„Erschreckend, eine apokalyptische Optik.“ So beschreibt Andreas Achterberg, der Hafenwart des Bayerischen Yachtclubs (BYC) in Starnberg, Unterwasseraufnahmen aus dem Chiemsee. Die Quagga-Muschel breitet sich dort aus, eine invasive Art, die sich zur Plage entwickeln und große Schäden an Ökosystem und Infrastruktur anrichten kann. Im vergangenen Herbst wurde sie per Gen-Analyse erstmals im Starnberger See nachgewiesen, nun ist sie erwiesenermaßen auch im Ammersee angekommen, teilt das Landratsamt mit. Fischer und Segler sind deswegen in großer Sorge, die Ausbreitung scheint sich kaum aufhalten zu lassen. Die Untere Naturschutzbehörde will es dennoch mit Regeln für Wassersportler und Ausflügler versuchen.
Für einen Verein wie den Yachtclub in Starnberg, der im Regattabetrieb aktiv und erfolgreich ist, bringe das Quagga-Problem zusätzliche Komplikationen mit sich, berichtet Achterberg. So werden Motorboote im Training und bei der Jugendarbeit auch auf anderen Seen eingesetzt. Künftig müssten wohl die Kühlwassersysteme gründlich gespült werden, um die Larven der Muschel nicht zu verschleppen. Lieber wolle man jetzt zusätzlichen Aufwand in Kauf nehmen, ehe irgendwelche Verbote kommen, so Achterberg. Bei einer Vorstandssitzung in der vergangenen Woche stand die Muschel daher auf der Tagesordnung. Eine Information an die Mitglieder soll vorbereitet werden; mit anderen Vereinen am See sei man bereits im Austausch, sagt der BYC-Hafenwart.
Mit dem Deutschen Touring Yachtclub (DTYC) in Tutzing zum Beispiel, der eine Art Selbstverpflichtung veröffentlicht hat unter dem Titel: „Jetzt kommt es auf uns an“. Im Starnberger See befinde sich die Ausbreitung der Muschel noch in einem frühen Stadium, „genau deshalb sind jetzt Aufmerksamkeit und konsequentes Handeln entscheidend“, heißt es in dem Appell des Clubs an seine Mitglieder. Die wichtigste Regel ist demnach: Nach Regatten, Trainings oder anderen Einsätzen in fremden Gewässern darf ein Boot nicht sofort wieder in den See eingesetzt werden; Boote, Motoren und Ausrüstung sollen mindestens fünf Tage vollständig trocken bleiben. Der Hintergrund: Die mikroskopisch kleinen Larven, die an Oberflächen haften bleiben, können bis zu vier Tage auf dem Trockenen überleben.
Nachdem die beiden großen Seen im Landkreis bereits besiedelt sind, geht es jetzt vor allem darum, den Pilsensee und den Wörthsee vor der lästigen Muschel zu schützen. „Die Quagga-Muschel gilt als eine der invasivsten Süßwassermuscheln Europas und kann Gewässerökosysteme innerhalb weniger Jahre nachhaltig verändern“, erklärt Sascha Scharpff von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. Die Dreikantmuschel mit dem lateinischen Namen Dreissena rostriformis bugensis ist bis zu drei Zentimeter groß. Ihre dunkel-hell gestreifte Schale erinnert an das Muster eines Quagga-Zebras und ähnelt der bereits etablierten Zebra-Muschel; Laien können beide kaum voneinander unterscheiden.

Vor zehn Jahren ist die vom Flussdelta am Schwarzen Meer eingeschleppte, invasive Muschelart im Bodensee aufgetaucht, vor eineinhalb Jahren wurde sie auch im Chiemsee nachgewiesen. Sie vermehrt sich stark und kann vielfältige Probleme verursachen. Sie könne Schiffsrümpfe und Bojen überwuchern, Leitungen verstopfen, Fischernetze oder die Motorkühlung von Booten beschädigen, warnt das Starnberger Landratsamt. An den scharfen Kanten könnten sich Badegäste Schnittwunden zuziehen. Das Hauptproblem aus ökologischer Sicht: Die Muschel verdrängt einheimische Fischarten, weil sie mit ihnen um Nahrung und Lebensraum konkurriert.
Deshalb schwant der Vorsitzenden der Fischereigenossenschaft Würmsee, Katrin Kirner aus Seeshaupt, Übles: „Das ist dramatisch, was da auf uns zukommt“, sagt sie am Telefon. „Wenn das so eintrifft, wie die Wissenschaftler sagen, gibt es über kurz oder lang keine Fische mehr im See. Für uns wäre das natürlich eine Katastrophe.“ Die Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von 34 Fischern und hat die Fischrechte am Starnberger See vom Freistaat gepachtet. Nun ist zu befürchten, dass die Muschel den Renken die Nahrung wegfrisst.
Das Starnberger Landratsamt befürchtet einen Befall weiterer Seen: Die im Wasser treibenden Larven der Quagga-Muschel seien mit bloßem Auge nicht zu sehen und nur unter dem Mikroskop erkennbar. Auf Luftmatratzen, Booten oder Paddelboards könnten sie weitertransportiert werden. Das soll durch eine Reihe von Vorkehrungen verhindert werden. Dazu zählen: gründliche Reinigung von Booten und anderen Gefährten, vollständiges Entfernen von Restwasser, das jedoch nicht in den See abgelassen werden darf, Sportgeräte mindestens fünf Tage trocknen lassen.
„Vielleicht kann man es verzögern, aufhalten wohl nicht.“
Notfalls solle die Ausrüstung mit Desinfektionstüchern auf Basis von Wasserstoffperoxid gereinigt werden, teilt das Landratsamt mit. Diese sollen an Kiosken in der Nähe der Seen erhältlich sein. Das Bleichmittel wirkt stark desinfizierend und keimtötend und ist vor allem bekannt als traditionell angewandtes Mittel zum Blondieren von Haaren. Der Ruhrverband im Sauerland hat damit im Bereich seiner Talsperren bereits Erfahrungen gesammelt. Allerdings gibt es dort auch schon Verbote; so ist der Einsatz eigener Wassersportgeräte wie SUPs, Kanus oder Schlauchboote untersagt.
Der Gewässerbiologe Michael Schubert ist skeptisch, ob sich die Ausbreitung der Muschel überhaupt noch stoppen lässt. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für Fischerei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Starnberg und kennt sich daher bestens aus in den hiesigen Seen. Die aktuelle Entwicklung ist auch in seinen Augen „sehr beunruhigend“. Die behördlich geplanten Abwehrmaßnahmen bewertet der Leiter des Arbeitsbereiches Fluss- und Seenfischer am Institut mit gebremstem Optimismus. Er gibt zu bedenken, dass gerade im Fünfseenland sehr viele Freizeitsportler unterwegs seien, die mit Boot oder SUP auch mal von einem See zum nächsten wechseln, ohne alles gründlich zu säubern. Und so befürchtet der Wissenschaftler: „Vielleicht kann man es verzögern, aufhalten wohl nicht.“ Man solle es aber versuchen.

