bedeckt München 29°

Freizeit im Fünfseenland:Auftakt ohne Badegäste

Die Campingplätze dürfen wieder öffnen, doch über das vorgeschriebene Hygienekonzept können die Betreiber am Pilsensee nur den Kopf schütteln. Auch Zelten ist verboten.

Rechtzeitig zu den Pfingstferien darf in Bayern wieder gecampt werden. Darüber freuen sich Betreiber wie Gäste. Eigentlich. Denn die Vorgaben des Freistaats sind, gelinde gesagt, widersprüchlich und die Verunsicherung bei Betreibern und Gästen ist groß. Armin Elbs, Geschäftsleiter des Rentamts Graf zu Toerring, bringt es auf den Punkt: "Bei uns klingelt nur das Telefon, nicht die Kasse."

Laut dem "Hygienekonzept Beherbergung" muss jeder Wohnwagen und jedes Wohnmobil "über eine eigene Sanitäreinrichtung" verfügen. Das heißt im Umkehrschluss, dass Zelten auf dem Campingplatz verboten ist. Andererseits dürfen die Gäste, die Zutritt erhalten, sehr wohl die Gemeinschaftssanitäreinrichtungen nutzen.

Darüber können Elbs, Liegenschaftsverwalter Martin Zerhoch und Cajetan Graf zu Toerring-Jettenbach, Besitzer des Campingplatzes Pilsensee, nur den Kopf schütteln. Elbs: "Wir dürfen nur Gäste hereinlassen, die eigene Sanitäranlagen haben, sie müssen sie aber nicht nutzen." Wer keine hat, muss draußen bleiben." Noch unverständlicher sei das, weil das Sanitärgebäude auf dem Campingplatz erst aufwendig saniert wurde. Es gibt nur Einzelduschen und sogar Mietbäder.

Seefeld: Pilsensee Campingplatz

Anja Zobel vom Silver Beach am Campingplatz am Pilsensee hat sich einen Caravan mit Spiegeloptik besorgt, um dem Andrang im Restaurant Herr zu werden.

(Foto: Nila Thiel)

Auch Tagesgäste, die nur zum Baden auf das Gelände wollen, dürfen nicht eingelassen werden. "Das wäre uns im Moment auch zu riskant", sagt Graf zu Toerring-Jettenbach. Dazu kommt der Aufwand der Registrierung aller Besucher. Darum werden vorerst nur Gäste aufgenommen, die vorab einen Platz reserviert haben. Das gilt im Übrigen für alle Campingplätze im Fünfseenland, wie die Anlagen am Wörthsee, in Seeshaupt am Starnberger See oder in Utting am Ammersee.

Trotz aller Aufklärung befürchten die Betreiber einen großen Andrang auf ihre Plätze. Zum einen, weil Camping und Zelten "ein wachsender Markt ist" sagt Elbs. Zum anderen, weil Ministerpräsident Markus Söder immer wieder betont, wie schön der Urlaub in Bayern sei - und weil jedes Bundesland andere Regeln hat. "Der Berliner, der morgen mit seinem Bus ohne Sanitäranlagen vor unserem Tor steht, darf nicht rein, obwohl er davon ausgeht. Campt der dann im Wald?", fragt Elbs. Die Leidtragenden seien die Platzwarte, die Gäste abweisen müssten. Und wie geht es überhaupt weiter? Gelten die strengen Auflagen und Hygienevorschriften nur vier Wochen, den ganzen Sommer oder auch nächstes Jahr? Cajetan Graf zu Toerring-Jettenbach: "Wie soll ein Unternehmen da planen?"

Vernunft statt Verbote

Die Schiffe legen wieder ab, Biergärten und Strandbäder öffnen, das Wetter soll bis Pfingstmontag immer besser werden. Polizei und Landratsamt erwarten zum Auftakt der Ferien viele Ausflügler - denn pandemiebedingt dürfte bei vielen Besuchern und Einheimischen die Devise "Urlaub dahoam" lauten. Die Tourismusgesellschaft des Landkreises GWT versucht, den Ansturm zu lenken. Ein Liveblog auf deren Internetseite soll rund um die Uhr über die aktuelle Situation informieren - etwa, wenn Parkplätze wegen Überfüllung geschlossen werden oder die maximale Besucherzahl im Strandbad erreicht ist. Die Adresse lautet www.starnbergammersee.de/service/ausflugs-ticker. Nach einem Spitzengespräch habe man sich gegen eine harte Linie etwa mit Verboten entschieden, sagt Landrat Stefan Frey (CSU): "Wir appellieren zunächst an die Vernunft der Menschen, die Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten." Einige Gemeinden hätten etwa Hinweisschilder und mehr Toiletten aufgestellt. Die Polizei werde an Ausflugszielen verstärkt kontrollieren, Strafzettel schreiben, an Maskenpflicht und Mindestabstand erinnern. sz

Seit dem Lockdown sei man nur am Stornieren gewesen, sagt Zerhoch. Jetzt musste jeder, der einen Platz gebucht hatte, nach den sanitären Anlagen gefragt werden. Das E-Mail-Fach quillt über, ständig klingelt das Telefon. Das Personal im Rentamt sei gleich geblieben, doch die Einnahmen fehlten.

Etwa fünf Millionen Euro hat die Gräfliche Familie in den vergangenen Jahren in den Campingplatz Pilsensee investiert. Das Sanitärgebäude wurde saniert, die Zeltwiese mit Strom versorgt, das Restaurant überdacht, die Stege wurden erneuert, der Kiosk und die Rezeption vergrößert. Allein der Lärmschutzwand an der Staatsstraße habe 100 000 Euro gekostet, sagt Elbs.

Zumindest hungern müssen die Campingplatzgäste - für die natürlich die üblichen Hygiene- und Abstandsregeln gelten - nicht. Das Restaurant Seehaus direkt am Pilsenseeufer hat geöffnet (und bedient auch Nicht-Camper), und der Kiosk macht an diesem Samstag auf. Er wird, ebenso wie der kleine Shop auf dem Gelände, von der Familie Zobel betrieben.

Trotz aller Einschränkungen und Unsicherheiten ist Graf Toerring-Jettenbach am wichtigsten: "Wir wollen, dass sich unsere Gäste sicher fühlen und ihre Freizeit genießen."

© SZ vom 30.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite