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Spaziergang:Drößling - liebenswert und eng

Etwa 250 Menschen leben in dem kleinen Ortsteil Seefelds, der mit seinen herausgeputzten Höfen, seiner schönen Kirche und den vielen blühenden Gärten ein Bilderbuchdorf sein könnte, wenn die Ortsdurchfahrt nicht so gefährlich wäre

Von Christine Setzwein, Drößling

Herausgeputzte Höfe und Häuser, blühende Bauerngärten, Obstbäume, deren Zweige sich unter der Last von Äpfeln, Birnen und Zwetschgen biegen, und über allem ragt die Kirche Mariä Himmelfahrt in den weiß-blauen Himmel. Drößling könnte ein Bilderbuchdorf sein, wenn nicht die Ortsdurchfahrt wäre. Für Fußgänger ist sie trotz Tempo 30 lebensgefährlich, Busse und Laster kommen in der engen Kurve nicht aneinander vorbei, dann muss rangiert werden. Die Folge: "Mindestens fünf, sechs Staus am Tag", sagt Johann Dreyer.

Johann Dreyer ist Drößlinger durch und durch. Der 60-Jährige kennt quasi jeden der etwa 250 Einwohner. Von Beruf Vermessungsbeamter in Starnberg, ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Drößling, der Schützengesellschaft Bavaria Drößling, des Vereins zur Förderung historischer Feuerwehrgerätschaften, beim Verein für Gartenbau und Blumenschmuck ist er Vorsitzender, bei den Veteranen und bei den Friedinger Trachtlern ist er ebenfalls aktiv. Und dann sitzt er noch für die CSU im Seefelder Gemeinderat.

Der Rundgang mit Dreyer durch Drößling beginnt am Feuerwehrhaus. Das wurde von 2001 bis 2003 gebaut, vieles entstand in Eigenleistung, wie das Plätteln des Vorplatzes. Drinnen steht der ganze Stolz der ehrenamtlichen Helfer, ein glänzendes Löschfahrzeug. 2017 war es das erste Neufahrzeug in der 129-jährigen Geschichte des Vereins. Ganz hinten im Eck versteckt sich eine alte Saug- und Druckspritze aus dem Jahre 1876. Im Untergeschoß hat der Gartenbauverein einen Raum. "Hier gibt es Vorträge, oder wir basteln", sagt Dreyer. Zum Beispiel Kräuterbuschen, die an Maria Himmelfahrt, in Drößling gleichzeitig Kirchweihfest, verkauft werden. Der Erlös ging heuer an das Kinderheim in Sankt Alban.

Vorbei am alten Waaghäusl, in dem "ab und zu noch ein Schwein gewogen wird", geht es zur Staatsstraße 2017, dem Sorgenkind des Dorfes. Kurvig, eng und ohne Gehweg. Rechts und links die Bushaltestellen der Linie 950. Die "Nostalgie Gärtnerei Pirzer" gibt es seit 1910, nebenan befand sich bis in die 1970er Jahre der Kramerladen der Familie Peter, erzählt Dreyer. Toni Peter, der 1980 starb, war Gärtnermeister und Heimatdichter. Über seine "Wallfahrt nach Andechs", ein Gedicht in Mundart, amüsieren sich die Drößlinger noch heute.

Anna Schauer zum Beispiel. Die 76-Jährige lebt seit 1968, als sie ihren Mann Johann geheiratet hat, in Drößling. Sie erinnert sich gut an den Kramerladen, in dem sie noch eingekauft hat. Geboren im Böhmerwald, kam sie im August 1945 mit ihrer Familie als Vertriebene nach Hechendorf. 32 Jahre lang, bis 2002, war Schauer Standesbeamtin in Seefeld. In den Vereinen dauerte es nicht lange, bis sie zur Schriftführerin gewählt wurde, wie etwa bei der Feuerwehr oder beim Jagdverband. "Die Anna kann das", hieß es. Wer etwas über die Geschichte Drößlings wissen will, ist bei Anna Schauer gut aufgehoben.

