StarnbergEin Stück Heimat

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Rosmarie Becker ist eine der wenigen verbliebenen Zeitzeugen in Starnberg, die noch von der Vertreibung aus Pommern erzählen können.
Rosmarie Becker ist eine der wenigen verbliebenen Zeitzeugen in Starnberg, die noch von der Vertreibung aus Pommern erzählen können. Nila Thiel

Die Pommerschen Landsmannschaft bietet den Mitgliedern Austausch unter Gleichgesinnten und einen kleinen Freundeskreis. Nun löst sich die Starnberger Kreisgruppe nach 75 Jahren auf.

Von Niklas Bailer, Starnberg

Es werden immer weniger. Darum löst sich die Starnberger Kreisgruppe der Pommerschen Landsmannschaft altersbedingt nach 75 Jahren auf. In dem Verein fanden sich Vertriebene aus dem ehemalig deutschen Gebiet Pommern zusammen, um ihre Kultur zu pflegen und die Erinnerung an die Geschichte zu erhalten.

Die Schrecken von Vertreibung und Flucht sind heute aktueller denn je. In Europa gibt es wieder Krieg, erneut machen sich Millionen auf der Suche nach Sicherheit auf den Weg. Rosmarie Becker erging es wie vielen damals und heute, sie flüchtete im Alter von 15 Jahren aus ihrer Heimat.

Zum geschichtlichen Hintergrund: Im Jahr 1944 rückt die Rote Armee nach Deutschland vor. Im Oktober betritt sie erstmals ostpreußischen Boden. Schon in der ersten Zeit kommt es zu Übergriffen auf die Bevölkerung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einer der größten Bevölkerungsverschiebungen in der europäischen Geschichte: Etwa zwölf Millionen Deutsche werden aus den vormals deutschen Ostgebieten und weiteren Teilen Mittel- und Osteuropas vertrieben. Im Potsdamer Abkommen vereinbaren die Siegermächte USA, Sowjetunion und Großbritannien, dass die deutschen Minderheiten in diesen Gebieten in „ordnungsgemäßer und humaner“ Weise in das deutsche Kernland umgesiedelt werden sollten. Realität waren jedoch oft chaotische, gewaltsame Flucht und Vertreibung unter schwierigsten Bedingungen.

Die Geschichten Vertriebener sind oft dramatisch. Nicht nur die der Deutschen. Im Jahr 1939 hatte Nazi-Deutschland in großem Stil begonnen, Menschen unter Zwang umzusiedeln. Polen und Tschechen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, Juden deportiert und ermordet. 1945 wendet sich das Blatt mit dem Beschluss der Alliierten, die Oder-Neiße Linie als Grenze festzulegen. Jetzt mussten die Deutschen weg, viele von Ihnen waren bereits geflohen, aus Angst vor der Roten Armee.

Was machen Vertreibung und Flucht mit einem Menschen? Wie fühlt sich das an, alles Hab und Gut zurückzulassen, im Exil zu leben, nicht mehr zurückzukönnen. Wie überlebt man den harten Winter und wie fängt man ohne alles noch mal neu an?

Das Haus der Familie von Rosmarie Becker in Degow. Im Fotoalbum finden sich viele Erinnerungen an die frühere Heimat.
Das Haus der Familie von Rosmarie Becker in Degow. Im Fotoalbum finden sich viele Erinnerungen an die frühere Heimat. Repro: Nila Thiel
Glückliche Kindheit: Rosmarie Becker (links) als Baby mit Eltern und Zwillingsschwester.
Glückliche Kindheit: Rosmarie Becker (links) als Baby mit Eltern und Zwillingsschwester. Repro: Nila Thiel

Rosmarie Becker erinnert sich gerne zurück an ihre Kindheit in der Pommerschen Heimat, sie schwärmt von der schönen Promenade am Meer, wo sie als Kind oft mit ihrer Familie war. Ein Einschnitt in diese glückliche Kindheit ist der Krieg; der Vater wird zum Militär eingezogen. Als im März 1945 dann die Rote Armee in Rosmaries Heimat bei Kolberg vorrückt, verstecken sich Rosmarie und ihre Zwillingsschwester im Keller. Die Familie verliert ihr Haus, wird enteignet. Die Sowjets verpflichten sie und ihre Schwester täglich zu schwerer Arbeit, so erzählt sie es heute.

Im Juni 1946 wird ihre Familie in ein Lager gebracht, in dem sie Zwangsarbeit verrichten müssen. Erst im November dürfen sie ausreisen nach Hertha, nahe Chemnitz und wohnen dort fortan in einer Mansarde. Rosmarie wird Diakonissin und macht eine Ausbildung zur Kindergärtnerin, arbeitet zuerst in West-Berlin und leitet dann einen Kindergarten in Bayreuth. Wegen gesundheitlicher Probleme wechselt sie in die Innere Mission nach Nürnberg und lernt auf einem Faschingsball ihren zukünftigen Mann kennen. Später zieht das Ehepaar nach Starnberg.

Rosmarie fühlt sich jetzt in Bayern heimisch, auch wenn sie mit Pommern immer noch sehr verbunden sei, wie sie sagt. Der Verein bedeutete für sie ein Stück Heimat. In der Landsmannschaft war sie unter Gleichgesinnten und konnte sich austauschen. „In Bayern wissen viele nichts von den Vertreibungen, oder es interessiert sie nicht besonders“, bedauert Becker.

Was jetzt übrig ist von dem Verein, ist nur noch eine kleine Freundesgruppe. Immer mehr Mitglieder sind altersbedingt ausgeschieden. Menschen, die sich an damals erinnern, sterben weg. Der Verein der Pommerschen Landsmannschaft verstand sich laut Becker als Brückenbauer zwischen den Nationen und wollte pommersche Kultur und Geschichte pflegen und erhalten. Dazu gab es Veranstaltungen, Reisen, Wanderungen, Vorträge und Tagungen.

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