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Landkreis Starnberg:Riesiger Streit um neue Klinik

Ein Standort für das Seefelder Krankenhaus

An der Hechendorfer Bahnhofstraße (im Hintergrund der Friedhof Lindenallee) könnte sich der Landkreis Starnberg den Neubau einer kommunalen Klinik vorstellen. Doch zunächst muss sich der Seefelder Gemeinderat mit der Standortfrage befassen. Für ein 200-Betten-Haus werden 25 000 Quadratmeter Grund gebraucht. Die Bürgerinitiative Eichenallee und der örtliche Bund Naturschutz haben sich bereits dagegen positioniert und eine Online-Petition gestartet.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Bislang war der Standort geheim: Nun soll das Krankenhaus im Landschaftsschutzgebiet entstehen. Naturschützer wollen das mit einer Petition verhindern.

Von Astrid Becker und Christine Setzwein

Die Katze ist aus dem Sack: Im Seefelder Ortsteil Hechendorf, unterhalb des Friedhofs Lindenallee an der Bahnhofstraße, will der Landkreis eine neue Klinik mit etwa 200 Betten bauen. Das bestätigen Landrat Stefan Frey (CSU) und der Geschäftsführer der Starnberger Kliniken, Thomas Weiler. Der Seefelder Gemeinderat wird sich am kommenden Dienstag mit dem Standort beschäftigen, der die Schindlbeck-Klinik in Herrsching und das Krankenhaus in Seefeld ersetzen und vereinen soll. Weiler und Frey hoffen auf Zustimmung. "Wir brauchen ein politisches Votum und eines der Bürger", sagt der Landrat. Sonst könne die medizinische Versorgung der Menschen im westlichen Landkreis nicht gewährleistet werden. Weiler formuliert es drastischer: "Dann wird es keine medizinische Versorgung dort mehr geben" - mit Blick auf Proteste gegen den Neubau, die sich bereits im Ort formieren.

Die Bürgerinitiative Eichenallee (BI) und die Ortsgruppe des Bund Naturschutz (BN) haben unter dem Motto "Kein Klinikneubau im Landschaftsschutzgebiet" eine Online-Petition gestartet, ohne den genauen Standort zu nennen. Die Planung spitze sich aber "auf einen Bauplatz im Landschaftsschutzgebiet" zu. Das Bündnis warnt vor einer Zerstörung der Kulturlandschaft, einem ungebremsten Flächenfraß und schwerwiegenden ökologischen Folgen. "Ein 200-Betten-Haus wird unseren Ort für immer verändern und hin zu einer Verstädterung treiben", sagt BN-Vorsitzende Constanze Gentz, deren Mann Ortwin für die BI im Gemeinderat sitzt und von dem Projekt in nichtöffentlicher Sitzung am Dienstag, in der auch Landrat Frey und Klinikchef Weiler waren, genaue Kenntnis erhalten hat.

Seefeld: Chirurgische Klinik; Dr. Rudolf Frank

Die kommunale Klinik wäre als Ersatz für die Krankenhäuser Seefeld (hier im Bild) und Herrsching gedacht.

(Foto: Nila Thiel)

Auf der Homepage des Grünen-Ortsverbands steht noch eine Fotomontage mit einem sechsstöckigen Gebäude an der Eichenallee. Diesen Standortort favorisierte die Gemeinde Seefeld vor vier Jahren für einen Klinikneubau, scheiterte aber damit bei den Bürgern und am Veto der Regierung von Oberbayern. An der Online-Petition gegen den neuen Standort haben sich die Grünen aber nicht beteiligt, obwohl auch sie gegen den Neubau im Landschaftsschutzgebiet seien, schreibt Vorstand Elke Schubert. "Wir halten eine Petition so lange für verfrüht, so lange die demokratischen Abstimmungen noch laufen."

