Pflastersteine und Kies sind auf einer Grünfläche hinter der Gautinger Realschule aufgehäuft, ein Container eines Glasrecycling-Unternehmens aus Schierling steht dort. Teile der Fassade sind mit grüner Plastikfolie verhängt, das Fundament ist teilweise freigelegt, meterweise Schüco-Klebeband ist an den Fenstern angebracht, beim Busbahnhof sind zwei Dutzend Paletten mit Dämmplatten abgestellt. Fast um das ganze Gebäude herum steht ein Gerüst. 14 Jahre nach Eröffnung sieht das Schulhaus wieder aus wie eine Baustelle.
Nach und nach sind immer mehr Baumängel aufgetaucht, mittlerweile dürfte das erschreckende Ausmaß der Schäden größtenteils bekannt sein. Und auch, was das kostet. Die Schätzung beläuft sich mittlerweile auf etwa 20 Millionen Euro. Dies bestätigt die ehemalige Gautinger Bürgermeisterin Brigitte Kössinger, die noch Vorsitzende des Realschul-Zweckverbandes mit Sitz im Rathaus ist. Zu dem Zweckverband gehören die Landkreise Starnberg und München sowie die Gemeinden Gauting, Krailling, Pöcking, Gräfelfing, Planegg und Neuried sowie die Stadt Starnberg. Gemeinschaftlich wurde der Neubau erstellt und die Sachaufwandsträgerschaft übernommen. Der Neubau hatte 34 Millionen Euro gekostet.
„Wir waren alle fassungslos, als wir die Bilder gesehen haben und erfahren haben, was da los ist. Da ist wirklich katastrophal gearbeitet worden“, sagt die scheidende Verbandsvorsitzende Kössinger. Sachverständige haben den Bau genau untersucht, die Mängel aufgelistet und in einer Präsentation mit Fotos bei einer Zweckverbandssitzung vorgestellt. Es ist ein regelrechter Pfusch-Katalog. Ein paar Beispiele: Zahlreiche Fensterscheiben sind gerissen, Dämmplatten sind gestückelt und schlecht verklebt, tragende Bauteile sind verrostet, wegen unsachgemäßer Dichtung tritt teilweise Wasser ein, manchmal wurde anders gebaut als geplant. All das ist mit Fotos dokumentiert, die Auflistung ließe sich noch fortsetzen.
Das Dach der Aula ist betroffen, diverse Türen müssen erneuert werden. In den Fensterkonstruktionen sei stellenweise Holz eingebaut worden, wo Kunststoff hingehört hätte, berichtet Verbandsvorsitzende Kössinger. In der Folge sei Wasser eingedrungen, Ameisen hätten sich in den Fensterrahmen ausgebreitet und weitere Schäden angerichtet. Absturzsicherungen sind nicht korrekt angebracht.

Angefangen hat es schon 2014, nur zwei Jahre nach der Eröffnung der Schule, als ein fehlerhaft montiertes Fenster beim Öffnen aus der Verankerung gebrochen war. Ein Achtklässler wurde dabei verletzt und musste ins Krankenhaus. Sicherheitshalber wurden Griffe abgeschraubt, zeitweise konnte deswegen nicht mehr richtig gelüftet werden. Später tauchten in zahlreichen Glasscheiben Sprünge auf, die Klebestreifen über diesen Sprüngen sind noch zu sehen, auch am Lehrerzimmer. Schließlich wurde beschlossen, die gesamte Glasfassade auszutauschen; da war noch von Ausgaben in einer Größenordnung von fünf Millionen Euro die Rede. Im vergangenen Sommer haben die Arbeiten begonnen, und dabei zeigte sich bald, dass man es hier mit einem Murks in Ausmaßen zu tun hat, die keiner erahnen konnte.

Viele Probleme kamen erst zum Vorschein, als Teile der vorgehängten Fassaden abgenommen wurden, um die Fenster auszutauschen. Diese bunten Elemente sind geradezu ein Markenzeichen der Gautinger Realschule, die von den Stuttgarter Architekten Ansgar und Caterina Lamott geplant wurde. Die in den Farben blau, rot, gelb und orange lackierten Bleche lagern nun im Pausenhof hinter Bauzäunen.
Die immensen Kosten für die Sanierung muss die öffentliche Hand übernehmen. Das steht fest, nur die Aufteilung ist noch nicht ganz geklärt. So ist strittig, inwieweit auch der Landkreis Starnberg zu beteiligen ist. Diese Frage sei „noch nicht abschließend geklärt“, teilte eine Sprecherin des Landratsamts mit. Die Gemeinden Krailling und Pöcking und die Stadt Starnberg hatten eine Klage vor dem Verwaltungsgericht in Erwägung gezogen, um das zu klären. Kössinger geht aber davon aus, dass es noch zu einer Einigung kommt.

Von den beteiligten Firmen ist nichts mehr zu holen; auch das steht wohl fest. Die Baufirma aus der Oberpfalz, die damals beauftragt war, hatte schon bald nach Abschluss der Arbeiten Konkurs angemeldet. Aber auch das Architekturbüro, das mit der Bauaufsicht beauftragt war, ist nicht mehr zu belangen, weil etwaige Ansprüche laut Kössinger verjährt sind. Obwohl dieses Büro offenbar gründlich versagt hat. „Die Sachverständigen sagen, dass die Fehler so gravierend sind, dass man sie hätte sehen müssen. Also gehen wir davon aus, dass auch bei der Bauüberwachung Fehler passiert sind“, sagt dazu Kössinger. Eine E-Mail an das Büro mit der Bitte um einen Rückruf in der vergangenen Woche blieb ohne Reaktion.
Wie lange die Ertüchtigung dauert, ist kaum abzusehen. Seit ein paar Wochen ruhen die Arbeiten; einfach weitermachen hatte keinen Sinn mehr angesichts der bösen Überraschungen an allen Ecken und Enden. „Nachdem die so viele Mängel gefunden haben, musste man neu planen, wie man am besten die Mängel beseitigt“, erklärt Kössinger. Die Schüler müssen weiterhin mit Einschränkungen durch die Reparaturen leben, Innenhöfe sind derzeit gesperrt. Wann die Arbeiten fortgesetzt werden, steht noch nicht fest. Spätestens Anfang Juli soll es weitergehen, erklärt Angie Westner, die Geschäftsführerin des Realschul-Zweckverbands. Weitere Arbeiten würden auch erst im kommenden Jahr in Angriff genommen. „Ich hoffe nur, dass keine weiteren Überraschungen kommen“, sagt sie.

