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Streit um Standort in Seefeld:Wo, wenn nicht hier soll die neue Klinik entstehen?

Landrat und Klinik-Chef beantworten die wichtigsten Fragen. Über den Standort im Landschaftsschutzgebiet sollen die Bürger am 27. Juni entscheiden.

Von Christine Setzwein

Viel Zeit wollen die Gemeinde Seefeld, Landrat Stefan Frey (CSU) und Thomas Weiler, Chef der Starnberger Kliniken, nicht mehr verlieren. Am kommenden Dienstag beschließt der Gemeinderat ein Ratsbegehren zum Thema Klinikstandort. Dann können die Bürgerinnen und Bürger darüber abstimmen, ob sie dafür sind, "dass die Gemeinde Seefeld für den Neubau eines Krankenhauses auf einer Fläche östlich des Friedhofes in Hechendorf die planungsrechtlichen Voraussetzungen schafft". Als Termin für den Bürgerentscheid ist der 27. Juni vorgesehen. Frey, Weiler und Oliver Prells vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München erläuterten die Gründe für einen Klinik-Neubau und die Auswahl des Standorts. Die Debatte darüber sollte nicht in einer "politischen Endlosschleife" hängen bleiben, forderte Frey. Die lange Diskussion über ein Krankenhaus der Grundversorgung im westlichen Landkreis Starnberg kratze schon jetzt am guten Ruf der Kliniken in Seefeld und Herrsching - und an der Stimmung der Mitarbeiter, sagte Weiler. Gerade habe er eine Petition des Betriebsrats zur Sicherheit der Arbeitsplätze bekommen.

Warum ist ein Klinik-Neubau nötig?

Der Landkreis Starnberg und seine Starnberger-Kliniken-Gesellschaft wollen die Chirurgische Klink Seefeld und die internistische Schindlbeck Klinik Herrsching aus wirtschaftlichen und medizinischen Gründen zusammenlegen. Seefeld erwirtschaftet jährlich ein Defizit von einer Million Euro, in Herrsching sind die Finanzen laut Thomas Weiler "mehr oder weniger ausgeglichen". Beide Häuser behandeln pro Jahr mehr als 9400 Notfälle, alleine 8000 in Seefeld - was sie eigentlich nicht mehr dürften. 2018 wurde die Notfallversorgung neu geregelt. Seither dürfen Notfälle nur noch in Kliniken aufgenommen werden, die rund um die Uhr einen Chirurgen, einen Internisten, einen Anästhesisten, einen Computertomografen und ein Kernspin-Gerät vorhalten. Dafür gibt es pro Jahr 150 000 Euro. Dieses Geld holen sich die Kassen von Krankenhäusern, die nicht über diese Basisausstattung verfügen. Die Klinik Seefeld, die diese geforderte Infrastruktur nicht bereithält, erhält keine Ausgleichszahlung und muss im Gegenzug sogar pro Notfallpatient 60 Euro "Strafe" zahlen. Bis 2023 gilt eine Übergangslösung. Danach dürfen weder in Herrsching noch in Seefeld Notfälle aufgenommen werden.

Könnten die Kliniken in Seefeld oder Herrsching nicht vergrößert werden?

Schwierig. Am Standort Seefeld in der Ortsmitte wurde bereits vor Jahren eine Erweiterung auf 100 Betten geplant, noch bevor der Landkreis die Schindlbeck-Klinik gekauft hat. "Da sind wir schon bis an die Grenzen des Machbaren gegangen", sagt Weiler. Eine Klinik mit 200 Betten sei im Ortszentrum wohl nicht machbar, dies könne man den Anwohnern aus Verkehrs- und Immissionsgründen nicht zumuten. Außerdem möchte die Gemeinde Seefeld den Ortskern städtebaulich aufwerten. Die Schindlbeck-Klinik liegt direkt am Dampfersteg in Herrsching. Eine Erweiterung wäre nur in die Höhe möglich - und in die Tiefe. "Wir bräuchten 40 Prozent mehr Fläche und allein eine fünfstöckige Tiefgaren", sagt Weiler. Schwer vorstellbar, dass dies der Gemeinderat Herrsching genehmigt. Trotzdem wird diese Option untersucht. Weiler: "Die Raum- und Funktionsplanung wird dem Gesundheitsministerium kommende Woche vorgelegt."

Was ist für den Neubau geplant?

