Entwicklungshilfe:Brunnen für Amazonien

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Michael Deininger betreut die Projekte der Gemeinde Schondorf. (Foto: Schondorf)

Das 2015 begonnene Schondorfer Projekt mit der Gemeinde Puerto Leguízamo in Kolumbien musste schwere Rückschläge einstecken. Inzwischen aber kann man Erfolge für die Trinkwasserversorgung verzeichnen.

Von Armin Greune, Schondorf

In Hinblick auf kommunale Entwicklungshilfe nimmt Schondorf zumindest im Fünfseenland eine Vorreiterrolle ein. 2015 startete dort eine Klimapartnerschaft mit der Gemeinde Puerto Leguízamo im Amazonasgebiet. Acht Jahre später fällt die Bilanz von Projektbetreuer und Gemeinderat Michael Deininger allerdings eher ernüchternd aus - bietet aber auch Erkenntnisgewinn für ähnliche regionale Initiativen. Von den in Kolumbien angestoßenen Vorhaben sind die ambitioniertesten und auf Technikimport beruhenden Projekte im Sande verlaufen - wie etwa ein Wassertaxibetrieb mit Ökostrom aus eigener Flussturbine.

Mit Schondorfer Schokolade hoffte man, in Puerto Leguízamo den Kakaoanbau und so eine nachhaltige Agroforstwirtschaft anstelle des Kahlschlags im Regenwald zu fördern. Doch Produktion und Vertrieb waren nicht wirtschaftlich zu realisieren und wurden nach 1500 Tafeln wieder eingestellt. Deininger spricht von "einem Wahnsinnsaufwand".

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Erfolg verspricht jedoch das Brunnenprojekt, das Schondorf auch nach der offiziellen Klimapartnerschaft weiterführt. Inzwischen sind in den Außenbereichen der kolumbianischen Kommune 20 Kleinbrunnen in Betrieb, für weitere 80 wurden bereits Bohrungen durchgeführt. Dass dieses Vorhaben umgesetzt werden kann, ist auch Deiningers Fachkenntnis zu verdanken, der gemeinsam mit seiner Gemeinderatskollegin Stefanie Windhausen die Partnerschaft betreut. Im Hauptberuf ist Deininger Dießener Wassermeister, als Mitglied des Technischen Hilfswerks hat er viele Erfahrungen im Globalen Süden mit der "Schnell-Einsatz-Einheit Wasser Ausland" (Seewa) gesammelt.

Deren Aufgabe besteht darin, nach Naturkatastrophen die Trinkwasserversorgung wieder aufzubauen. Deininger war als Ersthelfer nach Erdbeben in Indonesien, Pakistan und Haiti sowie nach dem Tsunami in Sri Lanka und dem Taifun auf den Philippinen im Einsatz. Nun gibt er sein Wissen als Seewa-Fachberater im Inland weiter. Außerdem unterstützt er die Tutzinger Artemed-Stiftung dabei, eine Wasseraufbereitungsanlage auf einem Ärzteschiff in Myanmar zu installieren.

Vergangenen Oktober war Deininger wieder in Puerto Leguízamo und hat dort in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern der deutsch-bolivianischen Aktionsgemeinschaft Emas in vier Tagen fünf Brunnen gebohrt. Sie sind in einer Galerie oberhalb des Hauptortes angeordnet; wenn die Reihe komplett ist, könnten 30 000 Menschen mit durch Uferfiltrat gereinigtem Trinkwasser versorgt werden. Bislang sind die Leute auf die Flüsse angewiesen, deren Oberflächenwasser chemisch aufbereitet werden muss, unter anderem mit krebsverdächtigem Aluminiumsulfat.

Bei allen Erfolgen scheint es fragwürdig, ob der Begriff "Klimapartnerschaft" glücklich gewählt war

Im Fluss finden sich aber nicht nur bedenkliche organische Verunreinigungen, sondern auch hochgiftiges Quecksilber aus der Goldgewinnung. Auf dem Oberlauf des Putomayo sind zweistöckige Katamarane mit großen Pumpen unterwegs, auf ihnen wird der vom Flussgrund geförderte Schlamm mit Quecksilber ausgewaschen.

Wenn das von Schondorf aus angestoßene Brunnenprojekt dort wie vorgesehen heuer abgeschlossen wird, ist ein entscheidender Beitrag zur Grundversorgung und Gesundheit der Menschen geleistet worden. Mit den übrigen Vorhaben des 2015 vom Entwicklungshilfeministerium finanzierten Programms für kommunale Klimaschutzprojekte lässt sich kaum reüssieren.

Vom Elektroboottaxi war bald nicht mehr die Rede, ob die Flussturbine noch Strom erzeugt, hat Deininger beim jüngsten Besuch nicht erfahren. Angesichts der Wartungsprobleme in Kolumbien ist er eher skeptisch, aber einige Zeit lang habe die von der Garatshauser Firma Smart Hydro Power gefertigte Turbine Akkus mit Strom geladen, den die Dorfbevölkerung für Kühlschränke und Kleinelektrogeräte verwendete.

Bei allen Verbesserungen scheint es wohl fragwürdig, ob der Begriff "Klimapartnerschaft" glücklich gewählt war. Für den bescheidenen Ertrag hat das Projekt einen tiefen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, etwa eine siebenstelligen Summe von Flugkilometern für Mensch und Material. Aus der Schondorfer Initiative ließe sich aber auch ableiten, dass sich Erfolg erst einstellte, als man sich auf Eigenkompetenz verließ - und nicht auf externe, wenig verlässliche Berater und Partner. Denn die Vorhaben gerieten auch deshalb ins Stocken oder zum Stillstand, weil man sich mit dem Projekt-Initiator Klaus Hecht und dessen kolumbianischem Unternehmen überwarf. Und Miguel Rubio Bravo, der Bürgermeister von Puerto Leguízamo, der 2015 auch zu Besuch im Fünfseenland war, wurde erst inhaftiert und dann turnusgemäß abgelöst.

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