Ist eine Benefizveranstaltung im weiten Kontext der Migration gefragt, ist man mit einem klassischen Konzert im Grunde mit jedem Komponisten gleich mitten im Thema. Und mit vielen Interpreten ebenso, jedenfalls mit dem usbekischen Pianisten Evgeny Konnov, der am Freitagabend im Sudhaus des Schlosses Seefeld auftrat. Der 33-Jährige studierte in Russland und Deutschland, ist weltweit unterwegs und in Augsburg als Dozent tätig. Wohl in keinem anderen Betätigungsfeld funktioniert die Integration seit jeher so gut wie im künstlerisch-kulturellen Bereich, denn die Begabung und das Können stehen im Vordergrund.
Den Beiträgen der Gäste auf dem Podium nach klappt es in Bayern und im Fünfseenland auch bei allen anderen Migranten mit der Integration bestens. Was eine kurze Diskussion zwischen dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Karl Straub, dem Starnberger Landrat Stefan Frey (CSU) und dem Gründer und Vorsitzenden der Initiative „Raumgeben“ Georg Strasser hätte vorab werden sollen, entpuppte sich allerdings eher als ein gegenseitiges Schulterklopfen. Dass da bei Weitem nicht alles in Ordnung ist, machten Rückfragen und Anmerkungen von der zweiten Vorsitzenden des Veranstalters „Kultur im Schloss Seefeld“, Brigitte Altenberger, auf dem Podium und aus dem Publikum deutlich - sie wurden aber als kleine Schönheitsfehler lapidar abgehakt.
Das Bild zu trüben, wo es doch darum ging, die Initiative „Raumgeben“ als Wohnraumvermittler für schwer vermittelbare wohnungssuchende Geflüchtete zu fördern, wäre tatsächlich widersinnig gewesen. Den Werbeblock als eine Podiumsdiskussion zu tarnen, hinterließ aber dann doch einen unnötigen Beigeschmack. Ganz anders der künstlerische Beitrag von Konnov, der schließlich dafür gesorgt hat, dass kein Stuhl im Publikum unbesetzt blieb und es in der Spendenkasse vielversprechend raschelte. Mit der Wahl von Franz Liszt als Komponisten des Abends präsentierte er einen Migranten par excellence. Liszt bekam auch als Sohn eines westungarischen Verwaltungsbeamten und Musiklehrers sowie eines österreichischen Stubenmädchens– anders als es heute hierzulande wäre – seine Bildungschance und wechselte seinen Lebensmittelpunkt mehrmals zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Ungarn, und Italien. Als gefeierter Pianist war er in ganz Europa unterwegs. Die Wohnraumsuche war für ihn sicher kein Thema, zumal genügend davon vorhanden und Liszt durchaus vermögend war.
Nicht nur die vielen internationalen Auszeichnungen, die Konnov errungen hat, versprachen einen virtuosen Abend. Die „12 Études d’exécution transcendante“, also Übungsstücke mit steigendem Schwierigkeitsgrad, sind natürlich nicht für Klavierschüler gedacht als vielmehr für Meister des Fachs, die nach den höchsten pianistischen Weihen streben. Wie eben Konnov, der nicht nur über eine überragende Spieltechnik verfügt, sondern auch über die nötige Kraft und Kondition, den Werkzyklus bis zum letzten Ton ohne Leistungsabfall durchzustehen. Und mehr als das: Der Jubel vor der Pause und zum Konzertschluss bewog ihn dazu, noch zwei ausgedehnte Zugaben zu spielen.
Brillant und präzise bis zum Schluss
Zur Beruhigung der Gemüter zunächst eine innig beseelte Bearbeitung eines Bach-Präludiums h-Moll von Alexander Siloti (1863–1945), einem Cousin von Rachmaninow und Schüler unter anderem von Anton Rubinstein, Tschaikowski und Liszt. Dass er aber zum Schluss noch die Kraft und die Konzentration besaß, die halsbrecherische Fantasie über Themen aus Bizets Oper „Carmen“ von Wladimir Horowitz so atemberaubend brillant und präzise zu schmettern, war schon absolut erstaunlich.
Liszt hat seine Kompositionen stets an seinen eigenen pianistischen Fähigkeiten ausgerichtet, was die entsprechenden Rückschlüsse auf seine Meisterschaft erlaubt. Die ist vielfach auch schriftlich als legendär überliefert und die Etüden spiegeln die Einschätzung wider. Bei all der Virtuosität und Bravour überhört man leicht, dass es bei diesen durchaus für den konzertanten Vortrag gedachten Stücken auch um musikalische Qualitäten geht. Es ist schon eine enorme Herausforderung die akrobatischen Fingerkapriolen einer feinsinnigen Durchbildung zu unterziehen und etwa rasende Figurationen unvermittelt ins liebliche Pianissimo ohne Tempoverlust zurückzunehmen oder Abfolgen von klotzigen Akkorden plastisch wie eine quellende und schrumpfende Masse zu modellieren. So unangestrengt, wie Konnov dabei wirkte, hätte man ihm sogar alle 24 Etüden zugetraut – wenn sie Liszt denn auch wie vorgesehen durch alle Moll- und Dur-Tonleitern ausgeführt hätte.