Ein historisches Kleinod ist die Kirche Mariä Himmelfahrt. Sie stammt im Kern aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das Langhaus wurde 1687/88 völlig neu erbaut, der Turm 1701. Der Hochaltar ist ein Werk des Kunstschreiners Georg Leuthner, das Gnadenbild zeigt eine sitzende Madonna mit einer Weintraube in der Hand. Dieses Marienbild war im 18. Jahrhundert Anlass vieler Wallfahrten nach Drößling. Heute kümmert sich Kirchenpflegerin Elisabeth Kranjc, 73, eine gebürtige Drößlingerin, um Gotteshaus und Friedhof, der Kircheneigentum ist und nicht der Gemeinde gehört. 2015 wurde die baufällige Kirchenmauer saniert, 2017 wurden der Turm und der Westgiebel geweißelt.

Was breite Wagen und der Schwerlastverkehr anrichten in Drößling, ist deutlich zu sehen. An der Kirchenmauer haben Busse blaue Lackspuren hinterlassen, und an vielen Stellen sind private Holzzäune kaputt. "Die Eigentümer haben gar keine Lust mehr, sie zu reparieren, weil sie kurze Zeit später wieder ramponiert sind", sagt Dreyer.

An der Kirchenmauer ist ein Schild angebracht zur Erinnerung an die Eingemeindung Drößlings nach Seefeld im Jahr 1972. "Die Seefelder haben uns das seinerzeit damit schmackhaft gemacht, dass sie uns versprochen haben, Grundstück, Geld und Material für den Bau eines Schützenheims zur Verfügung zu stellen", erinnert sich Dreyer. Denn seitdem das Dorfwirtshaus Biechele 1969 geschlossen worden war, waren die Bavaria-Schützen heimatlos. Das Versprechen wurde gehalten. Am Ortsrand, in der Höhenbergstraße, entstand ein Gebäude, das mit viel Eigenleistung der Schützen gebaut wurde. Das sollte sich später rächen. Die Sanierung des Schützenheims samt der beliebten Pizzeria La Fattoria kam doppelt so teuer als geplant. Mehr als eine Million Euro musste die Gemeinde Seefeld zahlen. Unter anderem deshalb, weil das Gebäude auf einer Schutthalde gebaut worden war und abzusacken drohte.

Einer der Lieblingsplätze von Johann Dreyer ist die Streuobstwiese am Riegelackerweg. Seit zehn Jahren bewirtschaftet der Gartenbauverein mit seinen 140 Mitgliedern die Fläche. Verschiedene Apfelsorten, Birnen, Zwetschgen, Kirschen, Holler, Pfirsiche, Johannisbeeren und Sanddorn werden dort angebaut und brauchen viel Pflege. Das meiste Obst wird zu Saft verarbeitet.

Zurück auf der Starnberger Straße fällt das große Plakat an einer Hauswand auf. Gerade wird für Mineralwasser geworben. Die Tafel stört das Ortsbild, meint Dreyer. Die Gemeinde habe es auch verboten, aber das Verwaltungsgericht war anderer Meinung.

Wieder kommt ein Bus, wieder wird es sehr eng. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Für einen Gehweg wollen nicht alle Anlieger Grund abtreten, für den Ausbau der Straße müssten alle zahlen. Wenn die Ferien zu Ende sind, wird auch der Verkehr durch das Dorf wieder mehr. Johann Dreyer, Anna Schauer und Elisabeth Kranjc möchten trotzdem nirgendwo sonst leben. Es ist der Zusammenhalt, der den kleinen Ort lebens- und liebenswert macht, "die gute Nachbarschaft", sagt Schauer. Früher sei es sogar üblich gewesen, dass jeder jedem zum Geburtstag gratuliert hat.

Viel gewachsen ist Drößling nicht in den vergangenen Jahrzehnten. Für die Jungen ist es schwierig, Wohnungen zu finden. Nun sollen am südlichen Ortsausgang am Eichtalweg etwa zehn Häuser gebaut werden. Eins der Grundstücke gehört Johann Dreyer. Er will dort bauen für eine seiner drei Töchter. Sie will unbedingt wieder zurück in ihr Heimatdorf.

Am Sonntag, 9. September, findet der "Tag des offenen Denkmals" statt. Auch die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt kann an diesem Tag von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Mesner Matthias Wenig bietet um 14.30, 15.30 und 16.30 Uhr Führungen an. Kontakt: Telefon 0173/3909486 oder E-Mail matthiaswenig74@gmail.com

© SZ vom 31.08.2018

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