Ist es zu hoch gegriffen, wenn man hier von einem Lebenswerk spricht? Für Lehrer, die ihren Beruf lieben, kann es wohl kaum Erfüllenderes geben, als in einem an Bildung extrem unterversorgten Winkel der Welt Schulen zu bauen, auszustatten und zu fördern. Vor 38 Jahren reisten Adelheid und Ludwig Gernhardt das erste Mal durch Ost- und Südafrika. Daraufhin gründeten sie die "Afrikahilfe Schondorf", die sich aus vereinsrechtlichen Gründen 1988 dem Dachverband "Hilfe zur Selbsthilfe" anschloss und zunächst vor allem Krankenhäuser und Bildungsstätten mit Geld- und Sachspenden - vom Ultraschallgerät bis zur Kleidung der Lehrkräfte - unterstützt hat.
Heute vermittelt die Initiative vor allem Stipendien zum Besuch von Sekundarschulen und Universitäten in Tansania. Unter Mitwirkung einiger Vereine aus dem Landkreis Landsberg konnten dafür allein im vergangenen Jahr Zuwendungen in Höhe von 100 000 Euro gesammelt werden.

Die Geschichte der Afrikahilfe Schondorf ist vor allem mit Schulprojekten in Tansania verknüpft. Sie hängt aber auch eng mit zwei Schulen im Fünfseenland zusammen, an denen das Ehepaar unterrichtet hat: dem Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching und dem Schondorfer Landheim. Unter Kollegen, Schülern und deren Eltern wurde ein Grundstock an Förderern und Sponsoren gefunden, viele halten der Aktionsgruppe seit Jahrzehnten die Treue. Sie sind inzwischen längst pensioniert, aber noch heute leben die Gernhardts in Rufweite der Schule, die sie einst aus Hessen ins Fünfseenland geführt hat.

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Seit fünf Jahren kann Adelheid Gernhardt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitreisen, wenn ihr Mann nach Tansania fliegt, um sich ein- bis zweimal jährlich mit den geförderten Institutionen und Personen persönlich auszutauschen. Vom 27. Februar bis 21. März war Ludwig Gernhardt erst wieder im Ludewa-Distrikt im entlegenen Südwesten des Landes, dem Aktionsschwerpunkt der Afrikahilfe, unterwegs. Unter anderem sprach er mit Vertretern der Regionalverwaltung über die vom Landkreis Landsberg beabsichtigte Entwicklungs-Partnerschaft mit einer Kommune des Globalen Südens.
Der ehemalige Vize-Bürgermeister von Finning hat in Newala ein Start-up gegründet
Miriam Anton, Koordinatorin des Projekts, ist gerade zum ersten Mal in Tansania, um Sondierungsgespräche zu führen. Aufgrund bestehender Kontakte von Initiativen aus dem Landkreis standen ursprünglich zwei Distrikte für die Partnerschaft zur Auswahl: Ludewa und Newala im Südosten des Landes. Inzwischen ist klar, dass man sich vorerst auf die Zusammenarbeit mit Newala konzentrieren will. Bei den Gesprächen dort wird Miriam Anton von Christoph Heumos begleitet: Bis vor einem Jahr war der Geograf und Unternehmensberater noch Vize-Bürgermeister von Finning, nun hat er in Newala ein Start-up-Unternehmen zur Verarbeitung von Cashewnüssen gegründet.
Fünf Jahre, bevor Heumos das Licht der Welt erblickte, wurde das Afrika-Engagement von Adelheid und Ludwig Gernhardt für Afrika geweckt. 1985, nach 15 Jahren Unterricht in Schondorf, fanden sie die Zeit für eine selbst organisierte Studien- und Urlaubsreise. Über eine internationale Hilfsorganisation bestand bereits eine persönliche Patenschaft - und somit eine Anlaufstation in Äthiopien. So ließen sie einen Geländewagen in Deutschland mit Dachzelt zum Campingmobil aufrüsten und nach Mombasa verschiffen. Von dort aus reisten sie allein drei Monate lang durch acht Länder in Ost- und Südafrika.
In den Livingstone-Bergen Tansanias wurden die Gernhardts Zeugen einer bemerkenswerten Initiative: Weil es für den gesamten Ludewa-Distrikt mit 150 000 Einwohnern keine einzige Sekundärschule gab, nahmen Eltern die Sache selbst in die Hand. Das galt durchaus auch im buchstäblichen Sinn, angefangen beim Brennen und Vermauern der Ziegel. Womöglich war es das abschätzige Urteil eines deutschen Missions-Geistlichen, das den Impuls für das Engagement der Schondorfer auslöste: "Der meinte herablassend: Das schaffen die nie", erinnert sich Ludwig Gernhardt.

Die Unterstützung der Madunda Secondary School wurde das erste Projekt der Afrikahilfe. Die Schule floriert bis heute - abgesehen vom "Speisesaal", einem Schuppen mit Blechdach, der nach 40 Jahren baufällig geworden ist. Nach der Gründung ihrer Aktionsgruppe für Bedürftige gewannen die Gernhardts erste Sponsoren unter Verwandten, Freunden und Bekannten, vor allem aber im Umfeld ihrer Arbeitsplätze. Während Adelheid Lehrerin und Erzieherin im Landheim blieb, kehrte Ludwig 1985 in den Staatsdienst zurück. Er wurde nach Gilching als Fachleiter für Geografie berufen, wo er 2002 als Studiendirektor in Pension ging.

