Sportgerät:Wie ein frustrierter Ingenieur ein E-Surfbrett erfand

Nie hatte Markus Schilcher genug Tempo, um eine Welle zu reiten. Also tüftelte er so lange, bis das Brett genug Schwung hatte - und investierte ordentlich in seine "Waterwolf"-Erfindung.

Von Otto Fritscher

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Leonie: Bootsverleih Gastl Waterwolf E-Waveboard

Quelle: Nila Thiel

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Geräuschlos saust der Surfer über den Starnberger See, mit einem Höllentempo, möchte man sagen. Kein kreischender Bootsmotor ist zu hören, und ein Segel hat das Brett auch nicht. Markus Schilcher schneidet enge Kurven in das unruhige Wasser, die Gischt spritzt, ähnlich wie beim Wasserskifahren. Nicht weit entfernt fährt der Ausflugsdampfer MS Starnberg vorbei, die Touristen zücken ihre Handys, klicken und winken. Doch das bekommt Markus Schilcher gar nicht mit. Konzentriert legt er sich in die Kurve, bis eine Hand die Wasseroberfläche berührt. Und dann - der plötzliche Abgang vom Brett, Schilcher hat das Gleichgewicht verloren. Wie von Geisterhand stoppt auch das Surfbrett.

Leonie: Bootsverleih Gastl Waterwolf E-Waveboard

Quelle: Nila Thiel

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Später, an Land, lüftet sich das Geheimnis, wenn Markus Schilcher das Brett aus dem Wasser wuchtet - das Board mit dem "Shape", also der Form eines Windsurfboards, ist immerhin 26 Kilogramm schwer. An der Unterseite ist eine Schraube montiert, wie bei einem Bootsmotor. Angetrieben wird der Propeller aber elektrisch, die Energie kommt aus einem Akkupack, das in das Board integriert ist.

"Waterwolf" nennt Schilcher dieses Board. Die Idee für diese Erfindung kam ihm vor zehn Jahren im Urlaub. Schilcher, Jahrgang 1965, probierte an der Atlantikküste bei Biarritz das Wellenreiten, scheiterte aber immer wieder. "Ich habe es einfach nicht geschafft, die Wellen richtig anzufahren", sagt er. Schilcher ist Maschinenbauingenieur. Er grübelte über seine Fehlversuche und kam schnell zu dem Schluss, dass er einen Motor bräuchte. Nur so wäre er schnell genug, um die Wellen reiten zu können. Zurück in Bayern begann er bei sich in der Garage in Oberammergau zu tüfteln und werkeln.

Leonie: Bootsverleih Gastl Waterwolf E-Waveboard

Quelle: Nila Thiel

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Es ist die Geschichte eines Besessenen, der an seine Idee glaubt und wie Daniel Düsentrieb an den Surfbrettern jahrelang experimentiert. Und dem zunächst nicht der Durchbruch gelingen mag. In seinem eigentlichen Beruf verdient sich Schilder sein Einkommen, indem er große Antennen entwickelt. Mit dem kleinen Surfbrett tut er sich in den Anfangsjahren schwerer. Aber los lässt ihn die Idee nie.

Investiert hat Schilcher einen mittleren sechsstelligen Betrag, vor gut zwei Jahren hat er sein Haus der Bank als Sicherheit verpfändet. Warum? "Als das Board richtig ins Gleiten kam, war ich nach der langen Tüftelei felsenfest überzeugt, dass meine Idee auch ein kommerzieller Erfolg wird. Und wo ich mit dem Brett auch aufgetaucht bin, gab es Begeisterung und Zuspruch", begründet Schilcher. Und schickt einen Seitenhieb auf die Banken nach: "Entgegen der Reklame ist es fast unmöglich, als Gründer einen Kredit zu bekommen."

