung bereithält.

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