Amtsgericht Starnberg:Attacke am Gartentor

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Ein Familienstreit um Erbschaft und Wohnrecht eskaliert, doch das Gericht bezweifelt den Ablauf des Geschehens: Freispruch für den Angeklagten.

Von Christian Deussing, Starnberg

Seit Jahren schon tobt in der großen Familie ein Erbschaftsstreit um ein Haus in einer Gemeinde am Starnberger See. Das Obergeschoss des Gebäudes bewohnt ein 39-jähriger Lehrer, der sich hierbei auf das Testament eines verstorbenen Onkels beruft. Die Gültigkeit des Papiers zweifelt jedoch die Gegenseite an, deren Familienmitglieder das Erdgeschoss und den mittleren Stock des Anwesens nutzen. Die Auseinandersetzung eskalierte vor zwei Jahren, als der Lehrer für den Umbau und die Renovierung seiner Dachwohnung Dämmmaterial anliefern und die Paletten vor der Garage abstellen ließ. Das wurde als Affront empfunden, weil dies ohne Rücksprache mit den unteren Bewohnern erfolgt sein soll. Nach einer Rangelei am Gartentor soll der 39-jährige Pädagoge laut Anklage einen der Kontrahenten aus der unteren Wohnung plötzlich von hinten derart heftig gewürgt haben, dass der junge Mann mit einem Halswirbel-und Würgetrauma sogar einen Tag in einem Krankenhaus verbringen musste. Der Lehrer musste sich daher wegen vorsätzlicher Körperverletzung nun vor dem Amtsgericht Starnberg verantworten.

Der Prozess endete jetzt jedoch mit einem Freispruch. Die Tat war nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Dies betonte in der Verhandlung auch die Staatsanwältin, nachdem der Lieferant des Dämmstoffs als unabhängiger Zeuge ausgesagt hatte, keine Würgeattacke gesehen zu haben. Zudem seien die angeführten Verletzungen am Hals "uneindeutig", betonte die Strafverfolgerin. Zuvor hatte der beschuldigte Lehrer den Vorwurf abgestritten, seinen 24-jährigen Kontrahenten in der Auseinandersetzung gewürgt zu haben. "Das ist eine freie Erfindung und ein Lügenmärchen, mit dem man mich wohl aus dem Haus ekeln will", erklärte der Angeklagte. Es habe lediglich eine Schubserei am Tor gegeben, bei der ihm die Tür seitlich in den Bauch geschlagen worden sei. Der Verteidiger glaubt sogar, dass sich der Kontrahent die dezente Hautabreibung am Nacken selbst zugefügt haben könnte.

"Es knackte und mein Herz raste", erzählt der Student dem Gericht

Dagegen lieferte der jüngere Gegner eine ganz andere Version des handgreiflichen Streits ab. So sei der Angeklagte wutentbrannt auf ihn am Tor zugelaufen und habe sich überhaupt nicht unter Kontrolle gehabt, berichtete der 24-jährige Student. Er behauptete, sich selbst ruhig verhalten zu haben. Als er sich dann schon abgewendet habe, soll ihm der Angeklagte dann aber von hinten gepackt, die Armbeuge um den Hals gelegt und ihm komplett den Kehlkopf zugedrückt haben. "Es knackte und mein Herz raste", erzählte der 24-Jährige dem Gericht.

Kurz nach dem Vorfall hatte der Vater des angeblich attackierten Studenten die Polizei gerufen. Einer der Beamten gab in der Verhandlung an, leichte Rötungen am Hals des Mannes gesehen zu haben, der über starke Schmerzen im Nackenbereich geklagt habe. Der Polizist sagte aber auch, dass ihm das schwere Atmen des jungen Mannes "übertrieben" vorgekommen sei.

Auch Richterin Stephanie Henninger hatte ihre Zweifel an der Darstellung des Vorfalls. Sie merkte an, dass der 24-Jährige wohl "eher die Atmosphäre angeheizt" habe. Überdies sei ihr auch unklar, ob es "echte Atemnot oder auch Theater dabei gewesen" sei. Zudem sei die Diagnose aus medizinischer Sicht nicht objektiv verifizierbar und es stünden in dem Fall Aussage gegen Aussage. Jedenfalls müsse hier im Zweifel für den Angeklagten entschieden werden, befand die Richterin. Sie riet aber beiden Parteien - die sich auch zivilrechtlich seit Langem streiten - dringend dazu: "Machen Sie eine Mediation, denn so geht es nicht weiter."

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