Süddeutsche Zeitung

Seit 100 Tagen im Amt:Die Wogen geglättet

Der Starnberger Bürgermeister Patrick Janik erweist sich als Teamplayer im Rathaus und beendet den Hickhack und die Ewigkeitsdebatten im Stadtrat. Von seiner Vorgängerin erbt er allerdings viele Probleme

Von Peter Haacke, Starnberg

Wenn es etwas gäbe, um das Starnbergs Bürgermeister zu beneiden ist, dann wäre es zweifelsohne seine Amtsstube: Über die Dächer der Stadt hinweg genießt der Betrachter vom Schlossberg aus eine grandiose Aussicht auf See und Alpenpanorama. Geradezu unaufdringlich wirkt die Erhabenheit und schlichte Schönheit des Voralpenlandes. Diese Kriterien könnten auch maßgeblich gewesen sein für die Gestaltung des Bürgermeisterbüros: Patrick Janik, seit 1. Mai Chef im Rathaus, hat auf-, aus- und umgeräumt. Sachlich und funktional wirkt nun das Arbeitszimmer mit dem hölzernen Schreibtisch, der nicht einmal 500 Euro gekostet hat. Neben dem Monitor liegen Unterschriftsmappen, an der Wand hängen zwei Bilder und ein Fernseher, der Besprechungstisch ist leer. Und in der Ecke steht ein Wimpel mit dem Starnberger Stadtwappen - ein Geschenk zum Amtsantritt von Altbürgermeister Ferdinand Pfaffinger.

Die geradezu karg anmutende Büroausstattung des Bürgermeisters, der nun seit 100 Tagen im Amt ist, spiegelt in gewisser Weise die Gesamtsituation der 23 500 Einwohner zählenden Kreisstadt wider. Schon vor Corona waren die Kassen leer und die Rücklagen verprasst, erwartete Steuerausfälle schränken den Gestaltungsspielraum der Kreisstadt in den nächsten Jahren weiter ein. Binnen acht Wochen musste der mehrere hundert Seiten umfassende Haushalt unter schwierigen Bedingungen komplett überarbeitet werden, der Stadtrat zog mit: Starnberg wird Schulden in Millionenhöhe machen müssen, um seine Pflichtaufgaben zu erfüllen. "Große Sprünge werden wir nicht mehr machen können", weiß Janik. "Wir müssen unser Ausgabeverhalten überdenken. Wünsch-Dir-Was wird nicht länger funktionieren."

Etwas mehr als drei Monate ist der 44-jährige Jurist nun im Amt - Zeit für eine erste Bilanz. Bei den Kommunalwahlen am 15. März hatte Janik sich gleich im ersten Wahlgang als gemeinsamer Kandidat von CSU, UWG, SPD und BLS deutlich mit 51,7 Prozent der Stimmen gegen die bisherige Amtsinhaberin Eva John durchgesetzt. Und von Beginn an war Janik klar, dass er - neben leeren Kassen - viele weitere Probleme erben würde: die Klage der Deutschen Bahn gegen die Stadt über 170 Millionen Euro Schadenersatz, das heikle Einheimischenmodell am Wiesengrund, das strittige Gewerbegebiet Schorn, die Raumnot im Rathaus, den schwächelnden Einzelhandel, die vertrackte Verkehrssituation. Hinzu kommt noch das marode Musikschulgebäude, dessen Sanierung absurd teuer wäre. Und das alles in ungewissen Zeiten der Corona-Pandemie.

Bislang arbeitete Janik als Rechtsanwalt selbständig. Nun aber, als Bürgermeister mit einer 60-Stunden-Woche, muss er Aufgaben delegieren an die Mitarbeiter der Verwaltung, auf die er sich verlassen muss. Die allerdings "haben mir den Einstieg auch sehr leicht gemacht", sagt Janik. Ohnehin sei die Stimmung im Rathaus nun wesentlich entspannter als in vergangenen Jahren, verrät augenzwinkernd eine Mitarbeiterin. Das mag daran liegen, dass die Verwaltung ihre Aufgaben nun kompetent und selbständig wahrnimmt. Doch auch Anrufe und Anfragen von Bürgern - so die Vorgabe des Rathaus-Chefs - werden schnellstmöglich beantwortet. "Das muss nicht alles über meinen Schreibtisch laufen", sagt Janik, "ich muss nicht jede Baustelle persönlich abzeichnen". Auch die Kommunikation mit Ämtern und Behörden soll besser werden: Janik müht sich, in Zusammenarbeit mit Polizei, Landratsamt oder Staatlichem Bauamt wieder ein solides Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Einen Stilwechsel gab es auch im politischen Tagesgeschäft. 15 Sitzungen - darunter vier Stadtratssitzungen - hat Janik bislang unaufgeregt und souverän geleitet. Er machte schnell klar: Die Zeiten verletzender Attacken, ungerügter Pöbeleien und Beleidigungen sind vorbei. Die meisten Fraktionen loben die Vorbereitung durch die Verwaltung und die sachliche Arbeitsatmosphäre im Gremium, die zuweilen auch ihre heiteren Momente hat. Zudem erweisen sich die monatlichen Besprechungen der Fraktionsvorsitzenden, die Janik wieder eingeführt hat, als pragmatisches Instrument zur Entscheidungsfindung. Ausufernde Debatten mit endlosem Gesprächsbedarf bis Mitternacht hat es bislang nicht gegeben. Kein einziges Mal, bemerkt Janik nicht ohne Stolz, habe der Stadtrat länger als bis 23 Uhr getagt. Hat er aber sonst etwas falsch gemacht? In der Eigenreflexion seiner 100-Tage-Bilanz fällt Starnbergs Bürgermeister jedenfalls nichts ein. Nur einen einzigen, allerdings zaghaften Vorwurf hat Janik bisher vernommen: Die Sitzungen seien unter seiner Leitung langweiliger geworden.

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SZ vom 10.08.2020
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