Chaotische Zustände herrschten am ersten heißen Wochenende Ende Juni wieder einmal rund um den Starnberger See. Das gewohnte Bild: Straßen in Ufernähe gnadenlos zugestellt, Fahrradwege und Zufahrten blockiert, Parkverbote ignoriert, die wenigen öffentlichen Parkplätze hoffnungslos überfüllt. Auf der Possenhofener Straße staute sich der Verkehr, in Kempfenhausen am „Percha Beach“ entlang der Staatsstraße war alles zugeparkt, um eine freie Parkbucht wurde gar erbittert gestritten.
Dass es so nicht weitergehen kann, schließlich hat der Sommer gerade erst begonnen, ist im Starnberger Landratsamt und im Rathaus schon lange klar. Bislang war man in der Kreisstadt beim Thema Abschleppen vergleichsweise zurückhaltend, doch damit soll es nun vorbei sein: Bürgermeister Patrick Janik erwägt eine konzertierte Aktion und will an einem, vielleicht sogar an mehreren Wochenenden, Falschparker konsequent abschleppen lassen.
Sobald die Sonne lacht, lockt auch der Starnberger See als beliebtes Ausflugsziel. Das Anliegen der Besucher, die am Ufer des fünftgrößten deutschen Binnengewässers Entspannung und Abkühlung suchen, hat aber seine Schattenseiten: Regelmäßig sind an schönen Wochenenden in Starnberg und anderen Seegemeinden viele Straßen in Seenähe zugeparkt – oft unter Missachtung der Verkehrsvorschriften.
Freilich ist das Problem nicht neu: Seit Jahren nutzen erholungsbedürftige Großstädter, Badegäste und Touristen jeden freien Quadratmeter am See und schrecken beim Abstellen ihrer Fahrzeuge auch nicht vor Rettungswegen, Feuerwehranfahrtszonen, Behindertenparkplätzen oder Halteverbotszonen zurück. Immer wieder versuchen Stadtverwaltung und Polizei gegen Falschparker vorzugehen, doch nachhaltiger Erfolg ist ihnen bislang nicht beschieden.
„Manche Gäste haben den Strafzettel schon eingepreist für ihren Badetag am See“, weiß Janik. Vielen gelten Halteverbotsschilder, so seine Wahrnehmung, eher als „dekoratives Element“. Hinzu kommt: Die personellen Kapazitäten von Polizei und „Zweckverband Kommunale Dienste Oberland“ (KDO), der unter anderem in mehr als 160 Kommunen den ruhenden und fließenden Verkehr überwacht, sind beschränkt.
Grundsätzlich gilt beim Abschleppen: Das Verfahren vom Feststellen der Ordnungswidrigkeit bis zum Abtransport der Fahrzeuge erfordert stets Polizeipräsenz. Wer auf eigene Faust als Privatmann einen Abschleppwagen bestellt, muss den Einsatz auch selbst bezahlen.

Weniger aufwendig, schneller und rechtssicher ist das „vereinfachte Abschleppverfahren“, das bislang vorwiegend in Großstädten praktiziert wird. Dabei dokumentiert ein autorisierter Verkehrsüberwacher in einem zuvor definierten Gebiet einen Parkverstoß und informiert einfach telefonisch die Polizei, die wiederum den Abschleppdienst beauftragt. Die Anwesenheit eines Beamten ist dabei nicht erforderlich.
Der Zweckverband hat 2022 eine entsprechende Abmachung mit der Gemeinde Tutzing getroffen, 2023 auch mit den Ostufer-Gemeinden Berg und Münsing. Allerdings: „Bislang haben wir am See noch keinen einzigen abgeschleppt“, sagt der KDO-Geschäftsführer. Neben Kochel und der Jachenau hat sich das vereinfachte Verfahren laut Bursic insbesondere in Wasserburg „als praktikabel und effizient erwiesen“.

Mit Starnberg hat der KDO bislang keine Vereinbarung zum vereinfachten Abschleppen geschlossen, hier gibt es lediglich Bußgelder. Oliver Jauch, Verkehrsexperte der Starnberger Polizei, ist unter diesen Vorzeichen nicht gerade begeistert von der Abschlepp-Idee des Bürgermeisters. Zudem bezweifelt er einen nachhaltigen Effekt der Aktion, also dass es sich in der Region und in München herumspricht, dass in Starnberg Falschparker schneller abgeschleppt werden. „Wir schleppen mal ab, und dann ist alles gut?“, fragt er. „Utopisch.“
Knapp 60 Beamtinnen und Beamte, davon 30 im ständigen Schichtdienst, stehen der Polizeiinspektion Starnberg zur Verfügung, die ein vergleichsweise großes Gebiet von Berg am Ostufer bis Tutzing auf der anderen Seeseite betreut und oftmals Besseres zu tun hat, als Abschleppvorgänge zu dokumentieren. „Das ist kaum zu schaffen für die Polizei“, sagt Jauch – gerade jetzt im Sommer, wenn überall Veranstaltungen stattfinden, die ebenfalls polizeiliche Präsenz erfordern.

