„Gott sein Dank wird dieses scheußliche Haus endlich weggerissen“, sagt eine ältere Dame. Sie ist auf ihrer täglichen Gassirunde, ihr Pudel zerrt an der Leine, er will raus aus der sengenden Sonne. Gassi gehen am Seeufer ist viel schöner, das wissen sowohl Frau als auch Hund. Täglich kommen sie beide bei ihrem Spaziergang durch die Museumsunterführung – und blicken dann auf dieses Grundstück zwischen Bahnhofsvorplatz, Heimatmuseum und Bahngleisen. „Schön war es hier ja nie“, sagt die Seniorin, die schon die pinkfarbene Wiege nicht so toll fand, „aber zuletzt war es am scheußlichsten“.

Die „Wiege von Starnberg“ entstand vor gut vier Jahren. Ein temporäres Kunstprojekt, das immer wieder Diskussionen provozierte, ein Hingucker, Kunst am Bau. Schon Anfang April war dieses Konstrukt „zurückgebaut“ worden, darunter verbarg sich das Haus. Jahrelang zuvor hatte auf dem brachliegenden Schotterparkplatz nur dieses leer stehende Wohngebäude gestanden und ein Tankstellenhäuschen, in das sich ein Pizza-Lieferdienst einquartiert hatte. „Ehret&Klein“, ein umtriebiger Starnberger Projektentwickler, hat große Pläne für das prominent gelegene Areal: Hier soll das „Museumsquartier“ entstehen, ein „ansprechendes Gebäudeensemble, das sich optisch harmonisch in sein Umfeld einfügt und den Blick über den Bahndamm auf den Starnberger See öffnet“, heißt es vielversprechend.
2021 war ein Architekturwettbewerb ausgelobt worden und 2023 der Sieger gekürt: Drei unterschiedlich hoch gestaffelte Gebäude, verbunden durch eine gemeinsame Erdgeschosszone, Flächen für Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie. Den Stadträten war es jedoch zu mächtig, der Entwurf zum „Museumsquartier“ wurde abgespeckt. Weil die großen Dinge in Starnberg aber trotzdem ihre Zeit brauchen, beschloss Ehret&Klein eine Zwischennutzung mit eben jener „Wiege von Starnberg“: ein monumentales pinkfarbenes Treppen-Konstrukt mit dem alten Haus als Unterbau, das am 1. Mai 2021 fertiggestellt wurde. Der Stadtrat zeigte sich begeistert, das Landratsamt weniger: Erst ein knappes Jahr später durfte man die Tribüne unter allerlei Auflagen betreten, Bau- und Nutzungsgenehmigungen sowie Sicherheitsgutachten fehlten.






Nun ist es mit der Wiege und dem ursprünglich darunter verborgenem Haus vorbei: Die Bagger haben ganze Arbeit geleistet, Ende dieser Woche wird der Platz voraussichtlich wieder frei sein. Er soll aufgekiest und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sagt Petr Lehr, Sprecher von „Ehret&Klein“. Frühestens im Oktober, wahrscheinlich aber später, geht es weiter mit dem Projekt. Das sei auch abhängig von der Stadtverwaltung, auf der Prioritätenliste der Bauabteilung steht das „Museumsquartier“ nur auf Rang 12. Dass man „Wiege“ und Haus nicht gleichzeitig abgerissen hat, begründet der Sprecher damit, dass man zunächst nicht gewusst habe, ob man eine Abrissgenehmigung benötige. Das erscheint nachvollziehbar: Als die „Wiege“ des Künstlers Andreas Sarow entstand, verzichtete der Bauherr auf Bau- und Nutzungsgenehmigung. Das hatte zur Folge, dass das Landratsamt monatelang die Nutzung untersagte.

Die Wiege von Starnberg ist Geschichte, das darunterliegende Haus, das einen morbiden Charakter verströmte, ebenfalls. Dafür, dass fast drei Monate zwischen den beiden Rückbauten lagen, hat die ältere Dame eine andere Erklärung: „Die wollten die Stadt unter Druck setzen“, vermutet sie, „damit sie schneller die Baugenehmigung kriegen, weil das Geisterhaus so scheußlich war“. Dem widerspricht der Mann von „Ehret&Klein“: Das sei Spekulation, sagt Lehr, „wir wollen ja konstruktiv mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten“.

