Flüchtlinge lernen sich in Starnberg kennen Integriert und verliebt

Nasir Yarzadeh aus Afghanistan und Ghada Ahmad Fadel aus dem Irak sind vor drei Jahren im Landkreis Starnberg gestrandet. Sie haben sich bei einem Pflegekurs der Arbeitsagentur kennengelernt - und mittlerweile sogar geheiratet.

Von Otto Fritscher

Es ist ein gemütliches Bild, das an einen Kaffeeklatsch erinnert: Zwei Männer und zwei Frauen, jeweils zwei junge und zwei ältere, sitzen an einem Tisch, davor Krapfen, Obst und Tee. Dabei ist es die Arbeit, die das Quartett an diesem Nachmittag zusammengeführt hat. Barbara Bayer ist die Gastgeberin, die jungen Leute sind Nasir Yarzadeh, ein 23-jähriger junger Mann aus Afghanistan, und Ghada Ahmad Fadel, eine 25-jährige Irakerin, beide Flüchtlinge, die im Sommer 2015 im Landkreis Starnberg gestrandet sind. Und der vierte ist Dirk Dieber, Chef der Arbeitsagentur in Starnberg.

Doch es war ein langer, bisweilen auch beschwerlicher oder in manchen Momenten gar hoffnungslos erscheinender Weg, den die beiden Flüchtlinge in den vergangenen dreieinhalb Jahren bewältigt haben. Mit Hilfe von Barbara Bayer, die im Feldafinger Helferkreis für die "Arbeitsbeschaffung", wie sie sagt, zuständig ist, aber auch mit Hilfe von Dirk Dieber. "Als ich Nasir kennengelernt habe, war das erste, was er gesagt hat, dass er in einem Pflegeberuf arbeiten will", erinnert sich Bayer. Er hatte zuvor in seiner Heimat in einer Apotheke gearbeitet, Ghada hatte in Bagdad einige Semester Mathematik studiert.

Ghada Ahmad Fadel aus dem Irak arbeitet im Tutzinger Benedictus-Krankenhaus.

(Foto: Georgine Treybal)

Nasir kam - nachdem er gute Deutschkenntnisse hatte - über ein vom Helferkreis vermitteltes Praktikum in Kontakt mit dem Feldafinger Benedictus-Krankenhaus, Barbara Bayer war und ist noch seine Patin. Sie hat unzählige Anträge für beide ausgefüllt, Kontakte geknüpft. Gespräche geführt. "Es war ein einziger Kampf", sagt Bayer. Dann kam bei beiden der von der Arbeitsagentur angebotene Kurs zum Pflegeassistenten, hier sahen sich Nasir und Ghada zum ersten Mal. Es folgte ein Freiwilliges Soziales Jahr an den Krankenhäusern in Tutzing und Feldafing.

Nasir und Ghada waren offenbar mit Feuereifer bei der Sache, denn die Artemed-Kliniken wollten beide behalten. Deshalb machten und bestanden beide die einjährige Ausbildung zum Pflegefachhelfer an der Krankenpflege-Akademie in München. Die nächste Stufe war erreicht. Im Herbst 2018 bekam Nasir eine Festanstellung in der Klinik, Ghada fing in der Tutzinger Schwesterklinik an. "Mir macht die Arbeit mit den Patienten Spaß", sagt Ghada - und Nasir nickt. Aber beide wollen nicht auf der jetzt erreichten Qualifikationsstufe stehen bleiben; sie haben klare Ziele, und sich einen Zeitplan vorgenommen.

Jetzt will Nasir ein Jahr arbeiten und erst einmal eine "Lernpause" einlegen, wie er sagt. So ganz ohne Büffeln wird es aber doch nicht gehen, denn er will den Führerschein machen. Ghada wird möglicherweise noch heuer mit ihrer Ausbildung zur Fachkraft für Krankenpflege weitermachen, eine mündliche Zusage liegt ihr schon vor. Auch Nasir ist fest entschlossen, sich zur Fachkraft weiterzubilden.

Der Afghane Nasir Yarzadeh arbeitet in der Feldafinger Rehaklinik. Er und seine Frau möchten aus ihren Flüchtlingsunterkünften in eine gemeinsame Wohnung ziehen.

(Foto: Georgine Treybal)

Mit der deutschen Sprache können beide gut umgehen. Schwierig wird es nur dann, wenn Ur-Bayern einen starken Dialekt sprechen. "Aber auch dabei lernen wir", sagt Nasirund lacht. Stört die beiden, dass im Krankenhaus im Schichtdienst gearbeitet wird? "Arbeit ist Arbeit", sagt Nasir und lacht. In seiner Freizeit spielt er beim TSV Feldafing gerne Volleyball.

Was war für den jungen Afghanen und die junge Irakerin am schwierigsten? Nein, das Deutschlernen war es nach übereinstimmender Auskunft nicht. "Es war die Unsicherheit, ob wir bleiben können, wie es weitergeht", sagt Nasir. Seine Patin Barbara Bayer formuliert es deutlicher: "Es war ein ständiger Kampf mit den Behörden, und das ist es immer noch." Und Agentur-Chef Dirk Dieber stellt die Frage: "Hätten die beiden das auch ohne die Unterstützung des Feldafinger Helferkreises geschafft?" Eine solche Karriere - wohl kaum. Und Dieber schiebt nach: "Wir können im Landkreis stolz sein auf unsere Willkommenskultur."

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Darüber hinaus sind Nasir Yarzadeh und Ghada Ahmad Fadel ein Beispiel dafür, dass die Starnberger Arbeitsagentur nicht nur Jobs vermittelt und Qualifizierungen fördert, sondern auch Beziehungen stiftet: Nasir und Ghada haben sich in dem Kurs der Starnberger Arbeitsagentur - eben dem erwähnten Pflegeassistentenkurs kennengelernt - und mittlerweile vor einem Imam geheiratet. Das junge Paar möchte gerne aus den Flüchtlingsunterkünften ausziehen und eine gemeinsame Wohnung finden - dazu muss das Landratsamt aber erst mal seine Zustimmung geben. "Antrag auf private Wohnsitznahme heißt das", erklärt Barbara Bayer vom Helferkreis.

Nasir freut sich auch schon auf sein Ausweisdokument in Deutschland. Dann kann auch standesamtlich geheiratet werden. Nasir und Ghada unterhalten sich übrigens auf Deutsch. In ihrer Muttersprachen Arabisch und Dari reden sie mit ihren Eltern.

Ghadas Eltern und Geschwister leben in der Flüchtlingsunterkunft in Andechs. Sie hilft ihren drei Brüdern und den Eltern beim Papierkram. Einer der Brüder macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Feldafinger Klinik, ein anderer geht in die Berufsschule, aber hat einen Ausbildungsvertrag als Automechatroniker in der Tasche. Der Vater arbeitet als Minijobber in Bernried. "Er fährt mit dem Bus nach Tutzing und mit dem Zug nach Bernried", erklärt Ghada. "Wenn diese ehemaligen Flüchtlinge keine Beispiele für Integration sind", sagt Agenturchef Dirk Dieber. Barbara Bayer nickt - und wirkt ein bisschen stolz.

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