Leonie: Bootsverleih Gastl Waterwolf E-Waveboard

Quelle: Nila Thiel

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Schilcher experimentiert noch heute weiter. Er testet verschiedene Akkus. Für eine halbe Stunde Fahrspaß reicht die Kapazität der Batterie maximal, je nach Geschwindigkeit, je nach Gewicht des Surfers. 25 bis 30 Stundenkilometer sind möglich. Und er testet unterschiedliche Schutzbögen für die Schraube. Denn diese ist von einem Ring umgeben, was allerdings kein hundertprozentiger Schutz ist, wie Schilcher zugibt. Fatal wäre es, wenn der Surfer vom Brett fliegt und dieses - wie soll man sagen: fahrerlos - weiterrast und über einen Schwimmer fährt. "Deshalb gibt es ein doppeltes Not-Aus", sagt Schilcher. Der Surfer ist mittels einer Leine mit der Brett und dessen Steuerelektronik verbunden. Wird die Leine ausgelöst, wird der E-Antrieb abgeschaltet.

5000 Watt Leistung hat der Elektromotor, damit ist er ungefähr achtmal so stark wie der Antrieb eines E-Bikes. Die Geschwindigkeit wählt der E-Surfer mittels eines Drehschalters auf dem Brett, eine Digitalanzeige verrät den Ladezustand der Akkus, die schnell ausgewechselt werden können. Nicht nur die Form von Brett und Antrieb hat Schilcher selbst konstruiert, auch die Batterien, die von einem deutschen Spezialhersteller gefertigt werden. 2014 war er dann mit Wasserwolf endlich zufrieden.

Blau-weißer Himmel über dem Starnberger See

Quelle: dpa

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Zwei Jahre lang dauert die Zulassungsprozedur bei der Regierung von Oberbayern, TÜV-Gutachten werden angefordert, die Wasserschutzpolizei ist involviert, bis Schilcher schließlich die Freigabe für die oberbayerischen Seen erhält. Flüsse bleiben tabu. Vorerst werden die Wasserwölfe nur auf dem Starnberger See losgelassen, bei Werftbesitzer Peter Gastl in Leoni, wo die motorisierten Surfbretter auch an diesem Freitag und Samstag bei einer Bootsmesse angeschaut und ausprobiert werden können.

"Man muss schon eine gewisse Umsicht walten lassen", sagt Schilcher. Deshalb wird der "Waterwolf" nicht einfach mal für eine Probefahrt vom Bootsverleih Peter Gastl in Leoni am Starnberger See herausgegeben. Die Interessen müssen mindestens 18 Jahre alt sein, eine Barkaution von 500 Euro hinterlegen und eine Einweisung über sich ergehen lassen. "Man braucht ein gutes Gleichgewichtsgefühl", sagt Schilcher. "Die meisten schaffen es nach etlichen Versuchen, von der Verdrängerfahrt in die Gleitfahrt zu kommen", erklärt Schilcher.

Leonie: Bootsverleih Gastl Waterwolf E-Waveboard

Quelle: Nila Thiel

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Denn beim Start liegt der Waterwolf-Fahrer wie ein Wellenreiter auf dem Board, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit immer mehr aus dem Wasser heraushebt und bei gut 20 Stundenkilometern zu gleiten anfängt. "Dann beginnt der Spaß", sagt Schilcher. Etliche Eisbach-Surfer haben den Wasserwolf schon getestet - und für gut befunden.

Kommendes Jahr will er mit seiner Idee den Chiemsee und den Tegernsee erobern, diese Woche hat er ein Brett an den Fuschlsee im Salzburger Land ausgeliefert, an den Chef eines großen Brausekonzerns. Insgesamt hat Schilcher rund 20 Wasserwölfe zum Preis von je rund 10 000 Euro verkauft, vier davon am Starnberger See, die meisten Bestellungen kamen allerdings über das Internet. Eine Trendsportart wie das Stand-up-Paddeln wird das Elektrosurfen nicht werden, schon angesichts des Preises. "Die meisten meiner Kunden haben schon ein Boot, und sie nehmen den Wasserwolf einfach als Luxus-Spaß-Gefährt her", sagt Schilcher.

© SZ vom 08.07.2016/vewo
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