Menschen mit Höhenangst dürfte dieser Anblick den Angstschweiß auf die Stirn treiben: Zwei Männer stehen in knapp 40 Metern Höhe direkt auf der knallroten Antenne 1. Sie erledigen dort erste Arbeiten für die Montage der Hülle, die eines der spektakulärsten Industriedenkmäler Deutschlands in diesen Tagen wieder erhalten soll. Die Rede ist vom Radom in Raisting, der Satelliten-Empfangsstation, über die unter anderem 1969 die Mondlandung live in alle Welt übertragen wurde. 2020 hatte der Sturm "Bianca" die Schutzhaube der berühmten Erdfunkstelle am Ortsrand von Raisting südlich des Ammersees zerstört. Voraussichtlich am Freitag soll das Radom nun wieder neu eingekleidet werden.
Mit bis zu 121 Stundenkilometern war "Bianca" in den frühen Morgenstunden des 28. Februar 2020 über das Radom gefegt und hatte dabei die etwa 5300 Quadratmeter große, aber nur knapp zwei Millimeter dünne Haut erst stark verformt, dann in mehrere Teile zerrissen. Seither war eines der Wahrzeichen in dieser Gegend nicht mehr als riesige Kuppel weithin sichtbar, sondern nur mehr die knallrote und seit 1985 stillgelegte Antenne selbst. Viele Schaulustige und auch Fotografen hatte sie seither dennoch angelockt - und auch an diesem Dienstagnachmittag verirren sich so einige Spaziergänger und Radfahrer an den Bauzaun, der sich großflächig um das Denkmal zieht. Jeder von ihnen hofft wohl, etwas davon mitzubekommen, wie die neue Hülle aufgezogen wird.

An diesem Tag wurden jedoch erst einmal mit elf großen Lkws die einzelnen Bauteile des 750 Tonnen schweren Krans geliefert, ohne den ein solches Vorhaben nicht zu bewerkstelligen wäre. "Da gibt's nur ganz wenige in Deutschland davon", erzählt ein Beschäftigter an diesem Tag auf der Radom-Baustelle. Es ist ihm deutlich anzumerken, dass auch er beeindruckt davon ist, was sich in diesen Tagen dort alles tut. Doch ein Kran allein, sei er auch noch so groß, würde die Aufgabe, die vor ihm liegt, nicht bewerkstelligen. Nötig ist wohl noch ein Hilfskran mit 200 Tonnen, der die 16 Seile, die für den Aufzug nötig sind, in der richtigen Führung belassen soll.
Tatsächlich verbirgt sich hinter dem ganzen Prozedere ein enormer Kraft- und Planungsakt, der ursächlich bereits zum Tag des offenen Denkmals am 12. September abgeschlossen sein sollte. Doch das war zu optimistisch gedacht: Der Generalauftrag wurde erst im März dieses Jahres an ein Rosenheimer Unternehmen vergeben, die Folie wiederum von einer Grazer Firma gefertigt, die Hülle hingegen stammt aus Istanbul. Insgesamt sind etwa 25 Firmen mit der Sanierung des Radoms befasst, die mit etwa 2,4 Millionen Euro zu Buche schlägt und von der Versicherungskammer Bayern übernommen wird. Rund 600 000 Euro davon entfallen allein auf die Schutzhülle.

Deren Montage hatte bereits am Montag Generalprobe. Da ist zum Beispiel der riesige Ring, der als eine Art Gerüst für die riesige Plane aus Polyester und PVC dienen soll. Er ähnelte am Montag, mit Luft aufgepumpt, eher einem Schwimmbassin, aus dessen Mitte dann, wie mit einem Angelhaken, die Hülle in 85 Meter Höhe gezogen werden soll, um dann montiert werden zu können.
Dass dabei etwas schiefgehen könnte, glaubt René Jakob, Geschäftsführer der Radom Raisting GmbH, die zu 100 Prozent dem Landkreis Weilheim-Schongau gehört, spätestens seitdem nicht mehr. Er fürchtet sich allerdings vor Wind, der das Vorhaben an diesem Freitagmorgen gefährden könnte: "Nieselregen oder Sonne, das wäre egal." Ein Meteorologe sei mit Wetterbeobachtungen beauftragt worden. Zudem gebe es eigene Stationen auf dem Gelände, sagt Jakob: "Zur Not müssen wir die Montage auf das Wochenende verschieben."

Die neue Haut ist übrigens bereits die dritte: 2010 war die erste Hülle des 1985 stillgelegten Radoms wegen Einsturzgefahr getauscht worden. Hunderte hatten das Spektakel beobachtet. Der jetzige Tausch dürfte jedoch eine neue Ära in der Geschichte des Denkmals einläuten: Das Radom soll künftig mehr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden als bisher. Wie genau, steht aber noch nicht fest.

