bedeckt München 23°

Schule im Landkreis Starnberg:An der Belastungsgrenze

Krisengespräch zum Lehrermangel (v.l.): Hans-Peter Etter, Katharina Baur und Nicole Bannert.

(Foto: Arlet Ulfers)

Lehrer protestieren gegen Stundenerhöhung. Lage im Landkreis besonders angespannt

Die Pläne des Kultusministeriums, die Stundenzahl der Lehrer zu erhöhen, Sabbatical und Vorruhestand abzuschaffen, um die fehlenden 1400 Lehrerstellen in Bayern zu decken, verunsichern die Grund- und Mittelschullehrer im Landkreis Starnberg ganz besonders. Im Fünfseenland sei die Belastung schon jetzt einzigartig, wie Hans-Peter Etter, Kreisvorstand des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) erklärt. In Starnberg gebe es bayernweit den höchsten Frauenanteil und viele Lehrerinnen arbeiteten in Teilzeit. Ihre Stundenzahl solle auf 24 erhöht werden, was weitere Ausfälle befürchten lasse. Zudem sei der Druck "hinsichtlich des irrwitzigen Übertrittsverfahrens und der vielfach kritischen Elternschaft" ohnehin extrem.

An den 22 Grundschulen im Landkreis mit mehr als 400 Lehrerinnen gibt es gerade einmal vier Lehrer, dabei wären männliche Vorbilder wichtig, sagt Kreisvorsitzende Katharina Baur. "Es geht nicht um die eine Stunde, die wir im kommenden Jahr mehr arbeiten sollen, sondern um das System", meint sie. "Schon jetzt sind viele von uns an der Belastungsgrenze", ohne dass das in irgendeiner Weise wahrgenommen werde. Niemand erkenne an, dass die meisten Lehrer bereits viel mehr arbeiteten, als ihre Stundenzahl vorsehe. Da die mobile Reserve meist nicht ausreiche, um bei Erkrankungen einzuspringen, müssten die übrigen Lehrer die Aufgaben mit übernehmen.

In Gilching seien beispielsweise sechs Vollzeitkräfte ausgefallen. Da es keine Vertretungslehrer gegeben habe, hätten die übrigen Lehrer übernehmen müssen. Ähnlich in Gauting: Weil viele Lehrkräfte ausfielen, würden Kinder jeden Morgen neu verteilt. So kämen bis zu 40 Schüler auf eine Lehrerin, der Unterricht werde in die Turnhalle verlegt. Etter berichtet von einem 64-jährigen Bekannten, der nach bald 40 Dienstjahren ein Sabbatjahr einlegen wollte und einen Antrag auf Vorruhestand gestellt hatte. Das Sabbatical sei genehmigt worden, doch nun müsse er zurück, um mit 65 Jahren den Kleinsten schreiben und rechnen beizubringen.

Der Lehrermangel, der vom Kultusministerium verschlafen worden sei, werde auf dem Rücken der Lehrer ausgetragen und schlussendlich auf dem Rücken der Kinder, sagt Vize-Vorsitzende Nicole Bannert. Sie fürchtet mehr Ausfälle, weil viele Lehrkräfte es gesundheitlich nicht schafften. Seit Jahren kämen Aufgaben dazu: Inklusion, Integration von Flüchtlingskindern, Digitalisierung, individuelle Förderung, neuer Lehrplan. Etter kritisiert zudem die mangelnde Kommunikation. Lehrer hätten aus der Presse von den Änderungen erfahren. Er wünscht sich mehr Unterstützung durch die Eltern.

© SZ vom 08.02.2020 / Bla

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite