Museumsquartier StarnbergEs sollte Kunst sein, jetzt ist es weg

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Übrigbleibsel von der „Wiege von Starnberg“: Das darunterliegende Haus wird ebenfalls „zurückgebaut“.
Übrigbleibsel von der „Wiege von Starnberg“: Das darunterliegende Haus wird ebenfalls „zurückgebaut“. (Foto: Foto: Nila Thiel)

Erst die „Wiege von Starnberg“, dann das Geisterhaus: Die Bagger haben einen der prominentesten Orte der Kreisstadt endgültig abgeräumt, um Platz zu machen für ein lukratives Großbauvorhaben.

Von Peter Haacke, Starnberg

„Gott sein Dank wird dieses scheußliche Haus endlich weggerissen“, sagt eine ältere Dame. Sie ist auf ihrer täglichen Gassirunde, ihr Pudel zerrt an der Leine, er will raus aus der sengenden Sonne. Gassi gehen am Seeufer ist viel schöner, das wissen sowohl Frau als auch Hund. Täglich kommen sie beide bei ihrem Spaziergang durch die Museumsunterführung – und blicken dann auf dieses Grundstück zwischen Bahnhofsvorplatz, Heimatmuseum und Bahngleisen. „Schön war es hier ja nie“, sagt die Seniorin, die schon die pinkfarbene Wiege nicht so toll fand, „aber zuletzt war es am scheußlichsten“.

Der ursprüngliche Entwurf für das „Museumsquartier Starnberg“ wurde um eine Etage abgespeckt: Den Stadträten war die Höhenentwicklung der drei Gebäude zu mächtig. Links vom Komplex das Heimatmuseum mit Lochmann-Haus, rechts die Bahnhofstraße.
Der ursprüngliche Entwurf für das „Museumsquartier Starnberg“ wurde um eine Etage abgespeckt: Den Stadträten war die Höhenentwicklung der drei Gebäude zu mächtig. Links vom Komplex das Heimatmuseum mit Lochmann-Haus, rechts die Bahnhofstraße. (Foto: Peter Haacke)

Die „Wiege von Starnberg“ entstand vor gut vier Jahren. Ein temporäres Kunstprojekt, das immer wieder Diskussionen provozierte, ein Hingucker, Kunst am Bau. Schon Anfang April war dieses Konstrukt „zurückgebaut“ worden, darunter verbarg sich das Haus. Jahrelang zuvor hatte auf dem brachliegenden Schotterparkplatz nur dieses leer stehende Wohngebäude gestanden und ein Tankstellenhäuschen, in das sich ein Pizza-Lieferdienst einquartiert hatte. „Ehret&Klein“, ein umtriebiger Starnberger Projektentwickler, hat große Pläne für das prominent gelegene Areal: Hier soll das „Museumsquartier“ entstehen, ein „ansprechendes Gebäudeensemble, das sich optisch harmonisch in sein Umfeld einfügt und den Blick über den Bahndamm auf den Starnberger See öffnet“, heißt es vielversprechend.

2021 war ein Architekturwettbewerb ausgelobt worden und 2023 der Sieger gekürt: Drei unterschiedlich hoch gestaffelte Gebäude, verbunden durch eine gemeinsame Erdgeschosszone, Flächen für Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie. Den Stadträten war es jedoch zu mächtig, der Entwurf zum „Museumsquartier“ wurde abgespeckt. Weil die großen Dinge in Starnberg aber trotzdem ihre Zeit brauchen, beschloss Ehret&Klein eine Zwischennutzung mit eben jener „Wiege von Starnberg“: ein monumentales pinkfarbenes Treppen-Konstrukt mit dem alten Haus als Unterbau, das am 1. Mai 2021 fertiggestellt wurde. Der Stadtrat zeigte sich begeistert, das Landratsamt weniger: Erst ein knappes Jahr später durfte man die Tribüne unter allerlei Auflagen betreten, Bau- und Nutzungsgenehmigungen sowie Sicherheitsgutachten fehlten.

Die Eröffnung der „Wiege von Starnberg“ zog sich: Fast ein Jahr lang warteten Die Initiatoren auf eine Nutzungsgenehmigung durch das Landratsamt.
Die Eröffnung der „Wiege von Starnberg“ zog sich: Fast ein Jahr lang warteten Die Initiatoren auf eine Nutzungsgenehmigung durch das Landratsamt. (Foto: Sophie Linckersdorff)
Einsamer Höhepunkt: Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) spricht im August 2023 auf der pinkfarbenen Wiege unter dem Motto „Servus Zukunft“ zu seinen treuen Anhängern.
Einsamer Höhepunkt: Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) spricht im August 2023 auf der pinkfarbenen Wiege unter dem Motto „Servus Zukunft“ zu seinen treuen Anhängern. (Foto: Franz Xaver Fuchs)
Beim Abbau der Starnberger Wiege hilft im April 2025 auch deren Erbauer, der Künstler Andreas Sarow, mit. Die Metallgeländer verwendet er für ein neues Projekt an einem Münchner Abbruchhaus, das er im Sommer verwirklichen will.
Beim Abbau der Starnberger Wiege hilft im April 2025 auch deren Erbauer, der Künstler Andreas Sarow, mit. Die Metallgeländer verwendet er für ein neues Projekt an einem Münchner Abbruchhaus, das er im Sommer verwirklichen will. (Foto: Franz Xaver Fuchs)
Nach Demontage der pinkfarbenen Tribüne kommt auch das alte Haus wieder zum Vorschein.
Nach Demontage der pinkfarbenen Tribüne kommt auch das alte Haus wieder zum Vorschein. (Foto: Peter Haacke)
Ist das Kunst? Nein, das kann weg. Das Abbruchhaus mit seinem morbiden Charme war knapp drei Monante lang für viele Starnberger und Besucher unter ästhetischen Aspekten eine Zumutung.
Ist das Kunst? Nein, das kann weg. Das Abbruchhaus mit seinem morbiden Charme war knapp drei Monante lang für viele Starnberger und Besucher unter ästhetischen Aspekten eine Zumutung. (Foto: Nila Thiel)
Abgeräumt: Der Platz ist leer und soll demnächst für die Öffentlichkeit  freigegeben werden. Im Hintergrund das Lochmann-Haus aus dem 16. Jahrhundert, das älteste Gebäude Starnbergs und Bestandteil des Heimatmuseums.
Abgeräumt: Der Platz ist leer und soll demnächst für die Öffentlichkeit  freigegeben werden. Im Hintergrund das Lochmann-Haus aus dem 16. Jahrhundert, das älteste Gebäude Starnbergs und Bestandteil des Heimatmuseums. (Foto: Peter Haacke)

Nun ist es mit der Wiege und dem ursprünglich darunter verborgenem Haus vorbei: Die Bagger haben ganze Arbeit geleistet, Ende dieser Woche wird der Platz voraussichtlich wieder frei sein. Er soll aufgekiest und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sagt Petr Lehr, Sprecher von „Ehret&Klein“. Frühestens im Oktober, wahrscheinlich aber später, geht es weiter mit dem Projekt. Das sei auch abhängig von der Stadtverwaltung, auf der Prioritätenliste der Bauabteilung steht das „Museumsquartier“ nur auf Rang 12. Dass man „Wiege“ und Haus nicht gleichzeitig abgerissen hat, begründet der Sprecher damit, dass man zunächst nicht gewusst habe, ob man eine Abrissgenehmigung benötige. Das erscheint nachvollziehbar: Als die „Wiege“ des Künstlers Andreas Sarow entstand, verzichtete der Bauherr auf Bau- und Nutzungsgenehmigung. Das hatte zur Folge, dass das Landratsamt monatelang die Nutzung untersagte.

Schöne neue Welt: Auf dem Areal zwischen Bahnhofplatz und Heimatmuseum ist der Bau von drei modernen Gebäuden geplant. Im „Museumsquartier“ ist eine Mischung aus Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie geplant, in oberen Etagen gibt es Wohnungen mit Blick auf den Starnberger See.
Schöne neue Welt: Auf dem Areal zwischen Bahnhofplatz und Heimatmuseum ist der Bau von drei modernen Gebäuden geplant. Im „Museumsquartier“ ist eine Mischung aus Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie geplant, in oberen Etagen gibt es Wohnungen mit Blick auf den Starnberger See. (Foto: Visualisierung: Beer Bembé Dellinger)

Die Wiege von Starnberg ist Geschichte, das darunterliegende Haus, das einen morbiden Charakter verströmte, ebenfalls. Dafür, dass fast drei Monate zwischen den beiden Rückbauten lagen, hat die ältere Dame eine andere Erklärung: „Die wollten die Stadt unter Druck setzen“, vermutet sie, „damit sie schneller die Baugenehmigung kriegen, weil das Geisterhaus so scheußlich war“. Dem widerspricht der Mann von „Ehret&Klein“: Das sei Spekulation, sagt Lehr, „wir wollen ja konstruktiv mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten“.

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