Seefeld:Das Virus ausgesperrt

Julia Geuther

Moderator Willi Weitzel (links) ehrt Julia Geuther als Landessiegerin im Fachgebiet Biologie, rechts Jurorin Dr. Dagmar Hann.

(Foto: Dräxlmaier Group/oh)

Julia Geuther aus Hechendorf steht im Bundesfinale von "Jugend forscht". Sie nutzt die Genschere Crispr, um Coronaviren das Eindringen zu erschweren

Von Leonie Daumer, Michael Berzl

Im Klinikum rechts der Isar in München hat die Gymnasiastin Julia Geuther aus Hechendorf verstümmelte Darmzellen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. "Die hat uns allen Löcher in den Bauch gefragt. Die wollte alles wissen", erzählt Dr. Klaus-Peter Janssen. Und das ist anerkennend gemeint. Der Biologie-Professor hat ein Projekt der Schülerin im Rahmen des Wettbewerbs "Jugend forscht" betreut. Vereinfacht ausgedrückt, hat die 18-Jährige mit der Genschere Crispr den Bauplan für einen Rezeptor einer Darmzelle kaputt gemacht, an den ein Coronavirus andocken könnte.

Diese Arbeit hat die Jury des Wettbewerbs überzeugt. Nach Siegen bei Regional- und Landesentscheid darf Julia Geuther nun zusammen mit 15 weiteren Teilnehmern Ende Mai beim Bundeswettbewerb antreten. Mit dabei ist ihre Mitschülerin Lena Kahle, die mit ihrer Arbeit über ein Lebenserhaltungssystem für eine Mondbasis den Sonderpreis des Kultusministers für das beste interdisziplinäre Projekt erhalten hat.

Julia Geuther ist eine Einserschülerin, hochbegabt und sicherlich auch ehrgeizig. Sie kann selbst gar nicht mehr so genau sage, an wie vielen naturwissenschaftlichen Wettbewerben sie schon teilgenommen hat. Über sich selbst sagt sie: "Ich habe noch nie viel Wert darauf gelegt, wie andere sind. Ich vergleiche mich nur mit mir selbst." Seit der siebten Klasse besucht sie die Hochbegabtenklasse des Otto-von-Taube-Gymnasiums in Gauting, seit der elften ist sie im TUM-Kolleg, einer Kooperation zur Begabtenförderung zwischen der Schule und der Technischen Universität München (TUM).

In der Grundschule sei sie noch gemobbt worden, weil sie schon so früh so viel wusste, erzählt sie am Telefon. Deshalb habe sie sogar die Schule gewechselt. Als sie sich später auf dem Gymnasium in Germering unterfordert fühlte, habe sie sich auf Anraten ihres damaligen Mathelehrers im Alter von elf Jahren für die Hochbegabtenklasse in Gauting entschieden. "Meine Eltern haben sich da ziemlich rausgehalten", erzählt sie. Mit sieben Jahren ist Julia Geuther der Wasserwacht am Pilsensee beigetreten und war bald bei den Bereitschaftsschichten mit dabei. Bis heute ist sie im Notfallsanitätsdienst der Wasserwacht tätig, kümmert sich um Erstversorgungen und Einsatzprotokolle. Seit vier Jahren fährt sie außerdem in Gilching Freestyle-Einrad.

Für das Thema Medizin hat die 18-Jährige schon länger ein besonderes Interesse. Zunächst das Immunsystem von Bakterien, dann die Genschere Crispr, mit der sie sich vor der Seminararbeit schon zwei Jahre daheim am Computer beschäftig hatte. Als Einzige aus ihrer Begabtenklasse hatte sie sich ihr Thema beim TUM-Kolleg selbst ausgesucht und entschied sich für Experimente mit der Genschere. Im Klinikum rechts der Isar durfte sie unter Aufsicht ihres Betreuers Janssen im Labor der medizinischen Fakultät ihre eigenen Versuche an Zelllinien durchführen. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie wollte sie Rezeptoren für das Covid-19-Virus untersuchen, um "auch einen kleinen Teil zur Forschung beizutragen", wie sie sagt.

Die Projektbeschreibung im Originalton: "Mit Hilfe von Crispr/Cas 9 habe ich ein gentechnisches Knock-Out des Coronavirus-Rezeptors ACE2 in Darmzellen erzeugt. Dabei habe ich die guideRNA designt, einen Vektor kloniert, mit diesem Vektor Bakterien transformiert, und anschließend humane Darmzellen transfiziert." Klingt kompliziert, ist es auch. Eine besondere Herausforderung, weiß Professor Janssen, der die Arbeit betreut hat. Der Schülerin habe er diese Aufgabe auch nur deshalb zugetraut, weil er schon gute Erfahrungen mit einem Gautinger Gymnasiasten im Rahmen des TUM-Kollegs gemacht hat. "Die können was." Und Julia war begeistert, wie sie unter den Wissenschaftlern aufgenommen wurde: "Ich konnte immer jemanden fragen. Die waren total hilfsbereit."

Aber auch für Julia war es eine große Aufgabe, wie sie selbst schildert: "Am Anfang saß ich vor einem Riesenberg an Dingen, die ich nicht wusste." Doch die vielen Tage, Abende und Wochenenden, die sie damit verbrachte, sich einzulesen und die Laborabläufe zu verstehen, scheinen für sie kaum als Arbeit zu zählen. "Für mich war das keine Qual. Ich fand es einfach wahnsinnig spannend."

Im vergangenen Jahr war sie regelmäßig im Klinikum; immer mittwochs hat sie am Mikroskop und am Computer gearbeitet und mit Zellkulturen in Plastikschalen hantiert. Nebenbei durfte sie noch die zweite Projektbetreuerin, die Oberärztin Dr. Jeannine Bachmann, in den Operationssaal begleiten.

Nach dem Abitur plant Julia Geuther ein Pausenjahr, allerdings nicht zum Faulenzen, sondern um ihre Ausbildung zur Rettungssanitäterin zu absolvieren. Außerdem will sie ein Praktikum an der Universität in Oxford nachholen, das wegen Corona nicht stattfinden konnte. Danach will sie Medizin studieren.

Die Zellkulturen im Rechts der Isar, denen nun ein Teil fehlt, könnten weiter in der Forschung genutzt werden. "Das war mehr als eine Fingerübung", sagt Professor Janssen.

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