StarnbergAuf der Spur des Jägers

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Die "Mustang", die in Starnberg ausgegraben worden ist, stürzte 1947 nach einer Kollision mit einem anderen Flugzeug ab.

Armin Greune

Das kürzlich im Starnberger Oberfeld freigelegte Flugzeugwrack ist nicht im Zweiten Weltkrieg abgestürzt. Wie Recherchen des Berger Luftfahrthistorikers Lino von Gartzen ergaben, ging die P51 Mustang keineswegs nach Kampfhandlungen zu Boden: Sie kollidierte erst in der Besatzungszeit bei einem Patrouillenflug mit einem zweiten Jagdflugzeug gleichen Typs. Die Maschinen der US Air Force waren am 14. Juni 1947 in Neubiberg gestartet und über Starnberg zusammengestoßen. Der Pilot Richard Briggs konnte sich retten und mit dem Fallschirm am Schmalzhof landen, seine Mustang bohrte sich in eine Viehweide am Hang nahe des Starnberger Seeufers. Der zweite Unfallbeteiligte hatte weniger Glück: Alton Trull schaffte es zwar, seinen Jagdflieger bis zum Ausweichflugplatz in Oberpfaffenhofen zu manövrieren, kam aber dann dort bei einer Bruchladung ums Leben.

Eine Mustang P 51 ist über Starnberg abgestürzt. Foto: AP
Eine Mustang P 51 ist über Starnberg abgestürzt. Foto: AP (Foto: AP)

Wie berichtet, war am 29. März ein Bagger bei Aushubarbeiten für einen Neubau am Oberfeld in drei Metern Tiefe auf die Reste eines Flugzeugs gestoßen, das zwar mit sechs Maschinengewehren, aber nicht mit Bomben bewaffnet war. Der Fund weckte die Neugier des Unterwasserarchäologen von Gartzen: Seit seinem Beitrag vor drei Jahren zur Aufklärung des Todes von Antoine de Saint-Exupéry gilt er auch als profunder Kenner der Luftfahrtgeschichte. Am Oberfeld machte er sich auf die historische Spurensuche: Anhand von Fahrgestell und Motorengehäuse ließ sich das Wrack relativ rasch als P 51 Mustang identifizieren, mit Hilfe der Registriernummer eines in der Baugrube vorgefundenen MGs ging von Gartzen die Absturzberichte der US-Luftwaffe durch. "Da stand ich plötzlich vor einem totalen Rätsel: Im Großraum südlich von München hatte die Air Force während des Kriegs keinen entsprechenden Verlust verzeichnet."

Der Augenzeugenbericht eines alteingesessenen Starnbergers lenkte seine Recherchen auf die Besatzungszeit. Während das US-Militär die Abstürze im Krieg akribisch dokumentiert hat, sind die Berichte aus der Besatzungszeit eher lückenhaft: "1946 bis 1948 wurden ja keine Heldengeschichten mehr geschrieben", meint von Gartzen. Außerdem habe zu der Zeit bereits die Geheimniskrämerei des Kalten Kriegs eingesetzt.

Aus 400 bis 500 Unfallberichten filterte der 38-Jährige drei geografisch passende Ereignisse heraus. Doch die Unfälle neun Meilen südlich von München und 16 Meilen südwestlich von Neubiberg hatten keine Totalverluste zur Folge - es blieb nur die Kollision übrig, die orthografisch falsch in "Sternberg" lokalisiert wurde.

In der Kreisstadt selbst konnte von Gartzen keinerlei Aufzeichnungen oder Berichte über den Absturz entdecken. Immerhin fanden sich zwei Zeitzeugen, die sich an das Unglück in ihrer Kindheit erinnerten, ohne es genau zeitlich einordnen zu können. Ihren Schilderungen nach hatte sich Briggs Mustang nach dem Zusammenstoß fast senkrecht in die Erde gebohrt. Noch am selben Tag räumte die Air Force an der Absturzstelle die Rumpfteile an der Oberfläche ab und schob die schwereren Teile in einem Loch zusammen. "Da ist relativ schnell Gras drübergewachsen", meint von Gartzen im übertragenen wie wörtlichen Sinn. Seine Erkenntnisse über das Starnberger Wrack will er nun in einem Beitrag für das Magazin "Flugzeug Classic" aufbereiten. Der Berger, der auch die Arbeitsgruppe Geschichte im Verein zur Erhaltung der historischen Flugwerft Schleißheim leitet, hat mit der Recherche nach Wracks der Luftfahrtgeschichte eine Nische gefunden: "Es gibt erstaunlich wenige Forscher, die sich dafür interessieren."

© SZ vom 09.04.2011 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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