Süddeutsche Zeitung

Besuch an der Schule:Amazon-Chef im Kreuzverhör

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Rocco Bräuniger wird im "Class-Chat" von Schülerinnen und Schülern der Realschule Gauting mit kritischen Fragen gelöchert.

Von Lisa Bögl, Gauting

Zwei neunte Klassen versammeln sich im Mehrzweckraum der Realschule Gauting. Es herrscht angeregtes Gemurmel, denn erwartet wird Rocco Bräuniger, Amazon-Chef von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der 47-Jährige tritt locker und sympathisch auf und bindet die Schülerinnen und Schüler mit Fragen in seinen Vortrag ein: "Was schätzt ihr: Wie viele Kunden hat Amazon weltweit?" - "Alle", kommt die Antwort aus den Reihen der 15-Jährigen. Tatsächlich sind es rund 300 Millionen.

Der Begriff "Class-Chat" wird wörtlich genommen. Es ist kein reiner Vortrag, sondern ein Dialog zwischen dem Geschäftsmann und den Jugendlichen. "Ruft ruhig rein, in unseren Meetings meldet sich auch nie jemand", scherzt Bräuniger. Lehrerin Jennifer Eggert hat sich für die Schule über die Organisation "App Camps" beworben. Bräuniger erzählt auch von seiner Karriere. In Australien habe er Amazon neu aufgebaut und in London einen Friseursalon mit einer Virtual-Reality-Vorschaumöglichkeit eröffnet. "Haben Sie ihre Kinder dann mit nach Australien genommen?", fragt eine Schülerin. Ja, das habe er, antwortet Bräuniger, diese hätten dort eine internationale deutsche Einrichtung besucht. Nach 16 Jahren bei Amazon wurde er dann im Januar 2022 zum Chef für den deutschsprachigen Raum befördert. Seinen neuen Job kurz beschreiben könne man so, sagt er: Kundenzufriedenheit sicherstellen.

In der lockeren Atmosphäre des Vortrags trauen sich die Jugendlichen, auch kritische Fragen zu stellen: "Sie sprechen immer von Kundenzufriedenheit, aber was ist denn mit der Zufriedenheit der Mitarbeitenden?", fragt ein Schüler. Bräuniger erläutert, dass Amazon ein sehr guter Arbeitgeber und die Zufriedenheit in der Firma hoch sei. Warum es dann Streik gebe und sich gegen Tarifverträge gesträubt werde, fragt der mutige Schüler weiter. Bräuniger jedoch lässt sich nicht beirren: Der Mindestlohn von zwölf Euro sei bei Amazon bereits vor der gesetzlichen Pflicht eingeführt worden, sagt er. Und während der Pandemie sei mit Impfungen und Tests auch der Gesundheitsschutz groß geschrieben worden. Zu den Bedingungen in den USA könne er allerdings nichts sagen, das fiele nicht in seinen Bereich. Zufriedenstellend scheint diese Antwort für den Schüler nicht zu sein.

Zufälligerweise fällt der Vortrag genau auf den "Girls' Day". Auch Amazon sei es wichtig, die Diversität bei ihren Mitarbeitenden zu erhöhen, sagt Bräuniger. Leider komme aber immer noch die große Mehrheit der Bewerbungen im IT-Bereich von Männern. Deswegen müsse schon in den Schulen angesetzt werden. Bräuniger selbst hat drei Töchter im Schulalter. Er gibt den Jugendlichen Tipps, wie sie im Berufsleben voran kommen können - keine Angst vor Innovation, das ist ein Punkt auf seiner Liste. Außerdem: Mutig sein, auch wenn andere einen vom Weg abbringen wollen, und einen Beruf suchen, der Spaß macht.

Und Ausbildungsberufe? Aktuell gebe es am Firmensitz München noch keine, so Bräuniger. Er wirbt bei den jungen Leuten aber für den IT-Bereich, denn gute Programmierer, die würden bei Amazon immer gesucht. Zudem würde aktuell daran gearbeitet, in Zukunft dort die Ausbildung zum E-Commerce-Kaufmann anzubieten. Und vermutlich wird sich Bräuniger im Sinn der Diversität besonders freuen, wenn da dann auch ein paar E-Commerce-Kauffrauen dabei sind.

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