Andererseits: Dass Rettungswege zu den Seen frei sein müssen, wenn es um Leben oder Tod geht – Jauch ist nebenher auch für die Wasserwacht aktiv – steht außer Frage. Einer Abschlepp-Aktion würde Jauch sich daher nicht verschließen, wenn Starnberg entsprechende Vereinbarungen zum vereinfachten Verfahren schließen würde.
Vorab buchen die jeweiligen Gemeindeverwaltungen beim KDO Zeiten, an denen die Verkehrsüberwacher im Einsatz sind, doch die stimmen nicht unbedingt überein mit Hitzeperioden. Ohnehin würde Bürgermeister Janik gern die Einsätze ausweiten, noch lieber aber würde er wieder einen eigenen, städtischen Ordnungsdienst auf die Beine stellen. Doch das kostet Geld, und die Stadt ist knapp bei Kasse.
Beim jährlichen „Seengespräch“, an dem die Bürgermeister der Anrainerkommunen, Polizei, Vereine und Vertreter vieler anderer Organisationen teilnehmen, werden allerlei Probleme besprochen, die es so gibt am Starnberger See. Schon 2024 war für August ein Aktionstag gegen Falschparker vereinbart worden. Doch der fiel aus, weil es regnete. Dieses Jahr soll ein zweiter Anlauf unternommen werden. „Wir sind da dran“, sagt Bursic. Wann, wie und wo – das alles muss noch besprochen werden.


Wer am beliebten Erholungsgelände „Percha Beach“ auf einem der rund 220 Stellplätze parken möchte, muss neuerdings zwischen 9 und 21 Uhr ganzjährig einen Parkschein ziehen. Das Personal, das in den Vorjahren kassierte und zudem zusperrte, wenn nichts mehr ging, gibt es nicht mehr. Stattdessen nun Automaten: Eine Stunde kostet 2,50 Euro, das Tagesticket zehn Euro.
Landratsamt und Stadt hoffen zudem, dank KDO die ausufernden Zustände auch im Umfeld des Badegeländes in den Griff zu bekommen. Die Mitarbeiter verteilten zuletzt im Buzentaurweg sowie entlang der Kreisstraße Strafzettel an Autofahrer, die auf Grünstreifen oder Radwegen parkten.

Zwischenzeitliches Parkchaos herrschte auch auf der Westseite des Sees: In der Possenhofener Straße standen Fahrzeuge im absoluten Halteverbot, in Rangierbereichen oder auf der viel befahrenen Kreisstraße und blockierten so die Wege für Wasserwacht, Rettungsfahrzeuge und Feuerwehr, Radfahrer und den Durchgangsverkehr. Dabei geht es um Sicherheit: „Jeder, der im Rettungsweg parkt“, erklärt Bürgermeister Janik, „sollte sich überlegen, was er damit im Ernstfall anrichten kann“.

Widriges Parken im Halteverbot kostet 55 Euro, wird ein Rettungseinsatz behindert, beträgt das Bußgeld 100 Euro – zuzüglich Auslagen und Gebühren. Die Einnahmen aus den Parkgebühren gehen ans Landratsamt und fließen in den Unterhalt des Geländes, die KDO-Knöllchen bereichern die Stadt Starnberg. Kommt der Abschlepper zum Einsatz, wird’s deutlich teurer: Zwischen knapp 300 und 400 Euro inklusive Mehrwertsteuer kostet der Einsatz bei Hauser & Knorr, dem einzigen Abschleppunternehmen im Landkreis Starnberg.
In der Kreisstadt sei man bislang eher „zurückhaltend mit Abschleppen“, sagt Lucas Heichert. Doch eine konzertierte Aktion sei durchaus zu gewährleisten, „man muss es vorher nur absprechen“. Sieben Abschlepper stehen bereit, genügend Fahrer ebenfalls – auch am Wochenende. Allerdings gibt es da ein Problem: „Wohin mit den abgeschleppten Fahrzeugen?“, fragt Heichert. Bislang gibt es in Starnberg keine „Verwahrstelle“.
Beim geplanten Aktionstag 2025 aber werden die Starnberger voraussichtlich gern dabei sein. Im Blick behalten will die Stadt auch die einzige Zufahrt zum Vereinsgelände der FT 09 Starnberg an der Ottostraße. Hier fand zum Kummer der Anwohner unlängst ein großes Jugendfußball-Turnier statt – und nichts ging mehr.
Die kleine Straße war komplett zugeparkt, ein Linienbus brach seine Tour ab und musste rückwärts fahren, Rettungsdienste fanden kaum mehr ein Durchkommen. Janik zeigte zwar Verständnis, hat aber vorerst auch keine Lösung. Stattdessen will man hier nun einen „Smiley“-Anzeiger aufstellen: Er soll Raser an Tempo-30 erinnern, wenn die Straße gerade mal nicht zugeparkt ist.

