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Schondorf:Das Leben als Kunst

Der Schondorfer Andreas Kloker versteht selbst Brotbacken als schöpferisches Projekt, so kann man viele seiner Werke benutzen

Von Katja Sebald, Schondorf

Der Künstler Andreas Kloker, der sich als Plastiker und Kalligraph bezeichnet, sagt über seine Arbeit: "Es ist mein Wunsch, alle meine Tätigkeiten, auch die alltäglichen, in den künstlerischen Prozess mit einzubeziehen." Man könnte vielleicht auch sagen: Das Leben ist die Kunst. Seit mehr als dreißig Jahren backt Kloker einmal in der Woche Brot für Freunde. Auf seinem Grundstück gibt es ein Backhaus, das mit Holz befeuert wird. Das Holz wächst ebenfalls auf dem Grundstück, es wird sozusagen bei den Gartenarbeiten geerntet. Auch das Brotbacken versteht er als Kunstprojekt, als Teil seiner Lebenskunst.

Kloker wurde 1948 auf einem Einödhof am Westufer des Ammersees geboren und hat mit Ausnahme von einigen Jahren auf La Gomera immer am Westufer des Ammersees gelebt. In Schondorf bewohnt er mit seiner Familie ein wildromantisches Häuschen inmitten eines großen Gartens. Seine Lebenskunst steht jedoch auf durchaus soliden Füßen, denn er hat mehrere handwerkliche Berufsausbildungen absolviert und kann nicht nur Brotbacken, sondern auch Schriften malen und Vergolden, Stein behauen und Öfen setzen, ja, sogar Häuser bauen. Wenn es um Kunst geht, dann geht in Schondorf gar nichts ohne Kloker. Sein bekanntestes und meist benutztes Werk, so sagt er, ist das Spielschiff in den Schondorfer Seeanlagen. "Benutzt" wird freilich auch das von ihm entworfene Toilettenhäuschen gleich daneben, so hübsch, dass es sich mit der eleganten Jugendstil-Toilette am Karlsplatz in Wien durchaus messen kann. Auch die Stele am Badeplatz der Gemeinde, die auf eine sehr poetische Weise den Standort einer römischen Therme dokumentiert, hat Kloker gestaltet. Die kleine Erinnerungsstätte für Thomas Theodor Heine in Dießen stammt ebenfalls von ihm.

Alles ist Kunst: Andreas Kloker beschriftet seinen Werkstatt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Kunst kann man also benutzen, sie kann belehren und man kann sie sogar essen. Ausgesprochen flüchtig sind jedoch die Elementar-Zeichnungen des Schondorfers: Man kann sie nur im Rahmen seiner Performances erleben. Auf einer Schiefertafel entstehen dabei mit Wasser Bilder, die sich durch Wärme und Luft verändern, sodass neue Bilder entstehen, die schließlich vergehen und Raum für Stille lassen. Es geht in diesen höchst subtilen Arbeiten um Lebenszeit und um den Umgang mit der Zeit, die uns zur Verfügung steht.

Alljährlich in der Karwoche ist Andreas Kloker an drei Abenden mit seinen Elementar-Zeichnungen zu Gast im Studio Rose in Schondorf. Es gibt auch eine Reihe von Arbeiten, bei denen der Künstler auf einer Aluverbundplatte zur Darstellung von "Lebenszeit" mit einem kammartigen breiten Pinsel eine Spur zieht, so langsam wie es nur geht. Dabei entsteht keineswegs ein Linienmuster, sondern vielmehr eine Aneinanderreihung von winzigen Pausen - von Lebensmomenten also.

Eine Installation aus Alltagsgegenständen ist zu sehen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der von Joseph Beuys vertretene Gedanke der sozialen Plastik besagt, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch sozusagen "plastizierend", also formend, auf die Gesellschaft einwirken kann. Beuys vertrat die Ansicht, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben insbesondere in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ zu gestalten. Er ging davon aus, dass die notwendigen Fähigkeiten zur Verwirklichung einer "Sozialen Plastik" - oder eines "Sozialen Organismus" - Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie sind, die in jedem Menschen bereits vorhanden sind, sie müssen nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden. In diesem Sinn formulierte er seinen berühmten Satz: Jeder Mensch ist ein Künstler. Kunst im Verständnis von Beuys ist also eine Haltung. Wenn es jemandem gelungen ist, diese Haltung auf das Leben zu übertragen, dann ist das Kloker.

© SZ vom 09.05.2016

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