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Sanierung:Operation in luftiger Höhe

Der Zwiebelturm der Weßlinger Pfarrkirche muss neu mit Zedernholz-Schindeln eingedeckt werden. Die Kosten belaufen sich auf mehr als eine Million Euro

Von Blanche Mamer, Weßling

Ein Baugerüst zieht sich rund um die Weßlinger Pfarrkirche "Christkönig", auch der einzigartige Zwiebelturm ist bis zur Spitze von Rohrgestänge umgeben. Polnische Bauarbeiter werkeln auf den umlaufenden Stegen und dirigieren per Funk den Material-Kran. Nach mehr als 50 Jahren braucht der Turm eine neue Hülle - aus Tausenden von kanadischen Zedernholzschindeln. Noch vor dem kommenden Winter, denn längst ist der Turm undicht.

Viele Schindeln sind nur noch millimeterdick. "Wie Papier", sagt Kirchenpflegerin Brigitte Reichert. Und viele sehen aus wie Scheiben von Schweizer Käse. Die zentimetergroßen Löcher sind nicht durch den Hagel vom Pflingstmontag verursacht, der die bleigefassten Fenster an der Westseite des Kirchenchors durchschlagen hat, sondern "der Specht war's", wie Reichert erklärt. Das heißt, es muss eine ganze Spechtfamilie gewesen sein, die sich am Holz auf der Suche nach winzigen Fliegen und Insekten im Turm gütlich getan hat. Zwar hat niemand die Vögel gesehen, aber die kreisrunden Löcher lassen keine andere Erklärung zu, meint Reichert.

Kirchturm der Christkönigkirche wird renoviert; Renovierung der Christkönigkirche in Weßling

Der Zwiebelturm der Kirche ist nicht mehr dicht, viele Schindeln sind dünn wie Papier.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Falls es das Wetter erlaubt, sollen die alten maroden Schindeln Mitte Oktober abgetragen werden. Gleich im Anschluss sollen die Arbeiter das Dach neu eindecken. Zuletzt war das 1963 passiert. Damals soll es Überlegungen gegeben haben, die Schindeln durch beständigeres Kupfer zu ersetzen. Doch es gab Bedenken, mittlerweile besteht der Denkmalschutz auf einem schindelgedeckten Turm. Was nach Angaben des ehemaligen Pfarrers und Starnberger Dekans Anton Brandstettergar nicht so einfach zu bewerkstelligen ist. Denn es gibt nur noch wenige Betriebe, die das Knowhow dafür haben. Allein die Holzschindeln haben 165 000 Euro gekostet, so Reichert. "Wir haben die haltbarsten, die es gibt, ausgewählt und hoffen, dass sie wieder 50 Jahre halten."

Eigentlich sollte die Sanierung zur 80-Jahr-Feier der Kirche am 20. Oktober abgeschlossen sein, doch das wird wohl kaum klappen. Vor etwa drei Jahren hatte Pfarrer Brandstetter mit den Vorbereitungen für die Sanierung der Kirche begonnen, hatte mit der Diözese verhandelt und die Finanzierung von zunächst einer Million Euro gesichert. Mittlerweile hat sich die Kostenschätzung auf 1.250.000 Euro erhöht, weitere Steigerungen sind denkbar.

"Die Hauptlast, rund 80 Prozent der Sanierung von Pfarrhof und Kirche, übernimmt das Bistum Augsburg. Die Kommune Weßling hat 100 000 Euro beigesteuert", berichtet die Kirchenpflegerin. Doch derzeit fehlen mindestens 100 000 Euro. Der Antrag für Fördermittel beim Denkmalamt läuft noch. "Erst bei Beginn der Arbeiten wurde das ganze Ausmaß der Mängel offensichtlich", sagt Reichert. So ist auch die Kirchturmuhr marode, die beiden Ziffernblätter, die jeweils 2,10 Meter hoch sind, und die Zeiger müssen erneuert werden, was weitere 34 000 Euro kosten wird. Um Privatspenden zu bekommen, hatten Mitarbeiter der Kirchenverwaltung die Idee, Miniaturuhren fürs Wohnzimmer zu basteln, die auf Bestellung von Hand angefertigt werden und 40 Euro kosten.

Die Christkönig-Kirche mit ihrem langgezogenen 52 Meter hohen Zwiebelturm ist von dem damals sehr bekannten Kirchenbaumeister Thomas Wechs entworfen worden und konnte nach einem Jahr Bauzeit am 29. Oktober 1939 eingeweiht werden. Ihm sei kein anderer Kirchturm dieser Art bekannt, hatte Brandstetter erklärt. Allein die Zwiebel misst 20 Meter. Sie wird im Innern durch ein aufwendiges Gebälk getragen.

Für die Sanierung, die der Architekt Klaus Pilz betreut, waren größere Vorarbeiten nötig. So mussten vier Zwischenböden um den Hauptpfeiler herum angebracht werden. Da es keine feste Wand gibt, musste ein zusätzlicher Stahlträger quer unterhalb der Zwiebel eingezogen werden, um das Gerüst überhaupt befestigen zu können. Als Meisterleistung der Zimmerer bezeichnet der Polier und Zimmerer Roland Kollmann von der Firma Schmid in Marktoberdorf die Arbeit.

Damit die Weßlinger sich über ihren Kirchturm informieren können, ist am Sonntag, 13. Oktober, von 11.30 Uhr an eine Besichtigung des Turminneren möglich. Dabei können Weßling, der See und die ganze Umgebung bis zu den Alpen aus einer Höhe von 45 Metern gesehen und fotografiert werden, sagt Reichert. Die Führung ist kostenlos, Spenden an die Kirchenstiftung sind willkommen.

© SZ vom 07.10.2019
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