Auszeichnung für Pioniere:Wo Bio-Milch und Honig fließen

Der Starnberger Imker Hubert Dietrich und der Andechser Molkereigründer Georg Scheitz werden mit Staatsmedaillen geehrt.

Von Sabine Bader

Die Biobranche boomt - gerade was Nahrungsmittel betrifft. Zwei verdiente Persönlichkeiten der Bio-Zunft aus dem Landkreis Starnberg sind an diesem Dienstag ihm Rahmen eines Festakts zum 20-jährigen Bestehen der Bio-Erlebnistage in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz mit Staatsmedaillen geehrt worden: Hubert Dietrich aus Starnberg und Georg Scheitz senior aus Andechs.

Hubert Dietrich kam über die Zwetschgenbäume in seinem Garten zur Imkerei. Es war im Jahre 1998, als ihm auffiel, dass die Bäume in diesem Jahr zwar geblüht hatten, aber keine Früchte trugen. "Hier fehlten die Bestäuber", dachte sich Dietrich und erkundigte sich nach Imkern in der Kreisstadt. Gerade mal zwei gab es noch im Stadtgebiet. Der Ingenieur beschloss, sich mit der Imkerei näher zu befassen und schaffte sich ein eigenes Bienenvolk an. "Und ich lerne auch heute noch dazu", sagt er.

Im Landkreis gab es zu jener Zeit vier Bienenzuchtvereine: in Starnberg, Herrsching, Inning und Gauting. Ihre Mitgliederzahlen waren sehr überschaubar. Im Jahr 2000 wählten sie Dietrich zum Vorsitzenden, und eine seiner Amtshandlungen war die Fusion der vier Vereine. Zuerst hatte der neue Zuchtverein danach 130 Mitglieder, heute sind es 330. Und die Anzahl an Frauen habe auch deutlich zugenommen, sagt er.

Schon bald galt Dietrichs persönliches Interesse der Öko-Imkerei. "Ich wollte einfach wissen, wie das geht, und ich wollte mehr auf Umweltschutz achten." Heute ist der 81-Jährige froh, dass er diesen Weg eingeschlagen hat. Seine eigenen rund 20 Völker stehen bei Wangen und verteilt im Starnberger Stadtgebiet.

Natürlich sind die Vorschriften bei den Öko-Imkern strenger als bei herkömmlichen Honigproduzenten. Sowohl der Honig als auch das Wachs werden in regelmäßigen Abständen untersucht. Und die Suche nach Rückständen bewege sich im Mikrogrammbereich. "Ich werde jährlich geprüft", erzählt er. So darf Dietrich beispielsweise gegen die Varroamilbe nur Präparate verwenden, die für Öko-Imker zugelassen sind. Seine Bienenvölker dürfen auch nicht neben Feldern und Wiesen stehen, die konventionell bewirtschaftet werden.

Imker Hubert Dietrich mit Bienen; Hubert Dietrich aus Starnberg:

Hubert Dietrich aus Starnberg (hier im Bild) und Georg Scheitz senior aus Andechs sind in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz mit Staatsmedaillen für ihr langjähriges Engagement um die Herstellung ökologischer Lebensmittel geehrt worden.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

In diesem Jahre fällt seine Honigernte übrigens schlecht aus. März, April und Mai seien zu nass und zu kalt gewesen. Es habe auch recht lange Frost gehabt. Die Bienen hatten also nur wenige Flugtage. Lediglich 20 Kilogramm Honig pro Volk ist heuer die Ausbeute. In guten Jahren seien es bis zu 35 Kilo. Natürlich verkauft Dietrich den Honig auch ab Haus. Weitere Abnehmer sind die Teeoase in der Innenstadt und die Bäckerei Schwarzmaier. Doch der weitaus größte Abnehmer ist die eigene Großfamilie. Dietrich und seine Ehefrau Editha haben vier erwachsene Töchter und 13 Enkel. Gemeinsam vertilgen sie pro Jahr an die 150 Kilo Honig. "Wenn wir eingeladen sind, nehmen wir natürlich Honig statt des sonst üblichen Weins mit", erzählt er. Seine dritte Tochter ist Landschaftsarchitektin und hat den Vater in puncto bienenfreundliche Pflanzen beraten. Die vierte Tochter ist Biologin und imkert jetzt selbst.

Wegen der geltenden Coronaregeln, waren zum Festakt in München neben den 21 Geehrten aus ganz Bayern nur wenige Besucher zugelassen. Das Grußwort sprach der Vorsitzende der Landesvereinigung für ökologischen Landbau, Hubert Heigl. Er überreichte gemeinsam mit Amtschef Hubert Bittlmayer, der in Vertretung von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber zum Festakt gekommen war, die Urkunden und Medaillen. "Drei Huberts auf einer Treppe, das ist selten, " sagte Bittlmayer, als Dietrich die Auszeichnung entgegennahm.

Über die Staatsmedaille in Silber kann sich Georg Scheitz senior aus Andechs freuen. Er ist zweifellos einer der Pioniere auf dem Gebiet der Verarbeitung und Vermarktung ökologischer Milcherzeugnisse. 1961 hat er gemeinsam mit seinem Vater eine neue Molkerei mit Käserei, Milchabfüllung, Butterei und Quarkerei im Ort aufgebaut. 1976 gründete er eine Milchsammelstelle in Erling. Er war von Anfang an ökologisch orientiert. 1980 führte er bereits wegweisende Gespräche mit vier Biobauern. "Das war für mich der einzig richtige Weg", sagt er heute zur SZ. Und das war lange bevor es eine Bioverordnung gab. Die Produktpalette war damals denkbar klein: Es gab Biomilch in Pfandflaschen, echte Sauerrahmbutter und handgeschöpften Topfen. Doch die Konsumenten waren begeistert und die Nachfrage stieg.

Auszeichnung für Pioniere: Für sein Engagement ausgezeichnet: Georg Scheitz senior.

Für sein Engagement ausgezeichnet: Georg Scheitz senior.

(Foto: Hauke Seyfarth)

Heute vertreibt seine Tochter Barbara Scheitz, die den Andechser Betrieb 2003 übernommen hat, 150 verschiedene Produkte und hat 210 Beschäftigte. Auch Georg Scheitz' zweite Tochter Gabriele Schröder ist im Unternehmen tätig. Sie ist Käsesommelier. Sein Sohn, der Andechser Bürgermeister und stellvertretender Landrat ist, überlässt seine Ziegenhaltung bereits seinem Sohn.

Wie weitblickend Scheitz senior als Bürger und Unternehmer dachte, zeigte sich spätestens nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986. Als er von der Katastrophe erfuhr, rief er noch in der selben Nacht alle Bauern an, die ihn belieferten und bekniete sie, ihre Kühe im Stall zu lassen. Er kaufte alles alte Heu auf, das er kriegen konnte, gab es an seine Vertragsbauern weiter und produzierte Babymilch.

1988 folgte der Neubau der Molkerei. Noch heute geht der Senior täglich durch das Unternehmen. Dass er sich über die Auszeichnung seiner Lebensleistung sehr gefreut hat, daraus macht der 82-Jährige keinen Hehl. "Ich denke 100 Prozent biologisch."

Heute beliefern täglich 663 Bio-Bauern die Andechser Molkerei Scheitz mit Milch. Das macht eine Bio-Milchmenge von rund 145 Millionen Kilogramm pro Jahr. Die Produkte werden in ganz Europa vertrieben. Mit einem Umsatz von etwa 170 Millionen Euro ist die Andechser Molkerei laut Barbara Scheitz heute die größte Bio-Molkerei in Deutschland.

© SZ vom 02.09.2021
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