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Spaziergang:Fußmarsch durch die Geschichte

Gautinger Ortsrundgang mit Gerd Holzheimer

Bei einem Rundgang erkunden die Gautinger mit Gerd Holzheimer (rechts) ihren Ort. Mit dabei ist auch Gautings Altbürgermeister Ekehard Knobloch (links).

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Gute Punkte - wunde Punkte" nennt der Literaturwissenschaftler und "Geopoet" Gerd Holzheimer seinen Rundgang in Gauting, zu dem er die Bürger im Rahmen der Kulturwoche einlädt

Von Katja Sebald, Gauting

In zwei Stunden vom Untergang des Römischen Reichs bis zum Ende des Deutschen Herbstes: Im Rahmen der Kulturwoche bot der Literaturwissenschaftler und "Geopoet" Gerd Holzheimer unter dem Titel "Gute Punkte - wunde Punkte" eine Zeitreise durch Gautings Geschichte an. Fast fünfzig geschichtsinteressierte Spaziergänger hatten sich am Samstagnachmittag versammelt, darunter auch der Gautinger Altbürgermeister Ekkehard Knobloch. Er und einige andere konnten an den verschiedenen Stationen des Rundgangs persönliche Erinnerungen an geschichtsträchtige Ereignisse in Gauting beisteuern.

Mit den "guten" Punkte bezog Holzheimer sich auf Humboldts "Sprache des Erdbodens", die eine "Weltgeschichte der Gedanken und Empfindungen der Menschheit" abbildet, die "wunden" Punkte hingegen wollte er im Sinne von Beuys berühmter Installation "Zeige deine Wunde" verstanden wissen. Der Weg führte durch die sommerliche Idylle der Gautinger Villenkolonie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Reißbrett entworfen worden war: Von der Lebensreform-Bewegung inspiriert sollte hier zwischen rhythmisch geschwungenen Straßen und begrünten Plätzen in individuell gestalteten Häusern mit großen Gärten ein Leben im Einklang mit der Natur und doch in der Nähe zur Stadt möglich werden. Nur die schnurgerade verlaufende Römerstraße durchschneidet die Kolonie und sie stellt auch zugleich einen der wunden Punkte dar: Noch heute sind links und rechts der Straße die Gräben sichtbar, die von römischen Sklaven ausgehoben wurden.

Nicht immer liegen die wunden und die guten Punkte so erschreckend nah beinander wie in der Waldpromenade, die in der NS-Zeit Adolf-Wagner-Straße hieß und damit auf ihren prominenten Bewohner hinwies: Hier hatte sich der berüchtigte Gauleiter, zu dessen übelsten Erfindungen das Konzentrationslager Dachau gehörte, eine malerische Villa als Landsitz bauen lassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite aber hatte Charlotte Knobloch, als Tochter des angesehenen jüdischen Rechtsanwalts Fritz Neuland 1932 in München geboren, in der Reichspogromnacht Unterschlupf gefunden. Der Vater hatte eine anonyme Warnung erhalten und war am Morgen des 9. November 1938 mit seiner kleinen Tochter zu Fuß und querfeldein vom Stachus, wo sich seine Kanzlei befand, auf Nebenwegen in Richtung Gauting aufgebrochen. In den Erinnerungen von Charlotte Knobloch war es eine Familie Kasselmann, die sie aufgenommen hatte. Deren Haus aber lässt sich nicht mehr lokalisieren.

Im von hohen Bäumen bestandenen Garten hinter einer alten Villa an der Ammerseestraße hatte Mechthild von Bezold als junges Mädchen ein Blumenbeet angelegt und dabei den Propeller einer Lancaster der Royal Airforce gefunden, die im Zweiten Weltkrieg abgeschossen worden war. Wo heute Blumen blühen, waren damals acht junge Soldaten gestorben. Besonders trügerisch aber ist die Vorort-Idylle an der Wessobrunner Straße, wo heute der adrette Bungalow der Familie Zimmermann leersteht. Hier hatten RAF-Terroristen am Morgen des 1. Februar 1985 am Gartentor geläutet und den MTU-Manager und Vorsitzenden des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie Ernst Zimmermann in seinem Schlafzimmer erschossen. Dessen Frau, die von den Terroristen gefesselt zurückgelassen wurde, hatte trotzdem bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren in dem Haus gelebt.

Das Häuschen mit den blauen Fensterläden und der verwunschene Garten des 1987 verstorbenen Malers Hans Olde, einstmals Schauplatz von ebenso improvisierten wie rauschenden Festen der Gautinger Künstler aus der Kolonie, markiert jedoch ganz entschieden einen der guten Punkte. Und "Rilke war hier", konnte Holzheimer schließlich an der Gartenpromenade vor dem Haus des Schriftstellers Otto von Taube vermelden, der von den Nationalsozialisten mit Schreibverbot belegt worden war und heute nahezu vergessen ist. Der Abkömmling eines baltischen Adelsgeschlechts, der bis zu seinem Tod 1973 in Gauting lebte, war mit bedeutenden Dichtern seiner Zeit befreundet und hatte sich unter anderem als Übersetzer des portugiesischen Nationaldichters Camões einen Namen gemacht.

© SZ vom 18.06.2018

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