Rund um den Starnberger See Das Fell glänzt, der Schweif ist gestutzt

Bei der Traditionsrundfahrt der Weilheimer Pferdefreunde um den Starnberger See werden nicht nur die historischen Kutschen bewertet - auch die Pferde und der Fahrer.

Von Susanne Hauck

Zum Jagdwagen, der hinten noch eine Aufhängung für das Wild besitzt, am besten ländliche Kleidung und einen weichen Hut, bloß keinen Zylinder. Bauunternehmer Eduard Fröschl aus Tirol hat mit seiner hundert Jahre alten Kutsche alles richtig gemacht. Nicht einmal ein Strohköcher für die Regenschirme fehlt. Auch die Pferde holen Punkte: Das Geschirr ist so schwarz wie das glänzende Fell der Rappen, der Schweif korrekt gekürzt. Und dann erst die Mähne: ein wahres Wunderwerk an kunstvoll verschlungenen Haarsträhnen. "Das zu flechten, dauert mindestens drei Stunden", sagt jemand anerkennend im Publikum.

Ein Sechsspänner, acht Vierspänner und 22 Zweispänner stellen sich am Samstagmittag in Ambach der strengen Prüfung der Jury und der Zuschauer auf der Terrasse des Hotels Huber am See. Seit 1983 findet die Internationale Starnberger-See-Rundfahrt statt, allerdings nur alle fünf Jahre. Der Veranstalter, der Verein Weilheimer Pferdefreunde, nimmt für sich in Anspruch, das Original der Stilfahrten zu bieten. Im Gegensatz zu anderen historischen Kutschfahrten setzt er aber nicht nur auf den Schauwert, sondern auch auf die sportliche Herausforderung. "Mit 75 Kilometern ist die Strecke die längste, die in Europa an einem Tag gefahren wird", sagt Moderator Peter Schröfl nicht ohne Stolz. Er betont immer wieder, dass Tierärzte die Pferde mehrmals auf Überanstrengung kontrollierten. Das kann man nicht zum Spaß fahren. "Ohne Vorbereitung sind 40 Kilometer machbar", erzählt Jörg Schneider, ein Augenarzt aus Wielenbach. Der 61-Jährige ist früher selbst bei dem freundschaftlichen Wettbewerb mitgefahren, heute schaut er nur zu. "Für alles über 50 Kilometer müssen die Pferde entsprechend auftrainiert sein."

Gestartet wurde schon im Morgengrauen, die ersten Kutscher mussten noch die Laternen anzünden, ehe sie im Abstand von fünf Minuten losrollten. Von Traubing bei Tutzing geht es über die Ilkahöhe bis nach Leutstetten und dann am Ostufer des Sees entlang nach Ambach, wo die Präsentation der stilvollen Gespanne vor den Preisrichtern erfolgt.

Eine echte Herausforderung an die Fahrkunst ist es, mit einem Vierspänner in die enge Einfahrt zu biegen, nicht immer schaffen das die Pferde auf Anhieb, zur Sicherheit steigt lieber der Beifahrer ab, um sie zu führen. Souverän bewältigt diese Hürde ein Hamburger Team mit einer der eindrucksvollsten Kutschen an diesem Tag: einem riesigen "Roof Seat Top", der deswegen so heißt, weil die Passagiere so hoch wie auf einem Dach sitzen, ungestört von den Dornen der die Landstraßen einsäumenden Hecken.

Parade beim Hotel Huber am See in Ambach.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Und überhaupt, Kutsche ist nicht gleich Kutsche. Was heute der schnelle BMW ist, war früher der leichte Phaeton, den der sportliche Herr selbst lenkte. Mit einer komfortablen Viktoria von 1900, einem Gesellschafts- oder Parkwagen, wie ihn Hans Lange aus Gilching besitzt, fuhr man in eleganter Aufmachung in den Alleen spazieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Mit einer zweispännigen Chaise von 1890, wie Bettina Schreiner aus Bachhausen sie lenkt, kutschierten dagegen die Landärzte zu ihren Patienten.

Schon verblüffend, was man an dem Vormittag alles lernen kann. Zum Beispiel, wie verschieden die Anordnung der Sitze ist. Die Passagiere können vis-à-vis, also einander gegenüber, oder dos-à-dos, Rücken an Rücken, Platz nehmen, ebenso wie alle hintereinander oder quer zur Fahrtrichtung. Die Bänke der Bediensteten, die im Fachjargon "Grooms" heißen, sind deswegen leicht erkennbar, weil sie niedriger sind. Oder sie verzichten ganz auf eine Rückenlehne - um eine aufrechte Haltung zu erzwingen.

Bei der Vorstellung wird auf alles geachtet: ob die Tiere in Farbe und Größe zusammenpassen, ob sie ruhig und gelassen sind, schließlich bewegen sie sich im Verkehr. Alles soll stimmen, auch die Kleidung des Fahrers und der Gäste. Zur eleganten Anspannung passt ein grauer oder schwarzer Zylinder, bei sommerlichen Temperaturen auch ein "Kreissäge" genannter Strohhut, bei einer ländlicheren Wagonette ist eine Melone die Kopfbedeckung der Wahl. Auf die Knie kommt ein Plaid, um die Kleidung nicht mit den Zügeln, Pardon: der Leine, zu beschmutzen.

Auf die Details kommt’s an: Für die Regenschirme gibt es einen speziellen geflochtenen Köcher.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Viele fahren Porsche, manche halten sich ein Pferd. Es sind aber nur wenige Individualisten, die sich das traditionelle Fahren wie vor 100 Jahren leisten. Denn es ist ein kostspieliges Hobby, gleich mehrere Tiere, eine historische Kutsche und oft auch Angestellte zu unterhalten. Schon eine Rosenstockpeitsche, bei der sich die Schnur so bequem um die Dornenansätze wickeln lässt, kostet bis zu 500 Euro, plaudert Moderator Schröfl aus dem Nähkästchen.

Dass es dann noch mal eine Steigerung ist, so wie Klaus Gröber mit Hannoveranern aus eigener Züchtung vorzufahren, können die Zuschauer sich ausmalen. Der Arzt aus Berg ist trotz niedriger Startnummer einer der Letzten in der dreistündigen Präsentation. Er ist mit seinem ungarischen Jagd-Vierspänner nicht etwa liegen geblieben. Er habe verschlafen, gesteht er freimütig.

Ergebnisse Gesamtwertung: Zweispännig: 1. Eva-Maria Dimmling, 2. Axel Geide, 3. Jasmin Langenmayr. Mehrspännig: 1. Hans Nehr, 2. André Blatter, 3. Annette von Gleichenstein. Stilwertungalle Gespanne: 1. Eva-Maria Dimmling, 2. Jasmin Langenmay, 3. Axel Geide. Konditionwertung alle Gespanne: 1. Hans Nehr, 2. Bettina Schreiner, 3. Andreas Nemitz. Frauenwertung alle Gespanne: 1. Eva-Maria Dimmling, 2. Jasmin Langenmayr, 3. Annette von Gleichenstein