Schauspiel:Das Spiel vom Sterben der reichen Frau

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Schauspiel: Mächtig in der Midlife-Crisis: Schauspielerin Ulrike Dostal in der Titelrolle der Gilchinger Inszenierung.

Mächtig in der Midlife-Crisis: Schauspielerin Ulrike Dostal in der Titelrolle der Gilchinger Inszenierung.

(Foto: Arlet Ulfers)

Anna Funk inszeniert Hofmannsthals "Jedermann" im Amphitheater der Gilchinger Grundschule als zeitloses Stück - und mit der Schauspielerin Ulrike Dostal in der Hauptrolle

Von Carina Seeburg, Gilching

Wie aus dem Nichts steht er da, der Tod. Und mit ihm kommt die Angst. Die Angst vor Gott und dem, was folgt. Wie weggeblasen scheint die Partynacht. "Was? Keine Frist willst du mir geben und überfällst eins ungewarnt gar mitten drin im besten Leben?", ruft Jedermann dem Tod entgegen. "Hie hilft kein Weinen und kein Beten, die Reis mußt alsbald antreten", entgegnet der Tod.

In gespannter Stille verfolgen die Zuschauer die Inszenierung im steinernen Amphitheater der James-Krüss-Grundschule in Gilching. Die tief stehende Abendsonne taucht das Ensemble in goldenes Licht, die Akustik ist fantastisch - jedes Knistern, jeder knirschende Stein im Rundtheater ist zu hören. Das Stück des österreichischen Dramatikers Hugo von Hofmannsthal war 1911 im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt worden. Es führt den Zuschauer ins 16. Jahrhundert und zeigt einen wohlhabenden Mann, der nach kurzem Blick auf sein sündhaftes Leben schlagartig erkennt: Er fühlt sich nicht bereit dazu, vor Gottes Gericht zu treten. Schon gar nicht allein. Aber weder sein treuer Knecht noch seine Freunde oder sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten.

Regisseurin Anna Funk verlegt die Tragödie des Jedermann im Jahrtausende alten Spannungsfeld zwischen Reichtum und Moral in die Gegenwart. "Das Thema, welche Verantwortung der Mensch in der Welt hat, ist zeitlos", sagt sie. "Ebenso die Frage nach der Existenz von Gott oder was uns nach dem Tod erwartet." Das seien Fragen, die heute so aktuell seien wie vor hundert Jahren, so die Regisseurin, die auch Deutsch und Religion unterrichtet.

Der Jedermann ist in ihrer Neuinszenierung eine Frau in der Midlife-Crisis, die sich angesichts ihres ausschweifenden und oberflächlichen Lebensstils die Sinnfrage stellt. Was die bislang unbekümmerte Lebefrau in Todesängste und Wahnvorstellungen treibt. Der innere Kampf der Jedermann wird in Gilching unkonventionellin Szene gesetzt. Ulrike Dostal glänzt in der Rolle der Anastasia Jedermann, bringt eine starke, unabhängige Frau auf die Bühne. Funk hat das Stück metaphorisch in die heutige Zeit übersetzt, am Text hat sie nur marginale Änderungen vorgenommen. Einige Figuren wurden angepasst. Der Geselle wird mit Cantinca Wolf zum It-Girl, statt der Mutter versucht ihr Vater der Jedermann Vernunft einzuhauchen und sie zum bürgerlichen Leben mit Mann und Kind zu überreden.

Die Szenen im ersten Akt bergen humoristisches Potenzial. Für ausgelassene Momente sorgt Philipp Andriotis in der Rolle der männlichen Buhlschaft - eines leidenschaftlichen, singenden Liebhabers in schwarzer Glitzerlederjacke, mit Gitarre und rotem Bandana. Als ihr Liebhaber von ihrem bevorstehenden Tod erfährt, steht ihm die Freude ins Gesicht geschrieben. "Gewonnen hat der mit dem größten Grabstein", ruft er fröhlich und nimmt wie Onkel Dagobert ein Bad in der Schatztruhe seiner Liebsten. Wer an dieser Stelle im Publikum besonders laut lacht, dürfte ortsansässig sein: Groß und breit prangt der besagte Satz als Grafitto am Gilchinger S-Bahnhof. Den Lokalkolorit verdankt die Inszenierung dem Gilchinger Urgestein Roland Schneider, der das traditionelle Stück mit Bezügen zu einem ortsbekannten Brunnen und Langzeitbaustellen am Rathaus nicht nur in der Jetztzeit, sondern auch im Ort ankommen lässt. Erst im zweiten Teil wird's ernster. Inmitten einer ausschweifenden Feier beschleicht die Jedermann die Angst. Sie hört Stimmen, sieht den Tod, möchte ihre Liebsten mit ins Jenseits nehmen und stellt fest: Sie ist allein.

Gebannte Stille, Lachen, dann wieder konzentrierte Gesichter. Kurz vor ihrem Tod tritt die Jedermann ins Gespräch mit Werke und Glaube, anmutig verkörpert von Lucia von Damnitz und Sophie Kirchner. Besonders die Schlussszene, in der Lucia von Damnitz ihren Text mit glockenklarer, vibrierender Stimme singt, profitiert von der Akustik des Amphitheaters. Die Verbindung von Heute und Gestern ist Anna Funk geglückt - ihre Variante des Jedermann kommt in Gilching an.

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