Gepflanzt im 18. Jahrhundert:Allee der Eichen-Hocker

Der Künstler Andres Kloker plant eine außergewöhnliche Performance an der denkmalgeschützten Baumreihe zwischen Weßling und Seefeld. Dazu hat er einen mehr als 250 Jahre alten Stamm bearbeitet.

Von Armin Greune

Sein künstlerisches Schaffen präsentiert sich extrem vielseitig: Andreas Kloker ist für seine Elementarzeichnungen, Performances und Installationen bekannt. Wenn er aber Greifbares produziert - egal, ob aus Stein, Holz, Stahl, Glas oder Keramik - sind seine Arbeiten stets von Respekt gegenüber den Materialien geprägt. Für das Holz aber, das er gerade verwendet, empfindet er besondere Verehrung: Schließlich stammt es von einer Eiche, die mehr als ein Vierteljahrtausend in der Allee zwischen Seefeld und Weßling gewachsen ist. Und Zeit war schon immer ein zentraler Faktor, mit dem sich der Künstler in seinem Werk befasst.

Aus Eichenstamm schnitzt Kloker Hocker

Mit Flex und Säge bearbeitet Andreas Kloker das Eichenholz.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

2014 musste der marode Baum mit einigen Artgenossen gefällt werden, weil sie zum Risiko für den Verkehr geworden waren. Sechs Jahre hat sich Kloker Zeit gelassen, um sich mit dem Holz auf seinem Grundstück in Schondorf gedanklich auseinanderzusetzen, bis sich nun die Möglichkeit ergab, es just am Ort seiner Entstehung sinnstiftend einzusetzen. Zu den Feiern anlässlich des 250-jährigen Bestehens der denkmalgeschützten Allee will der Künstler eine Performance beitragen. Nachdem der ursprüngliche Termin für das Geburtstagsfest am 13. Juni pandemiebedingt fallen gelassen wurde, soll es nun am 3. Oktober nachgeholt werden.

Kloker plant dazu, entlang der Allee etwa 80 grob behauene Hocker zu installieren, die in Rufweite von einander entfernt postiert sind. An ihnen entlang soll eine Art "Wortstaffellauf" stattfinden: Der Künstler will über die 2,8 Kilometer lange Strecke einen Text wandern lassen und so auch "bewusst machen, wie viel Bewegung im Wort Allee steckt". Vorgesehen war eigentlich, an jedem Baum einen Hocker aufzustellen. "Aber ich habe die Arbeit wohl ein bisserl unterschätzt," sagt Kloker.

Denn es sind 550 Stieleichen, die entlang der Straße wurzeln, insgesamt hat das Staatliche Bauamt Weilheim einschließlich der Abzweigung nach Gut Delling sogar 685 Bäume gezählt und in einem Pflegewerk erfasst. Aufgrund der Stammumfänge geht Monika Hoyer, Landschaftsplanerin im Bauamt, davon aus, dass knapp die Hälfte der Eichen schon im 18. Jahrhundert gepflanzt wurden.

Aus Eichenstamm schnitzt Kloker Hocker

Abschließend bringt Kloker ein Brandzeichen an.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Material, das Kloker nun seit gut einem Monat bearbeitet, stammt von Baum Nummer 316. Einer Expertise des Physikers Andreas Best zufolge weist allein das Kernholz 255 Jahresringe auf, sie muss also um das Jahr 1740 gekeimt sein, drei Jahrzehnte bevor die Allee angelegt wurde. Einige 1,20 Meter durchmessende Stammabschnitte der Eiche hat der Künstler auf Vermittlung der Landschaftsarchitektin Almuth Boedecker zur Verfügung gestellt bekommen; um sie abzutransportieren musste er einen Radlader und einen Laster einsetzen. Die übrigen Teile des Baumveteranen wurden im Feld neben der Straße belassen, um als Brutmeiler für Insekten wie den Hirschkäfer zur Verfügung zu stehen.

Seine etwa einen halben Meter hohen Stammscheiben spaltet Kloker erst mit der Axt und Keilen, mit der Kettensäge formt er daraus quadratische oder dreieckige Klötze, die er mit acht Schnitten einkerbt. Es ist ihm wichtig, den Materialverlust zu minimieren: "So weit wie möglich verwende ich auch die morschen Stellen", sagt Kloker, "schon aus Ehrfurcht vor dem Baum." An die 70 Hocker sind im Rohschnittfertig. Anschließend glättet er Oberflächen und Kanten mit dem Beil und der Schleifmaschine. Zum Schluss veredelt der Künstler seine Skulpturen mit glühenden Eisen: Unter den römischen Zahlen MDCCXL, dem Geburtsjahr des Baumes, drückt er einen Stempel mit der Silhouette eines Hirschkäfers ins Holz. Das Brandeisen dafür hat er selbst mit der Flex aus Stahl geschnitten.

Seefeld Eichenallee

An der Straße nach Seefeld stehen etwa 550 Stieleichen.

(Foto: Georgine Treybal)

"Hocker sind für mich schon immer irgendwie ein Thema", sagt Kloker. 2011 versammelte er eine Gruppe von Sitzgelegenheiten für eine Ausstellung im Tagungssaal des Schondorfer Rathauses. Dazu nahm er Bretter, die bei der Erneuerung der Uferbefestigung an der Schondorfer Seeanlage als abfall anfielen. Er bündelte sie mit Stahlreifen zu Oktaedern, schnitt sie zu Hockern zurecht, die er mit der Jahreszahl MCM versah.

Einen Teil des Holzes hatte Kloker schon Mitte der 1990er-Jahre in dem Spielschiff verbaut, dass er gemeinsam mit seinem Bruder Erwin für die Seeanlage konstruiert hat. Dort stehen heuer geringfügige Ausbesserungen an, doch die Uferbefestigung muss gerade schon wieder erneuert werden. Und Partien des um 1900 am Ammersee verbauten Holzes waren 2008 bei einer Installation von Kloker im Dießener Blauen Haus zu sehen, die mit gepressten Bündeln und vielen Dias das Leben von Baum und Holz illustrieren sollte. Verwundert es da noch, dass das Wohnhaus, das er 1975 auf seinem Grundstück in Schondorf selbst gebaut hat, unter anderem recycelte Teile des Glockenstuhls der Hechendorfer Kirche enthält?

Aus Eichenstamm schnitzt Kloker Hocker

In den Hockern des Schorndorfer Künstlers steckt viel kostbares Material.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auch in seinen archaisch anmutenden Hockern steckt nicht nur einiges an Arbeit, sondern vor allem kostbares Material, findet der Künstler. Deshalb ist ihm auch wichtig, dass ihr Wert nachhaltig geschätzt wird. Nach der Installation am 3. Oktober will Kloker einen Teil seiner Werke an die Baumpaten der Seefelder Allee günstig abgeben. Die übrigen stehen zum Verkauf.

© SZ vom 02.08.2021
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