Von „Liebesgedichte zum Valentinstag“ untertitelten die Veranstalter von Räsonanz Seefeld den Abend „Amore Amore Amore“ im wieder einmal sehr gut besuchten Seefelder Peter-und-Paul-Saal. Ob es diesen ominösen Märtyrer Valentinus tatsächlich jemals gegeben hat, ist nicht gesichert. Dennoch etablierte er sich als eine Art Patron der Liebenden. Was dem Handel nur recht ist, generiert er doch geschickt beworben ordentlich Umsatz zwischen Weihnachten und Ostern. Ein kluger Schachzug, sich die Liebenden als Zielgruppe auszusuchen, liegt doch der Beziehungsknatsch förmlich in der Luft, sollte sich jemand dem Anlass verweigern, großzügige Geschenke zu machen.
Mit Tradition hat das aber nichts zu tun, denn die ist schon seit dem späten Mittelalter mit der romantischen Liebe assoziiert und bedient sich seit jeher zur Liebesbekundung der Dichtkunst. Ein klarer Fall für das kürzlich erfolgreich erprobte Veranstaltungsformat „Jazz und Lyrik“, auch wenn Jazz in dem Fall dem Anlass nur bedingt Rechnung trug. Trotz „When a man loves a woman“, „You are nobody till somebody loves you“ oder „There will never be another you“. Lyrik ist zwar eng mit der Musik verbunden, ist sie doch schon nach dem begleitenden Instrument, der Lyra, benannt. Aber insbesondere im Fall der Liebeslyrik geht es vielmehr ums Genre Lied, zumal in der Frühzeit tatsächlich mit dem Liebeslied gleichzusetzen.
In bildlichen Darstellungen der Antike ist die Dichterin Sappho daher stets mit der Lyra ikonografisch ausgestattet. Tatsächlich hätte die in Seefeld ansässige Sopranistin Christiane Vetter die bedingungslose und leidenschaftliche Hingabe an die Liebe in der Poesie Sapphos besingen können, aber auch ihre emotionale Rezitation gab eine überzeugende Vorstellung von der brennenden Begierde. Reinste Sprachmusik erklang schon im ältesten erhaltenen Liebeslied überhaupt, das in sumerischer Keilschrift in eine Tontafel geritzt ist und von einer Frau aus Schusuena Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. gedichtet worden war. Da griffen die Programmmacher um Cordula Kaub, die sich offenbar bei Räsonanz der Dichtung federführend angenommen hat, weit vor die Zeit des Valentinus zurück.

Auch sonst verriet die Auswahl mehr Bauchgefühl als ein fachkundiges Konzept. Brachte doch Tausendsassa Sebastian Schmidinger – Kontrabassist, Moderator und Rezitator – auch seinen Lieblingsautor Oskar Maria Graf mit seiner Liebe zur verlorenen Heimat ins Spiel, kostete zudem Queris spaßiges „Wann ich auf der Strass’n schlafen tät“ in dessen literarischem Bayerisch aus. Die großen Epochen der Liebeslyrik fehlten indes: angefangen vom leidenschaftlichen Minnesang des Mittelalters über die kokette Zeit des Rokoko bis zu den verklärend-philosophischen Epochen der Empfindsamkeit sowie der Romantik.
Was nicht heißen soll, dass hier keine Highlights der Liebeslyrik zu hören waren. Der großen „Klassiker“ Heine („Auf Flügeln des Gesanges“) und Goethe („Blumengruß“, Gretchen-Text aus „Faust“), aber auch der tiefschürfenden modernen Dichter wie Georg von der Vring und Bertolt Brecht nahm sich der in Weßling lebende Theatermacher und Sprecher Frank Hellmund mit Zurückhaltung an. Die Sprache der Dichter sollte für sich stehen, entfaltete dadurch auch klare und deutliche Bilder. Den größten Raum sollte der Lyrik von der Moderne bis zur Gegenwart überlassen werden. Der Dichtkunst, die uns entsprechend näher steht und dem Thema Liebe auf vielfältige Weise begegnet. Exemplarisch dafür allein schon das von Vetter entsprechend nüchtern vorgetragene Gedicht „Erkläre mir Liebe“, in dem sich Ingeborg Bachmann im Perspektivwechsel übte und zu breit gefächerten Sichtweisen gelangte.

Gioconda Belli macht in ihrer Liebeslyrik indes keinen Hehl daraus, dass ihre Liebesvorstellung viel mit prickelnder Erotik und leidenschaftlicher sexueller Befriedigung zu tun hat. Allerdings blieb die Nicaraguanerin in „Definitionen“ und „Dich bereisen“ der lateinamerikanischen Tradition der blumigen Sprachvirtuosität treu, die auch Vetter lustvoll zelebrierte. Dass gerade der Blickwinkel einer Frau die gewagtesten Bilder evozierte, machte das Programm deutlich pikanter.

Die jüngste Gegenwart vertrat hier eine junge Lyrikerin persönlich: Anna Münkel – natürlich nicht ohne Hut. Wer die Sprachkunst der 21-Jährigen kennt, erahnte schon, dass ihn keine Schwärmerei mit Schmetterlingen im Bauch erwartete. Münkels Liebesgedichte wie „Nur ein Zug von Dir“ oder „Bis unter die Haut“ überzeugten vor allem mit raffinierten Metaphern und Gleichnissen, aber auch mit erstaunlicher sprachlicher wie menschlicher Reife. Oft reichen ihr nur wenige Worte, um zu einer wirkungsvollen Pointe zu gelangen, die mehr sagt als unzählige gereimte Verse. „Stille Worte im Paradies“ durfte indes nicht an Worten sparen: Der Missbrauch von Gefühlen in einem sexuellen Übergriff und einer Vergewaltigung wirkte zwischen all den Liebesbekundungen etwas befremdlich, doch gerade deshalb nicht deplatziert. Dieses Thema darf keine Tabus kennen und gehört immer dorthin, wo es am meisten verstört. Die Botschaft kam auch an.