Seefelds Bürgermeister Klaus Kögel (CSU) hält die Petition für eine "präventive Eskalation". Er hatte eigentlich ein "Hauen und Stechen" verhindern wollen. Ursprünglich sei vereinbart worden, dass bis zur öffentlichen Sitzung Stillschwiegen bewahrt werde. Alle Bemühungen und die viele Arbeit, die in die Standortsuche und in Gespräche mit Grundstückseigentümern gesteckt worden sei, "wird nun zerschossen", so Kögel.

In der Sitzung am kommenden Dienstag werden die sieben bislang untersuchten Standorte vorgestellt. Dazu gehörten laut Landrat Frey das Areal an der Eichenallee, das aber "verbrannt" sei, die "Kiebitzwiese" in Hechendorf ("zu nah am Aubachtal"), ein Grundstück bei den Asylcontainern in Oberalting ("nicht verkäuflich") und der Acker beim Friedhof Lindenallee. Dieser habe den Vorteil, dass er weit weg vom Aubachtal und am Ortsrand sei. Für den Neubau sei eine Fläche von 25 000 Quadratmetern nötig. Der Bedarf für eine Klinik im westlichen Landkreis sei vom Gesundheitsministerium bestätigt worden.

"Wir haben derzeit mit beiden Kliniken 192 Betten, der Bedarf ist vom Ministerium nicht gekürzt worden, was eher ungewöhnlich ist", sagt Klinikchef Weiler, den die Petition der Naturschützer regelrecht aufbringt. "Das ist der totale Wahnsinn und schlimmste Demagogie", wirft er den Initiatoren vor. Diese hätten wie die Grünen den Wunsch, dass alles bleibe, wie es sei. "Das aber ist unmöglich, weil wir unter den jetzigen Umständen bald gar keine Patienten in der Notfallversorgung mehr behandeln können." Er begründet dies mit Vorgaben, die erfüllt werden müssten: "Wir haben für viele Leistungen nur eine Übergangslösung genehmigt." So dürfe keine der beiden Kliniken für sich genommen, weder Herrsching noch Seefeld, Notfälle behandeln: "Machen wir es trotzdem, werden diese Leistungen am Patienten nicht vergütet und sogar Strafabschläge fällig." Deshalb sei die Zusammenlegung sinnvoll und auch der Neubau, weil "wir ja dafür bestimmte Abteilungen brauchen".

Ausverhandelt

Ein geplanter Standort für einen Klinikneubau scheint vom Tisch zu sein: an der Seefelder Straße in Herrsching. Dort war ursprünglich auch der Bau des neuen Gymnasiums angedacht. Doch dieses Vorhaben scheiterte an den Grundstückseigentümern, mit denen sich der Landkreis nicht einigen konnte. Auch für den möglichen Klinikneubau an dieser Stelle bot der Landkreis erneut 70 Euro pro Quadratmeter an. Auch diesmal konnte dem Vernehmen nach keine Einigung erzielt werden. Derzeit sind die Grundstücke an der Seefelder Straße daher nicht mehr als möglicher Standort im Gespräch. ABEC

Daher sei der Vorwurf, nur die Wirtschaftlichkeit im Sinn zu haben, nicht gerechtfertigt. "Das ist doch nur eine Folge aus den Vorgaben", sagt er - und klingt dabei noch immer ziemlich aufgebracht: "Wir haben pro Jahr in Herrsching und Seefeld allein 9400 Notfälle aus der Umgebung verzeichnet, die schnell versorgt werden mussten: Würden die in Zukunft nach Landsberg, Weilheim oder Starnberg gebracht, würde wertvolle Zeit verloren gehen. Da geht es doch um Minuten." Und eines stellt er dann auch klar: Am jetzigen Standort in Seefeld sei eine Erweiterung nicht möglich und bei der Schindlbeck-Klinik in Herrsching gebe es noch viel zu viele Fragezeichen: "Auch da fehlt es an Fläche, wir müssten also den Bau aufstocken - und das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die des Herrschinger Gemeinderats."

© SZ vom 16.04.2021
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