In den ersten Jahren leitete die Afrikahilfe in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen des Nord-Süd-Forums Landsberg im Eine-Welt-Netzwerk Bayern vor allem Sachspenden weiter: Windkrafträder, Näh- und Schreibmaschinen, medizinische Geräte, Schulmaterial. Was auch Secondhand-Jacketts einschloss, die sich die Lehrer wünschten, um mehr Autorität auszustrahlen. Im Laufe der Jahre wurden 32 geräumige Seecontainer verpackt und nach Afrika verschifft. Gernhardt fällt dazu die Geschichte von 48 ausrangierten Krankenhausbetten ein, die dem Verein "von heute auf morgen" in Bad Mergentheim zur Verfügung gestellt worden waren. Nach einer Anfrage dort erklärte sich der Kraftsportverein bereit, beim Verladen Hand anzulegen: "Die zehn Mords-Brackel haben das als Training gesehen", erzählt Gernhardt und lacht.
Sachspenden wurden fast völlig eingestellt, die Transportkosten sind zu hoch
Inzwischen hat man die Sachspenden fast völlig eingestellt, die Transportkosten im hohen vierstelligen Eurobereich stehen nicht mehr in Relation zum Wert der Fracht. Was Dinge des alltäglichen Gebrauchs betrifft, habe sich das Angebot seit den 1980er Jahren auch in der ostafrikanischen Provinz weiter entwickelt. "Früher gab es viel, was die Leute dort nicht selbst kaufen konnten, das hat sich inzwischen stark geändert". In Tansania versucht man, die heimische Wirtschaft vor der Konkurrenz importierter Sachspenden zu schützen. "Der Zoll ist immer schärfer geworden", sagt Gernhardt. "Nur Artikel für den Gesundheitsbereich sind ausgenommen".
2005 ist er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Seit der ersten Afrikatour hat er den Kontinent etwa 25 Mal auf privat finanzierten Projektreisen besucht. Außerdem bietet er jährlich eine geführte Studienreise für eine kleine Gruppe interessierter Deutscher an, auf der auch die Projekte und touristische Höhepunkte der Ludewa-Region vorgestellt werden: "Wunderbare Strände am Malawisee, geschützte Regenwälder, gut erhaltene Kolonialgebäude und Wasserfälle", schwärmt Gernhardt. "Für den Aufbau von Ökotourismus gibt es ein großes Potenzial."

Bei seiner jüngsten Reise war neben zwei Tansaniern der deutsche Ingenieur Klaus Schad mit von der Partie, der in Internaten moderne, holzsparende Kocher vorstellte. "Sie verheizen gerade die letzten Wälder", sagt Gernhardt. Der Anteil der traditionellen Kochstellen in den Schulküchen an der fortschreitenden Entwaldung betrage 40 Prozent. Durch mit Steinwolle isolierte Stahlkocher ließe sich der Energieverbrauch auf zehn Prozent gegenüber offenen Holzfeuern reduzieren. Eine Anlage mit zwei in Belgien vorgefertigten und in Afrika montierten Kochern für 300 Schüler koste etwa 4000 Euro; Gernhardt will ein Pilotprogramm für 15 Schulen anstoßen. Gerade hat er 50 Seiten Formulare ausgefüllt, um eventuell 20 000 Euro Förderung vom Auswärtigen Amt zu erhalten.
Ein enorm hoher behördlicher Aufwand sei auch mit der Einreise von tansanischen Projektpartnern nach Deutschland verbunden: Formelle Einladungen, Bürgschaften, der Nachweis eines eigenen Einkommens, Familienbindung und ein fester Wohnsitz in Tansania sind gefordert, was etwa einen Studenten-Austausch nahezu ausschließe. Dennoch ist es Gernhardt mehrmals gelungen, Tansanier bei Gegenbesuchen im Fünfseenland zu begrüßen, darunter den Vorsitzenden des tansanischen Partnervereins Padeco, Wilbard Mwinuka, ein ehemaliger Stipendiat der Afrikahilfe.

Mwinuka gehört dem District Council an, was dem Kreistag entspricht: Dessen gute Verbindungen zu Verwaltung und Politik hätte der Kreis Landsberg im Falle einer Kommunalpartnerschaft nutzen können. Aber gerade der bereits hoch entwickelte Organisationsgrad in Ludewa sei ein Grund gewesen, stattdessen Newala beim Aufbau von Strukturen für eine Partnerschaft zu unterstützen, sagt Projekt-Koordinatorin Anton. Nicht unerheblich trage zur Entscheidung bei, dass der Ludewa-District 1200 Kilometer von Daressalam entfernt ist. Die tagelange An- und Abreise auf überfüllten Straßen hätte sich im eng getakteten Zeitplan ihres zehntägigen Aufenthalts nicht unterbringen lassen. Gernhardts aktuelle Erfahrungen können das nur bestätigen, sein Team war sogar in einen schweren Unfall verwickelt, den zum Glück alle ohne Verletzungen überstanden haben.
Dennoch hat er auch von seiner jüngsten Afrikareise vor allem positive Eindrücke und Anstöße mitgebracht. Und auch vielen der seit Jahrzehnten vertrauten Freunde und Lehrer-Kollegen konnte er eine Freude machen. Als Mitbringsel hatte Gernhardt zwar keine Sakkos mehr im Reisegepäck - "aber schicke Vintage-Krawatten sind dort immer noch sehr begehrt."