Im Neubau werden Chirurgie und Innere Medizin zusammengelegt, hinzu kommen die HNO-Abteilung aus Starnberg sowie zehn teilstationäre Betten für die Dialyse. Bislang verfügt Seefeld über 72 Betten, Herrsching über 110 stationäre sowie 16 teilstationäre Betten. In beiden Häusern werden jährlich 9000 Patienten stationär versorgt. Für einen Neubau hat der Landkreis deshalb 180 stationäre plus zehn teilstationäre Betten beantragt. Dieser Bedarf wurde vom Krankenhausplanungsausschuss, in dem gesetzliche Krankenkassen, private Krankenversicherungen, Krankenhäuser sowie die Landesärztekammer vertreten sind, laut Weiler "einstimmig" anerkannt.

Warum kommen als Standorte nur Seefeld oder Herrsching in Frage?

Weil sie schon Krankenhaus-Standorte sind. Würde der Landkreis zum Beispiel eine neue Klink in Weßling oder Gilching bauen wollen, würden die bisherigen Standorte gestrichen. Ob ein völlig neuer genehmigt würde, ist nach der Krankenhausplanung eher unwahrscheinlich. Dass Seefeld/Herrsching erhalten bleiben kann, liegt auch am Einzugsgebiet der Patienten. Der aktuell ins Auge gefasste Standort liegt genau in der Mitte zwischen den Krankenhäusern Starnberg, Weilheim, Landsberg, Fürstenfeldbruck und Pasing und kommt keiner der Kliniken zu nahe.

Wie wurde der jetzt vom Gemeinderat beschlossene Standort am Ortsrand von Hechendorf ausgewählt?

Acht Flächen wurden von der Regierung von Oberbayern, vier Fachbehörden und der Starnberger Klinik-Holding untersucht, daran teil nahmen Gemeinde, Gemeinderäte, Kreisräte und der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München. Folgende Areale wurden unter die Lupe genommen: an der Ulrich-Haid-Straße, an der Eichenallee, hinter dem Schloss Seefeld, am Weßlinger Kreisel, die "Lama-Wiese" am Ortsausgang von Hechendorf, der "Kiebitzacker" unterhalb des S-Bahnhofs Hechendorf sowie zwei Flächen zwischen der Bahnhofstraße in Hechendorf, beim Friedhof Lindenallee und der Staatsstraße nach Wörthsee. Aus verschiedenen Gründen - schlechte Erschließung, Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, Artenschutz, Hochwassergefahr, Lage im Grünzug, Denkmalschutz oder Topografie - blieben die Standorte Ulrich-Haid-Straße, Eichenallee und die Ackerfläche an der Bahnhofstraße Hechendorf als empfehlenswert übrig.

Für letzteren spricht laut Prells die Anbindung an die S-Bahn, die Verfügbarkeit und die Lage am Ortsrand. Ein Klinik-Neubau müsse so geplant werden, dass die Funktion der Frischluftschneise erhalten werden könne. Der Standort Eichenallee ist "verbannt", der an der Ulrich-Haid-Straße zu teuer. "Wir können keine Baulandpreise zahlen", sagt Frey. Beim Grundstück neben dem Friedhof Lindenallee handle es ich um Ackerfläche, die einen Bodenrichtwert von sechs Euro pro Quadratmeter habe. Im Sinne einer sozialgerechten Bodennutzung werde man aber die Marge "bis oben hin ausschöpfen" und für das 25 000 bis 30 000 Quadratmeter große Areal einen Preis zahlen, der haushaltsrechtlich zulässig sei. Der Standort im Gewerbegebiet Herrsching, der für das Gymnasium vorgesehen war und mit dem Frey "geliebäugelt" hat, sei wegen zu hoher Preisvorstellungen der Grundstückseigentümer aus dem Rennen, erklärte der Landrat.

Wer sind die Unterstützer und Kritiker des Standorts in Hechendorf?

Für Seefelds Bürgermeister Klaus Kögel (CSU) sowie die Fraktionen von CSU, SPD, FDP, BVS und FWG erfüllt das Grundstück "die ökologischen, ökonomischen und städtebaulichen Anforderungen" am besten, auch wenn es im Landschaftsschutzgebiet liegt. Die Fraktion Grüne/BI Eichenallee ist dagegen. Die BI will den Landschaftsschutz nicht antasten und argumentiert damit, dass es im Landkreis genug Klinikbetten gebe. Die Grünen wollen zwar ein neues Krankenhaus, aber nicht im Landschaftsschutzgebiet.

Wie sieht der Zeitplan aus?

Sollten sich die Seefelder für den neuen Standort aussprechen, folgt ein Bauleitverfahren. Wenn es nach Landrat Frey geht, sollte das Ende 2022 abgeschlossen sein. "Aber das ist sehr sportlich." 2026/27 könnte die neue Klinik fertig sein, meint Weiler.

© SZ vom 29.04.2021
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