Prozess um SchockanrufeHerr Bach holt Geld und Schmuck ab

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Im Münchner Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße läuft der Prozess gegen den Prager Taxifahrer.
Im Münchner Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße läuft der Prozess gegen den Prager Taxifahrer. Florian Peljak

Ein Taxifahrer aus Prag soll für eine Bande gearbeitet haben, die Menschen mit Schockanrufen dazu bringt, hohe Geldbeträge an einen sogenannten Abholer zu übergeben. Innerhalb von nur acht Tagen händigten die mutmaßlichen Opfer dem 51-Jährigen knapp 100 000 Euro aus. Jetzt läuft der Prozess gegen ihn.

Von Andreas Salch, Starnberg / Wolfratshausen

Martin B. war an dem Job, den ihm sein Freund Janosch im Frühjahr vergangenes Jahres bei einem Treffen in Prag anbot, sofort interessiert. Denn der 51-Jährige, der als Taxifahrer in der tschechischen Hauptstadt arbeitet, brauchte Geld, um Spielschulden begleichen zu können. Er solle nach Deutschland fahren, „Richtung München“, habe Janosch ihm gesagt, berichtete Martin B., der sich seit Mittwoch vor der 4. Strafkammer am Landgericht München II wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs verantworten muss. Sein Freund habe erklärt, dass der Job zwar nicht legal sei, aber er brauche keine Angst zu haben. Er müsse nur „Geld und Schmuck abholen“. Mehr nicht. Martin B. willigte ein und fungierte fortan als sogenannter „Abholer“ für eine Bande, die mit Schockanrufen Menschen in Angst und Schrecken versetzt und sie um ihr Geld bringt.

Innerhalb von nur acht Tagen fuhr der Taxifahrer aus Prag von Mitte Juni 2024 an für seinen Auftraggeber dreimal nach Oberbayern. Nachdem B.s Hintermänner vorwiegend ältere Menschen aus den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Starnberg und Miesbach am Telefon unter Druck gesetzt hatten, übergaben diese dem Taxifahrer Bargeld und Schmuck im Wert von insgesamt 99 000 Euro. Von der Beute fehlt nach wie vor jede Spur.

Am 13. Juni vergangenen Jahres fuhr der Prager Taxifahrer das erste Mal für seinen Auftraggeber nach Oberbayern. Die Hintermänner der Bande, die von Polen aus agieren sollen, hatten zuvor bei einer 65-Jährigen aus Geretsried angerufen. Gegen 13 Uhr an jenem Tag hatte sich ein Mann bei der Frau gemeldet und sich als Polizeibeamter der Inspektion Wolfratshausen ausgegeben. Er behauptete, die Tochter der Frau habe einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Die 65-Jährige soll auf diese Nachricht hin, wie es in der Anklage der Staatsanwaltschaft heißt, in einen „schockähnlichen Zustand“ verfallen sein. Ihrer Tochter drohe Untersuchungshaft, schüchterte der vermeintliche Polizist die Mutter ein.

Um der Tochter die Untersuchungshaft zu ersparen, solle sie mit 15 000 Euro in einem Umschlag auf einen Parkplatz nach Wolfratshausen fahren, sagte ein angeblicher Staatsanwalt, der sich nach dem falschen Polizisten in das Gespräch eingeschaltet hatte. Die Geretsriederin übergab das Geld an dem verabredeten Treffpunkt an einen Mann, der sich als „Herr Bach“ vorstellte. Es war Martin B. Unmittelbar nach der Übergabe fuhr er zurück nach Prag und händigte Janosch das Geld aus.

Bereits einen Tag später machte sich Martin B. am 14. Juni 2024 erneut auf den Weg. Diesmal hatten Mitglieder der Bande eine 81-jährige Frau in Gauting mit derselben Masche wie tags zuvor dazu gebracht, an einen „Herrn Bach“ eine Kaution zu übergeben, damit der Sohn der Frau nicht in Untersuchungshaft komme. Die Beute, die die Seniorin aus ihrem Auto heraus übergab, bestand aus einer Vielzahl von Preziosen im Wert von insgesamt 25 000 Euro. Alles habe sich in einer großen Papiertasche befunden, berichtete Martin B. bei seiner Vernehmung dem Vorsitzenden Richter Thomas Lenz.

Schon am 18. Juni habe er den nächsten Auftrag erhalten, so B. Diesmal hatten die Hintermänner aus Polen, ebenfalls in Geretsried einen 91 Jahre alten Rentner mit einem Schockanruf so sehr unter Druck gesetzt, dass er Geld und Schmuck im Wert von 30 000 Euro an einen angeblichen Kurier des Amtsgerichts übergab. Es war wieder Martin B.

Bei der vierten Fahrt am 21. Juni wurde der 51-Jährige bei einer Übergabe in Gmund am Tegernsee festgenommen. Die Beute, in diesem Fall zwei goldene Rolex-Uhren, Diamantschmuck und andere Preziosen konnten sichergestellt werden. Das mutmaßliche Opfer, eine 75-jährige Rentnerin, erhielt alles wieder zurück. Zu verdanken hat die Seniorin dies ihrem Nachbarn. Er hatte Martin B. vor deren Haus beobachtet und die Polizei alarmiert. Als es zur Übergabe kommen sollte, nahmen Beamte den 51-Jährigen fest. Für jede „Abholung“ erhielt Martin B. 800 Euro. Die Höhe des Betrags dürfte in keinem Verhältnis stehen zu der Haftstrafe, die ihn nun erwartet.

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